»Aber ich bitte Sie, Bast.« Renouf lachte glucksend, während er sich einem mehr als mannshohen Gegenstand auf der anderen Seite des Raumes näherte, der beinahe bis unter die gewölbte Decke hinaufreichte und mit einem Tuch abgedeckt war. »Das ist doch nur ... alter Krempel, irgendwelcher Plunder, den die heidnischen Ureinwohner zurückgelassen haben und der zu Recht vergessen worden ist.« Das Knirschen wiederholte sich, als er diesmal mit Absicht auf eine hauchzarte Schale aus halb durchsichtigem Alabaster trat und sie unter dem Absatz zermalmte. Das Geräusch, mit dem der jahrtausendealte Stein zersplitterte, schnitt wie ein Messer in Basts Seele. Sie spürte den Schmerz des heiligen Gegenstandes wie ihren eigenen. Tränen der Wut verschleierten ihren Blick, aber sie war noch immer nicht fähig, die unheimliche Lähmung abzuschütteln. Hilflos ballte sie die Fauste, so fest, dass sich ihre Fingernägel in die Handflächen gruben.
»Professor Renouf, ich muss mich doch sehr wundern!«, sagte Mrs Walsh. »Sie sehen doch wohl, dass ...«
»Halt die Klappe«, unterbrach sie Renouf, beinahe im Plauderton. Mrs Walsh japste vor Unglauben und starrte ihn aus hervorquellenden Augen an, und Renouf ging weiter und fuhr dabei nahezu im Plauderton fort: »Und jetzt kommen Sie mir nicht mit heiligen Artefakten und der Würde Ihres Volkes und all dem Mist. Ihre Vorfahren waren unzivilisierte Wilde, die sich gegenseitig wegen einer Handvoll Datteln oder einem Schluck Wasser umgebracht haben, und wenn wir sie nicht daran hindern würden, dann würden sie es wahrscheinlich auch heute noch so halten. Sie glauben, dieses Zeug hier hätte irgendwelchen Wert?« Er streckte die Hand nach dem Tuch aus und trat gleichzeitig nach einer kniehohen Anubis-Statue aus poliertem schwarzem Marmor, die gegen die Wand geschleudert wurde und zerbrach. Bast wimmerte. »Es ist nur Abfall. Aber eine ganze Menge Dummköpfe in diesem Land findet aus irgendeinem Grund Gefallen daran, also graben wir es aus und bringen es hierher und verdienen gutes Geld damit. Aber ich vergaß: Ich wollte Ihnen ja noch unsere allerneueste Errungenschaft zeigen.«
Und damit riss er das Tuch mit einem einzigen Ruck herunter, mit dem sichtlichen Stolz und dem Gehabe eines Künstlers, der seine allerneueste Kreation enthüllte, und Bast versuchte gar nicht mehr, ein gequältes Keuchen zu unterdrücken.
Unter dem Tuch kam eine gut acht Fuß hohe Statue aus glattpoliertem Sandstein zum Vorschein. Sie stand auf einem flachen, quaderförmigen Sockel aus demselben Material, in den das altägyptische Henkelkreuz gemeißelt war, und zeigte einen stilisierten Raubvogel mit einem gewaltigen Schnabel, grausamen Augen und einer hohen zackenlosen Krone, und trotz der schimmernden Härte des Materiales und des Atems der Jahrtausende, den sie mit einer fast greifbaren Intensität verströmte, wirkte sie auf unheimliche Weise lebendig, erfüllt von einer Kraft und Vitalität, die den gesamten Raum zu durchfluten schien.
»Voilà!«, sagte Renouf und machte eine übertrieben deutende Geste. »Unsere allerneueste Errungenschaft, gerade aus dem Horustempel in Nedfu eingetroffen. Noch mehr Plunder, aber damit verdienen wir zweifellos noch mehr Geld.«
Er ließ das Tuch fallen, drehte sich halb herum und bückte sich in der gleichen Bewegung nach etwas, das Bast nicht erkennen konnte, weil er es zugleich mit seinem Körper verdeckte. »Sehen Sie, Miss Bast, auf diese Weise erweisen sich Ihre zurückgebliebenen Landsleute am Ende doch noch als nützlich.«
»Professor, das ist ungeheuerlich!«, keuchte Mrs Walsh. »Was erlauben Sie sich, so ...«
»Verdammt noch mal, ich habe gesagt, du sollst die Klappe halten!« Die letzten drei Worte hatte er geschrien, und Bast konnte hinterher nicht sagen, ob es das war, was den Bann endgültig brach, oder die ebenso plötzliche wie rasend schnelle Bewegung, mit der er aufsprang und herumwirbelte, lautlos und so elegant und fließend wie ein Tanz und so rasend schnell, dass er selbst vor ihren Augen zu einem flackernden Schemen zu werden schien, dem der Blick kaum noch zu folgen vermochte.
Sie sah dennoch, dass seine Hand nicht mehr leer war, sondern poliertes Elfenbein umklammerte. Ein bronzefarbener Blitz züngelte auf Mrs Walshs Kehle zu und würde sie enthaupten, ehe sie auch nur begriff, was geschah. Bast war noch immer wie gelähmt, und sie verstand womöglich noch viel weniger als Mrs Walsh, was hier wirklich geschah.
Aber etwas anderes verstand es.
Die Kette zerriss, und das Ungeheuer erwachte mit einem lautlosen Schrei.
Sachmet schlug zu.
Ihre Handkante traf Renoufs Ellbogen und zertrümmerte ihn, sodass der tödliche Schwerthieb Mrs Walshs Kehle verfehlte und ihr lediglich eine Haarsträhne abtrennte, die in einer lautlosen Explosion schattenhafter Bewegung vor ihrem Gesicht auseinanderflog. Renouf grunzte vor Schmerz und taumelte, ließ das Schwert aber keineswegs fallen, sondern trat nur mit einer unglaublich schnellen Bewegung zur Seite und wechselte die Waffe in die unversehrte Hand.
Bast ließ ihm nicht die Zeit zu einem zweiten und womöglich besser gezielten Hieb. Sie täuschte einen weiteren Schlag nach seinem Arm an, ließ sich plötzlich in die Hocke sinken und stieß das linke Bein hart und schnell nach vorne. Auch dieser Angriff ging ins Leere, denn er hatte die Bewegung nicht nur vorausgeahnt, sondern reagierte sogar noch schneller, als sie erwartet hatte, aber er reagierte auch genau so, wie sie es erwartet hatte, indem er einen blitzschnellen Schritt zur Seite machte und gleichzeitig mit dem Schwert zustieß.
Sie versuchte nicht, dem Stich auszuweichen, sondern drehte nur den Oberkörper ein kleines Stück zur Seite, sodass die Klinge nicht ihre Kehle durchbohrte, sondern nur eine Spur aus brennendem Schmerz an ihrem Hals hinterließ und sich knirschend in den Boden grub, und sie hatte ihren Gegner vollkommen richtig eingeschätzt: Statt die Waffe loszulassen und sich in Sicherheit zu bringen, versuchte er sie loszureißen, und diesmal traf Basts hochschnellender Fuß sein Ziel. Der Elfenbeingriff barst in Stücke, und Renouf taumelte mit einem schmerzerfüllten Ächzen zurück und prallte gegen die riesige Horusstatue.
Bast war mit einem einzigen Satz auf den Füßen und über ihm, aber diesmal war sie es, die ihren Gegner unterschätzte. Seine zertrümmerte Hand schlug wie eine Raubvogelklaue nach ihrem Gesicht. Fingernägel und Knochensplitter zerfurchten ihre Haut, und nicht einmal so sehr der grelle Schmerz als vielmehr ihr eigenes Blut, das ihr plötzlich in die Augen lief und sie blendete, ließ sie zurückprallen und ihren Griff um eine Winzigkeit lockerer werden, sodass es Renouf nicht nur gelang, sich loszureißen, sondern sie auch so wuchtig von sich zu stoßen, dass sie mit hilflos rudernden Armen auf den Rücken fiel und ihr Hinterkopf hart gegen den Stein prallte.
Sie verlor nicht das Bewusstsein, aber der grelle Schmerz löschte ihren Blick für einen Moment einfach aus, und eine bleierne Schwere begann von ihren Gliedern Besitz zu ergreifen, so lautlos und schnell wie ein Tintenfleck in weißem Löschpapier und ebenso dunkel.
Es gelang ihr, die Schwäche zurückzudrängen und sich auf Hände und Knie hochzustemmen. Zu spät, viel zu spät. Wäre ihr Gegner auch nur halb so gut gewesen wie sie, so hätte sie nicht einmal mehr diesen Gedanken denken können - doch er verzichtete darauf, seinen Vorteil zu nutzen, sondern taumelte stattdessen ein paar Schritte davon und ließ sich schwer auf die Knie fallen. Ganz gewiss nicht aus Schwäche.
Bast beging nicht den Fehler, ihrem allerersten Impuls nachzugeben und sich unverzüglich auf ihn zu stürzen, sondern rollte ihrerseits herum, ergriff das Schwert, das Renouf fallen gelassen hatte und sprang auf die Füße. Ein Schmerzenslaut kam über ihre Lippen, als das zersplitterte Elfenbein des Griffes in ihre Handfläche biss, aber sie schloss die Faust trotzig nur noch fester um die Waffe und fuhr zu ihrem Gegner herum.