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Den Namenlosen! Als ob sie nicht wusste, wen sie jagte!

Sie beschleunigte ihre Schritte noch einmal und sah, wohin ihr Gegner geflohen war: Auch in dieser Richtung endete der Gang vor einer eisernen Wendeltreppe, die weiter nach unten führte.

Das schwere Metallgerüst dröhnte unter hastigen Tritten, und ein fauliger Geruch nach totem Wasser und verwesenden Dingen schlug ihr entgegen, lange bevor sie die Treppe erreichte.

Kurz bevor sie sie erreichte, flog eine Tür auf der rechten Seite des Korridors auf, und gleich drei Männer in den dunkelblauen Uniformen des Aufsichtspersonals stürmten ihr entgegen.

Einer von ihnen tat ihr - und vor allem sich selbst - den Gefallen, bei ihrem Anblick einfach zu erstarren, aber die beiden anderen waren dumm genug, sich ihr in den Weg zu stellen, der eine albernerweise mit bloßen Händen, der andere zauberte plötzlich einen Schlagstock aus Hartholz hervor, mit dem er auf sie loszugehen versuchte.

Bast blieb keine Zeit, um Rücksicht zu nehmen; aber das war vielleicht auch gut so; zumindest für den Kerl mit dem Schlagstock. Statt das zu tun, was ihre innere Stimme von ihr verlangte, nämlich ihm seinen Schlagstock bis zum Anschlag in eine Körperöffnung zu rammen, in der er ihn ganz bestimmt nicht gerne hatte, schlug sie ihm seine lächerliche Waffe mit einer fast beiläufigen Bewegung, die ihn noch beiläufiger gegen die Wand schleuderte und halb bewusstlos daran zu Boden sinken ließ, aus der Hand, rannte den anderen kurzerhand über den Haufen und flog die eiserne Treppe mehr hinunter, als sie ging. Renoufs Schritte verklangen unter ihr, noch bevor sie die dritte Stufe erreicht hatte, aber sie wusste trotzdem, wo er war. Das Raubtier in ihr hatte Witterung aufgenommen, und sie würde die Spur nicht wieder verlieren.

Sie überwand die letzten vier oder fünf Stufen mit einem einzigen Satz, fiel auf ein Knie herab und opferte eine unendlich wertvolle Sekunde, um sich umzusehen und zu lauschen. Geräusche und Gerüche und andere, viel subtilere und nachhaltigere Eindrücke stürmten aus allen Richtungen auf sie ein, und für einen unendlich kurzen Moment fühlte sie sich desorientiert und hilflos. Dann schnappte die Wirklichkeit wie eine bis zum Zerreißen gespannte Feder an ihren angestammten Platz zurück, und Bast erkannte, dass sie sich in einem Keller unter dem Keller befand, einem sonderbaren Ort auf halbem Wege zwischen der Stadt und der modernden Unterwelt, in der Fäulnis und Schimmel längst die Oberhand gewonnen hatten. Auch hier bestanden die Wände aus nacktem Ziegelstein, aber es gab kaum Licht, und in den Fugen des Mauerwerks hatte sich giftiger Schimmel eingenistet, und sie hörte das harte Trappeln winziger, aber dafür umso zahlreicherer krallenbewehrter Pfoten und hörte das ölige Gluckern faulenden Wassers ... und irgendwo nicht sehr weit vor ihr noch immer das Geräusch hastiger Schritte, die sich nach wie vor entfernten. Schnell. Aber nicht schnell genug.

Auch über ihr klangen Geräusche auf: Stimmen, durcheinanderhastende Schritte und das Schlagen von Türen und aufgeregte Rufe. Noch waren keine Tritte auf der Treppe zu hören, aber das würde gewiss nicht mehr lange so bleiben.

Sie sprang auf und rannte den sich rasch entfernenden Schritten ihres Widersachers hinterher, wobei sie wesentlich mehr Wert auf Schnelligkeit legte als darauf, etwa leise zu sein. Es wäre vollkommen sinnlos gewesen; der Feind, den sie jagte, hatte ebenso scharfe Sinne wie sie und würde ihre Nähe allein durch die Wärme ihres Blutes spüren - von ihren Atemzügen und Schritten und dem Rascheln ihrer Kleidung ganz zu schweigen.

Für einen kurzen Moment hörte das Geräusch hastiger Schritte irgendwo in der Dunkelheit vor ihr auf. Anscheinend war ihre Beute stehen geblieben, vielleicht um sich zu orientieren, vielleicht auch aus der lächerlichen Hoffnung heraus, dass sie in ihrer Hast und bei der nahezu vollkommenen Schwärze hier unten einfach an ihm vorüberstürmen könnte. Auch Bast blieb stehen und lauschte einen Moment lang mit geschlossenen Augen und angehaltenem Atem. Das Geräusch von träge fließendem Wasser war lauter geworden, und sie hörte erneut das Scharren winziger harter Krallen auf moosbewachsenem, faulem Stein, dazu aber auch noch ein ungleich leiseres, leichteres Huschen, vielleicht der Laut von Spinnenfüßen, die über das seidige Gewebe ihres Netzes glitten. Dann, nach einer kleinen Ewigkeit, vernahm sie einen einzelnen, schweren Atemzug, und einmal darauf aufmerksam geworden, stürzten sich ihre Sinne ganz ohne ihr Zutun gierig auf die Quelle dieses Geräuschs, und nun hörte sie das rasende Hämmern eines Herzens. Sie öffnete die Augen, stürmte weiter und rannte gebückt durch einen niedrigen, halbrunden Durchgang, mehr eine Tunnelöffnung als eine Tür - und blieb im nächsten Moment stehen, als sie begriff, warum ihr Gegner tatsächlich angehalten hatte. Vor ihr war nichts als Schwärze. Auch das allerletzte bisschen Licht war erloschen, sodass selbst ihre nachtsichtigen Augen plötzlich blind waren.

Dafür hörte sie nun wieder Schritte. Nicht annähernd so schnell wie zuvor, sondern ganz im Gegenteil vorsichtig und schleifend, und immer wieder scheinbar willkürlich die Richtung wechselnd. Bast triumphierte innerlich. Sie wusste immer noch nicht, mit wem sie es wirklich zu tun hatte - aber ganz offensichtlich verfügte der andere nicht über dieselben scharfen Sinne wie sie. Die Dunkelheit war lästig, hinderte sie aber nicht wirklich. Als sie weiterlief, tat sie es mit geschlossenen Augen, um sich ganz auf die anderen Sinneseindrücke konzentrieren zu können, aber kaum weniger schnell als zuvor.

Entsprechend rasch schmolz der Abstand nun zusammen. Die schleifenden Schritte wurde lauter, wechselten noch ein- oder zweimal jäh die Richtung - und waren fort.

Abermals blieb sie stehen, lauschte ... aber da war nichts mehr. Nicht einmal mehr Atemzüge. Nur das Plätschern von fließendem Wasser war lauter geworden, und jetzt hörte sie auch noch ein anderes, neues Geräusch, das vorher nicht da gewesen war: ein Rascheln und Rennen und Scheuern, als rieben sich zahllose winzige haarige Leiber aneinander, manchmal auch ein schmerzerfülltes oder zorniges Pfeifen und Piepsen ... Ratten, die vor irgendetwas flohen.

Ein kurzes, zufriedenes Lächeln huschte in der Dunkelheit über Basts Gesicht, während sie die Richtung wechselte und weiterlief. Ihre Beute war schlau, aber sie spürte keine Verärgerung, sondern eher das Gegenteil. Ein Wild zu jagen, das sich wehrte und ihr mit List zu entkommen versuchte, machte die Jagd viel aufregender.

Sinne, von denen sie trotz all der unzähligen Jahre, die ihr nun schon zur Verfügung standen, niemals wirklich begriffen hatte, wie sie funktionierten, warnten sie, dass sie an ihrem Ziel vorbeizulaufen drohte. Bast machte kehrt, wandte sich nach links und sah plötzlich wieder Licht: einen ungesunden, flackernden grauen Schein, der aus einer Öffnung im Boden heraufdrang. Vorsichtig, jederzeit auf einen Hinterhalt oder einen plötzlichen Angriff gefasst, ließ sie sich am Rande des Schachts in die Hocke sinken und beugte sich behutsam vor.

Das Geräusch der flüchtenden Ratten wurde lauter, und sie konnte das Wasser, das sie bisher nur gehört hatte, jetzt sehen. Es floss träge, von weißem und grünem Schaum und den widerlichsten Beimengungen durchsetzt durch einen gemauerten Kanal zwanzig Fuß unter ihr. Im allerersten Moment war der Gestank so schlimm, dass sie zurückschreckte, aber dann wurde ihr Lächeln noch zufriedener. Ihr Gegner war schlau. Einem auch nur eine Winzigkeit weniger aufmerksamen Verfolger als ihr wäre er auf diese Weise vielleicht entkommen; möglicherweise wäre er sogar ihr entkommen, hätte sie die Jagd nicht längst ihrer dunklen Schwester überlassen.

Dennoch blieb sie auf der Hut. Sie verwandte weitere fünf oder sechs Sekunden darauf, erneut und mit wieder geschlossenen Augen zu lauschen, bevor sie sich abermals vorbeugte und einen zweiten aufmerksamen Blick nach unten warf. Sie hatte von dem erstaunlichen System unterirdischer Kanäle und Abflüsse gehört, das sich unter den Kellern Londons erstreckte, hätte aber dennoch nicht etwas so Gewaltiges erwartet. Der Kanal war keine Röhre, sondern ein regelrechter gemauerter Fluss, mindestens dreißig Fuß breit. Das schwarze, stinkige Wasser machte es unmöglich, seine Tiefe zu erkennen, aber sie fühlte, dass er tief war, und die widerwärtige Brühe schoss mit der Geschwindigkeit eines Wildwasserbaches dahin. Abfall und Fäkalien tanzten darin, manchmal trug die Strömung auch einen größeren, formlosen Gegenstand mit sich, und obwohl sie flach und ganz bewusst nur durch den Mund atmete, schien der Gestank doch immer nur noch weiter zuzunehmen. Unmittelbar vor ihr begann eine Reihe eiserner Trittstufen, die senkrecht in die Tiefe führten. Der faulige Belag, der das rostzerfressene Metall bedeckte, war an einigen Stellen verschmiert; der erste wirkliche Fehler, der ihrem Gegner unterlaufen war. Vielleicht auch eine Falle.