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Wie es aussah, war ihre Entscheidung richtig gewesen.

Auch Renouf war inzwischen wieder auf den Beinen und hielt eine Waffe in der Hand: ein sichelförmig gekrümmtes Schwert, das fast doppelt so lang war wie ihre eigene Waffe, und dessen Griff sich vermutlich nicht wie weiß glühendes Eisen in seine Handfläche grub. Und allein die Art, auf die er diese bizarr anmutende Waffe hielt, machte ihr klar, dass er es nicht zum ersten Mal tat, und dass er sehr wohl damit umzugehen verstand.

Aber nicht so gut wie sie. Auch das erkannte sie.

»Du solltest ...«, begann Renouf, und Bast stürmte ansatzlos vor und schlug zu.

Wie sie erwartet hatte, riss er - gebrochene Finger oder nicht - sein Sichelschwert in die Höhe und fing den Schlag ohne Mühe ab, aber auch der zweite Teil ihrer Rechnung ging auf. Sachmet wusste längst, nicht wen, aber was sie vor sich hatte, und sie kannte ihre eigenen Grenzen, und damit auch seine. Sie hatte gar nicht versucht, ihn zu treffen, sondern sein Schwert. Die pure Wucht des Hiebes, in dem all ihre ganze furchtbare Kraft lag, ließ die kaum verheilten Knochen in seiner Hand abermals brechen, und der Schmerz war selbst für ihn zu viel. Renouf brüllte auf, taumelte zurück und prallte gegen eine der wahllos aufgestapelten Kisten, auf der eine Petroleumlampe stand. Das Schwert flog - ebenso in Stücke zerbrochen wie ihr eigenes - davon, und Renouf stürzte hilflos zu Boden und riss die Lampe mit sich. Wie durch ein Wunder prallte sie klirrend neben ihm auf den harten Stein, ohne zu zerbrechen. Bast setzte ihm nach, den zersplitterten Stumpf des Schwertes noch immer in der Hand, und Renouf packte die heftig flackernde Petroleumlampe und schleuderte sie ihr ins Gesicht.

Jedenfalls versuchte er es. Bast warf sich zur Seite und riss im letzten Moment den Arm vor das Gesicht - schnell, rasend schnell, aber nicht schnell genug. Die Lampe prallte gegen ihren Unterarm und zerbarst. Brennendes Petroleum spritzte in alle Richtungen davon und setzte ihren Turban und ihren Mantel in Brand. Schmerz und unerträgliche Hitze hüllten sie ein, als wäre sie selbst nicht mehr als eine lodernde, lebendig gewordene Fackel, und als sie zurücktaumelte und ihren schmelzenden Turban herunterriss, wurde es im ersten Moment schlimmer, nicht besser. Auch ihr Mantel stand plötzlich in Flammen. Bast taumelte schreiend zurück, riss den lodernden schwarzen Stoff von den Schultern und fiel hustend und qualvoll nach Atem ringend auf die Knie. Die Qual wurde für einen Moment so schlimm, dass sie das Bewusstsein zu verlieren drohte, aber da war noch immer ein anderer, stärkerer Teil in ihr, der ihre Hände zwang, sich zu bewegen und die Flammen auszuschlagen und die höllische Qual einfach zu ignorieren. Da war Bewegung, irgendwo am Rande des immer kleiner werdenden Ausschnitts der Wirklichkeit, den sie noch wahrnehmen konnte, aber es war ihr nicht mehr möglich, darauf zu reagieren. Wimmernd krümmte sie sich am Boden, ergab sich ganz dem grausamen Schmerz, der ihr Fleisch verzehrte und sie einhüllte wie eine zweite, unsichtbare Flamme, und zog irgendwie Kraft daraus. Vielleicht nicht sie, aber das ... Ding in ihr, das sie hasste und fürchtete wie nichts anderes auf der Welt und das doch der einzige Grund war, aus dem sie überhaupt noch lebte, und sie spürte, wie sich irgendetwas tief in ihr änderte. Vielleicht zum allerersten Mal war dieses Ungeheuer, gegen das sie seit so langer Zeit kämpfte, nicht ihr Feind, sondern ihr Verbündeter. Es war seine Kraft, die sie rettete, nicht ihre eigene. Der Schmerz erlosch, und eine neue, unglaublich düstere Kraft durchströmte sie.

Bast sprang auf die Füße, riss instinktiv die Arme vor das Gesicht und sah einen verzerrten Schatten über sich. Ein Schlag traf sie, hart genug, um ihr die Luft aus den Lungen zu treiben und sie zwei-, dreimal hilflos nach Atem ringend über den Boden rollen zu lassen, aber nicht hart genug, um sie zu verletzen oder gar zu töten. Wie durch einen tanzenden Schleier aus Schwarz und Rot und Tausenden unmöglicher Schattierungen dazwischen sah sie, wie der Schemen herumwirbelte und zur Tür sprang und dann einfach verschwunden war.

Das Ungeheuer, dessen Name Sachmet war, schrie vor Wut und Enttäuschung auf, aber nicht einmal seine Kraft reichte aus, um sie sofort aufspringen und die Verfolgung aufnehmen zu lassen. Für einige Sekunden - nicht einmal viele, vielleicht zwei oder drei, zugleich aber eine schiere Ewigkeit in dem Strudel schierer Kraft und Blut trinkender destruktiver Energie, in den sie hineingerissen worden war und der sie zu verschlingen drohte - trieb sie tatsächlich am Rande der Bewusstlosigkeit entlang, aber schließlich gelang es ihr, mit trägen, aber hartnäckigen Schwimmbewegungen den Rand dieser tödlichen Strömung zu erreichen und sich irgendwie an Land zu ziehen.

Das Erste, was Bast bewusst wahrnahm, war ein dünnes, schluchzendes Wimmern, ein fast erstickter, unglaublich jämmerlicher Laut, der wie ein weiß glühender Speer in ihre Gedanken stach und sie dazu brachte, den Kopf zu wenden und nach seiner Ursache Ausschau zu halten, statt den Schemen zu verfolgen.

Mrs Walsh war nur ein kleines Stück neben ihr auf die Knie gesunken und rang keuchend und zitternd wie unter unerträglichen Krämpfen nach Atem, obwohl die schlimmste Verletzung, die sie davongetragen hatte, nicht mehr als eine abgetrennte Haarlocke war. Statt Renouf hinterherzustürmen, wie es die lautlos kreischende Stimme in ihr verlangte, war sie mit einem einzigen Schritt neben Mrs Walsh, legte ihr die Hand unter das Kinn und zwang sie mit sanfter Gewalt, ihr ins Gesicht zusehen. Ein Fehler, wie sie sofort begriff. Mrs Walsh beruhigte sich nicht. In ihren Augen loderte das blanke Entsetzen, und wie hätte es auch anders sein können, blickte sie doch in ein verbranntes, zerschnittenes und blutüberströmtes Gesicht, dessen linke Wange herunterklappte wie ein Stück loser Tapete von einer faulenden Wand.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte sie.

Mrs Walshs Blick erklärte ihr das genaue Gegenteil, und Bast legte ihr rasch die flache Hand auf die Stirn und sorgte dafür, dass ihre Furcht tatsächlich erlosch; zumindest in einem Ausmaß, in dem sie ihren freien Willen nicht zu sehr schändete oder gar Schaden hinterließ.

Sie sah zur Tür. Sie stand einen Spalt breit offen, und Renouf war verschwunden. Aber sie konnte seine hastigen Schritte draußen auf dem Gang noch hören. Er war schnell. Nicht zu schnell für sie, aber viel zu schnell, um noch mehr Zeit zu vergeuden.

Hastig sprang sie auf und warf einen raschen Blick in die Runde. Obwohl es ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen war, hatte der Kampf mit dem vermeintlichen Museumsdirektor doch nur wenige Sekunden gedauert, und dennoch glich die Kammer einem Schlachtfeld. Was zuvor nur unordentlich und lieblos aufeinandergestapelt gewesen war, war nun zerstört und zerborsten; überall lagen Trümmer und Splitter und zermahlenes Glas und zerbrochener Alabaster, und die schmelzenden Überreste ihres Turbans und der noch immer lichterloh in Flammen stehende Mantel waren nicht alles, was brannte.

»Löschen Sie das Feuer, Mrs Walsh«, sagte sie. »Und warten Sie hier.« Sie zögerte einen kaum spürbaren Moment. Dann: »Fünf Minuten. Wenn ich bis dahin nicht zurück bin, laufen Sie.«

Und schon in der nächsten Sekunde lief auch sie, stürmte aus der Kammer und wandte sich nach rechts, in die Richtung, in der Renoufs hastige schwere Schritte verschwunden waren. Sein Vorsprung war groß, zehn oder zwölf Sekunden, eine Ewigkeit für ein Wesen, das sich so schnell zu bewegen imstande war wie er - aber sie hatte eine reelle Chance, ihn dennoch einzuholen, denn sie war mindestens genauso schnell. Falls ihre Kräfte reichten. Das Feuer in ihr brannte hell und so heiß, dass sie sich nichts vorstellen konnte, was sie wirklich aufzuhalten vermochte, aber sie kannte auch nur zu gut den Preis, den sie dafür bezahlen würde. Es war eine Flamme, die sich selbst verzehrte, unwiderstehlich heiß, aber kurzlebig. Sie hatte nicht viel Zeit, um den Namenlosen einzuholen und zu stellen.