Nervös sah sie sich weiter um und lauschte nunmehr mit all ihren Sinnen - auch mit denen, die Renouf und vermutlich auch Mrs Walsh zu Tode erschreckt hätten, hätten sie auch nur von ihrer Existenz geahnt -, aber da war ... nichts.
Gar nichts.
Um ein Haar hätte sie vor Schrecken aufgeschrien.
Sie spürte ... nichts. Sie hörte und sah Renouf und Mrs Walsh, vernahm das leise Murmeln der anderen Museumsbesucher und das gedämpfte Geräusch ihrer vorsichtigen Schritte und, wenn sie sich mit aller Macht konzentrierte, sogar ein leises, regelmäßiges Hämmern oder Klopfen, das aus einem anderen Raum herüberdrang, aber das war alles. All ihre anderen Sinne, die sie über so lange Zeit zu einer der wenigen Sehenden in einer Welt der Blinden gemacht hatten, waren plötzlich nicht mehr da. Selbst die gestaltlose Furcht, die die ganze Zeit über beharrlich am Rande ihres Bewusstseins gekratzt hatte, war plötzlich verschwunden. Von einer Sekunde auf die andere war es, als wäre sie all ihrer Sinne beraubt worden. Sie fühlte sich einsam und unendlich verloren, taub und blind zugleich. Ihr Herz begann zu hämmern.
»Miss Bast?«, fragte Mrs Walsh. Sie klang alarmiert, besorgt. »Stimmt etwas nicht?«
»Nein«, antwortete Bast hastig, »Ich meine ... nein. Keine Sorge. Es ist alles in Ordnung.« Was für ein Unsinn. Hier stimmte etwas sogar ganz und gar nicht, aber nicht mit diesem Gebäude oder den ausgestellten und geraubten Kunstschätzen, sondern mit ihr. Es waren nicht ihre Sinne, die sie im Stich ließen - ihre Kraft erlosch, so einfach war das. Was sie erlebte, war das Gegenstück zu einem Schwächeanfall bei einem Verhungernden. Sie brauchte Nahrung. Bald »Ganz sicher?«, beharrte Mrs Walsh.
Sie schwieg.
So schnell die Schwärze sie überkommen hatte, so rasch und lautlos meldeten sich ihre Sinne wieder zurück, und obwohl sie sie nur für wenige Augenblicke im Stich gelassen hatten, taten sie es mit so schneidender Schärfe, dass Bast einen hastigen Schritt zur Seite machen musste, um nicht zu deutlich zu schwanken.
»Ganz sicher?«, fragte Mrs Walsh noch einmal.
»Wenn es Ihnen heute nicht passt, kann ich gerne einen anderen Termin für Sie arrangieren«, schlug Renouf vor. Irrte sie sich, oder sah auch er sie plötzlich besorgt an?
»Nein, das wird nicht nötig sein«, sagte sie rasch. »Wenn wir schon einmal hier sind, wäre es doch dumm, den Weg noch einmal zu machen.«
Renouf sah ungefähr so überzeugt aus wie Mrs Walsh, aber er war zumindest höflich genug, nicht noch einmal zu fragen, sondern machte nur eine einladende Handbewegung. »Dann folgen Sie mir, meine Damen.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich herum und ging gerade schnell genug voraus, dass es Mrs Walsh alle Mühe kosten musste, mit ihm Schritt zu halten. Bast mochte sich täuschen - weder an seinem freundlichen Lächeln noch an seiner Zuvorkommenheit hatte sich auch nur eine Winzigkeit geändert, seit Mrs Walsh aufgetaucht war -, aber sie hatte das Gefühl, dass er nicht unbedingt begeistert von deren Anwesenheit war. Konnte es sein, dass er ...?
Nein. Obwohl sich Bast nicht einmal gestattete, die Frage ganz zu Ende zu denken, beantwortete sie sie doch zugleich im selben Moment. Renouf gefiel sich vielleicht darin, den Charmeur zu spielen, und sicher schmeichelte es ihm, dass sie dieses kleine Spielchen mitspielte, aber das war auch schon alles. Sie musste seine Gedanken nicht lesen, um zu wissen, dass er im Grunde ganz genau das war, wonach er auch auf den ersten Blick aussah: ein harmloser Gelehrter mit den perfekten Manieren eines Gentlemans. Und außerdem schätzte sie ihn realistisch genug ein, um zu begreifen, dass sie nicht nur einen guten Kopf größer war als er, sondern auch gute dreißig Pfund schwerer und in ungleich besserer Verfassung. Sie hätte nicht einmal sein müssen, was sie war, um mühelos mit ihm fertig zu werden.
Während sie gleichzeitig versuchte, zu Renouf aufzuschließen und den Abstand zu Mrs Walsh nicht zu groß werden zu lassen - mit dem Ergebnis natürlich, dass keines von beidem wirklich klappte -, warf sie einen flüchtigen Blick über die Schulter zu Henry zurück. Der grauhaarige Museumswächter blickte ihnen genauso missmutig nach, wie sie es nach Mrs Walshs Worten auch erwartet hatte, zugleich aber auch so misstrauisch und aufmerksam, wie man es von einem Beamten im Dienste Ihrer Majestät erwarten konnte ... aber er runzelte zugleich auch irgendwie verwirrt die Stirn, und Bast hatte das sonderbar sichere Gefühl, dass dieses Stirnrunzeln nicht nur Mrs Walsh und ihr galt, sondern in mindestens ebensolchen Maße auch Renouf. Anscheinend war das Verhältnis des Direktors zum Personal nicht das Beste.
Sie erreichten das jenseitige Ende der Halle und gingen unter einem erst zum Teil fertig gestellten Fries vorbei, das Osiris' Reise in die Unterwelt darstellte. Wenn es irgendwann einmal fertig war, würde es diesen Teil der Halle in den Ausschnitt eines Pharaonengrabes verwandeln, und das mit einer Detailtreue, der sie sogar eine widerwillige Bewunderung zollen musste - zumindest so lange, bis sie nahe genug war, um die halb verblassten Bilder genauer zu erkennen, dann schlug ihre Bewunderung in einen jähen, kalten Zorn um.
Es war keine Kopie. Jemand hatte den echten Wandverputz aus einem Pharaonengrab entfernt - sie wusste sogar, aus welchem - und hierher gebracht, und er war dabei nicht einmal besonders vorsichtig zu Werke gegangen. Viele der Beschädigungen, die die Restauratoren mit großem Geschick auszubessern versucht hatten, ohne dass sie ihrem kundigen Blick wirklich entgingen, waren neu, wo Menschen mit einer einzigen unbedachten Bewegung mehr Schaden angerichtet hatten als die Zeit in ungezählten Jahrhunderten. Und das alles aus keinem anderen Grund als dem, es der immerwährenden Dunkelheit und Stille zu entreißen, für die es einzig und allein erschaffen worden war, und es von den Blicken neugieriger Menschen besudeln zu lassen, die nicht einmal wussten, was sie da sahen.
»Stimmt irgendetwas nicht, meine Liebe?«
Bast fuhr zusammen, als Mrs Walshs Stimme unmittelbar neben ihr erklang. War sie wirklich so lange in die Betrachtung versunken gewesen?
»Sie sehen erschrocken aus.«
»Eher ... überrascht«, antwortete Bast. Sie hörte sogar selbst, wie lahm diese Antwort klang. Trotzdem deutete sie auf das halb fertige Relief und fügte mit einem raschen und ebenso nervösen, wenig überzeugenden Lächeln hinzu: »Ich hätte nicht erwartet, so etwas hier zu sehen.«
Mrs Walsh musterte sie für die Dauer eines weiteren, endlosen Atemzuges aufmerksam - und nicht im Geringsten überzeugt von dieser schalen Ausrede -, ehe sie ihren Blick von ihrem Gesicht losriss und sich dem Relief zuwandte.
»Erstaunlich«, sagte sie. »Vor allem, wenn man bedenkt, mit welch primitiven Mitteln diese Menschen gearbeitet haben müssen.«
Bast gestattete sich nicht, wütend zu werden. »Glauben Sie mir, Mrs Walsh, diese Menschen waren nicht halb so primitiv, wie Ihre Landsleute im Allgemeinen annehmen ... oder Sie glauben machen wollen.«
Mrs Walshs Blick wurde noch zweifelnder; sie beließ es dann aber bei einem angedeuteten Schulterzucken und einem kaum hörbaren Seufzen. »Gleichwie«, sagte sie, »es ist auf jeden Fall ein erstaunliches Stück Handwerkskunst. Und an einem Platz wie diesem mag es auch seine Berechtigung haben ... auch wenn es zweifellos heidnischen Inhaltes ist.«
»Zweifellos«, bestätigte Bast. Einen winzigen Moment lang war sie ernsthaft versucht, Mrs Walsh zu verraten, wie viel von ihrem christlichen Glauben auf die Geschichte ihres Volkes zurückzuführen war und wie viele Passagen ihrer Bibel aus anderen Religionen und unendlich viel älteren, unendlich wahreren Glaubensbekenntnissen zusammengestohlen war. Aber sie verzichtete darauf. Nicht jetzt.