»Sie machen sich wirklich keine Sorgen um die Bequemlichkeit Ihres Personals, wie?«, fragte Mrs Walsh.
»Es sind nur wenige Stufen, und es sieht schlimmer aus, als es ist«, antwortete Renouf. »Aber ich kann verstehen, wenn es Ihnen zu mühsam ist. Wenn Sie es wünschen, bringe ich Sie zurück in die Halle, und Ihre Begleiterin und ich gehen allein.«
»Ha!«, machte Mrs Walsh, warf ihm einen geradezu vernichtenden Blick zu und begann stolz erhobenen Hauptes die Treppe hinunterzugehen. Die betagte Konstruktion ächzte unter Mrs Walshs Gewicht, und die Dunkelheit dort unten erfüllte Bast mit immer größerem Unbehagen, obwohl ihre Sinne ihr sagten, dass dort keine Gefahr auf sie lauerte. Aber noch viel weniger gefiel ihr der Gedanke, dass Renouf ganz offensichtlich daran gelegen war, Mrs Walsh zurückzulassen. Sie fragte sich, warum.
Sie richtete diese Frage auch an ihn, lautlos und auf eine Weise, auf die er ihr die Antwort nicht verweigern konnte ... aber sie bekam sie trotzdem nicht.
Renouf hatte anscheinend nichts zu verbergen und führte nichts im Schilde. Er war allenfalls ein wenig verstimmt über Mrs Walshs Begleitung, weil sie ihn seiner Meinung nach daran hinderte, ein wenig mit ihr zu schäkern. Wenn er Geheimnisse hatte, dann waren sie so tief in ihm verborgen, dass nicht einmal sie sie entdecken konnte.
Dicht hinter Mrs Walsh eilte sie die Metallstufen hinab und wartete ungeduldig, bis sich auch Renouf zu ihnen gesellt hatte.
»Dort entlang.« Renouf wedelte in die Tiefe des Ganges hinein, der sich in seiner Breite von dem oben unterschied, aber ebenso schmucklos und schlecht beleuchtet war wie der oben. »Gleich die dritte Tür auf der rechten Seite.«
Mrs Walsh sah sich demonstrativ schaudernd um. »Was ist das hier?«
»Nun, unser Keller, gnädige Frau«, antwortete Renouf, während er bereits losging. »Alles, was man auch in jedem anderen Keller finden würde - die Heizung, Wasserrohre und Brennstoff und allerlei nutzlosen Kram, den man langst hätte wegwerfen sollen, von dem man sich aber einfach nicht trennen kann ... wie in jedem anderen Keller auch; nur ein wenig größer eben. Und unser Magazin natürlich.«
»Magazin?«
»Wir haben viel zu viele Exponate, um sie alle gleichzeitig auszustellen, gnädige Frau«, antwortete Renouf, dem es sichtliche Freude bereitete, über seine Schätze zu reden. »Das könnten wir gar nicht. Nicht einmal unser Platz reicht dazu aus. Das allermeiste lagern wir hier unten ein und tauschen es von Zeit zu Zeit aus.«
Sie hatten die Tür erreicht, auf die er gerade gedeutet hatte, und Renouf drückte die Klinke herunter und zog sie auf, trat jedoch nicht hindurch, sondern machte nur eine einladende Geste mit der freien Hand. »Bitte, die Damen.« Er blinzelte Bast zu. »Und keine Sorge. Dahinter gibt es keine Stufe.«
Aber auch keine Menschen. Hinter der Tür brannte das ruhige gelbe Licht einer Petroleumlampe, und sie hörte nicht den mindesten Laut. Ganz plötzlich war ihr Misstrauen wieder da, und dass sie nach wie vor genau wusste, wie wenig Grund es dafür gab, machte es eher schlimmer. Mrs Walsh trat gehorsam durch die Tür, aber Bast rührte sich nicht, sondern sah Renouf nur aus schmalen Augen an.
»Was soll das?«, fragte sie. »Das ist nicht der Aufenthaltsraum.«
»Nein«, gestand Renouf. »Ich gebe zu, Sie haben mich ertappt. Der Aufenthaltsraum liegt hinter der nächsten Tür, und selbstverständlich bringe ich Sie sofort dorthin. Aber ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen, Ihnen unseren größten Schatz zu zeigen. Tun Sie einem alten Mann die Freude und schenken Sie ihm fünf Minuten Ihrer Zeit. Sie werden es nicht bereuen, das verspreche ich.«
Bast wusste, dass sie es bereuen würde, aber trotz allem konnte sie nicht anders, als die Mischung aus Unverschämtheit und Nonchalance zu bewundern, die Renouf an den Tag legte ... und er hatte ihre Neugier geweckt. Auch wenn sie ziemlich sicher war, dass ihr das, was er ihr zeigen wollte, noch sehr viel weniger gefallen würde als die Halle oben.
Sie war es allein ihrem Stolz schuldig, noch einen Herzschlag lang zu zögern und ihn trotzig anzufunkeln, aber dann trat sie doch an ihm vorbei und gebückt durch die Tür.
Etwas ... streifte sie.
Es war kein körperliches Gefühl, sondern ein Empfinden wie die Berührung schwebender Spinnweben auf der Haut, nur dass dieses klebrige Tasten ihre Seele streifte und ungleich düsterer und kälter war, sodass sich etwas in ihr krümmte wie unter einem jähen Schmerz. Und vielleicht hätte sie sogar auf diese allerletzte, verzweifelte Warnung noch reagiert, hätte sie das, was sie erblickte, nicht trotz allem so vollkommen überrascht.
Wie sie erwartet hatte, war Mrs Walsh der einzige Mensch, der sich in dem weitläufigen, niedrigen Raum befand, aber das nahm sie kaum zur Kenntnis.
Sie hatte geglaubt, die perfide Zurschaustellung gestohlener Vergangenheit oben in der Halle wäre das Schlimmste, was sie an diesem Ort erwarten konnte.
Das hier war schlimmer. Keine bloße Verhöhnung von allem, was ihr heilig und wertvoll war, sondern ein Schlag ins Gesicht ihres ganzen Volkes, ein Anblick, der sie im Innersten in lautloser Wut aufschreien ließ, zugleich aber auch so vollkommen lähmte, dass sie einfach wie erstarrt dastand und nicht einmal den winzigsten Laut herausbrachte.
»Nun, habe ich zu viel versprochen?« Etwas stimmte mit Renoufs Stimme nicht, aber sie war auch nicht fähig, darauf zu reagieren, so wenig wie auf das unüberhörbare Geräusch, mit dem er die Tür hinter sich ins Schloss zog.
Sie war in einem Grab. In einem Tempel. Auf einem Schlachtfeld und in einem Wohnhaus, in der Werkstatt eines Goldschmiedes und der Kammer eines Stadtschreibers, alles zugleich und nichts davon und noch tausend andere Dinge ... Der Raum war angefüllt mit den herausgerissenen und geschändeten Eingeweiden ihrer Vergangenheit, die Geschichte eines ganzen Volkes, in Stücke gerissen und in Kisten und Kartons und Säcke verpackt und hierher verschleppt, an einen Ort, der so kalt und dunkel war wie die Hölle. Sie hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, sie sorgfältig aufzustapeln oder zu sortieren. Alles lag durch- und übereinander, vieles war beschädigt oder zerstört, als hätte hier rohe Gewalt geherrscht statt der behutsamen Hand eines Wissenschaftlers: Kisten waren aufgebrochen oder so achtlos übereinandergestapelt, dass sie zu Boden gestürzt und zerborsten waren, Säcke waren aufgerissen und kostbare Kanopen aus Alabaster in Stücke geschlagen. Zorn überkam Bast, ein kalter, fordernder Zorn, der wie eine Flamme in ihr emporloderte und alles andere verzehrte.
Zitternd drehte sie sich zu Renouf herum, aber alles, was sie in seinem Gesicht las, war ein ebenso kühles wie überhebliches Lächeln und eine Kälte, die sie schaudern ließ.
»Und das ist also Ihr ganzer Stolz?«, fragte Mrs Walsh. Wahrscheinlich hatten die Worte spöttisch klingen sollen, doch ihre Stimme zitterte ganz leicht, und irgendetwas hier drinnen verlieh ihnen einen düsteren Nachhall.
»Nicht ganz«, antwortete Renouf. Auch seine Stimme hatte sich verändert, und sein Gesicht ... flackerte, anders konnte Bast es nicht bezeichnen. Sie war noch immer wie gelähmt, und noch immer von einer kreischenden, lodernden Wut erfüllt, die jeden anderen Gedanken einfach hinwegfegte. »Aber wir kommen der Sache nahe. Nur noch einen ganz kurzen Moment Geduld.«
Etwas zerbrach mit einem hässlichen Knirschen unter seinem Fuß, als er an Bast vorbeiging. Winzige Alabasterscherben regneten zu Boden, und aus der kreischenden Wut in Bast wurde pure Qual. »Warum ... tun Sie das?«, brachte sie mühsam hervor.
Mrs Walsh drehte sich halb zu ihr herum, und aus der Verwirrung auf ihrem Gesicht wurde Erstaunen, dann fast augenblicklich blanker Schrecken, und Bast wurde klar, dass sich in ihrem eigenen Gesicht blanke Mordlust widerspiegelte.