Sie würde es herausfinden.
Ohne das geringste Zögern sprang sie in den Schacht, kam gut fünf oder sechs Meter tiefer unmittelbar neben dem Rand des Abwasserkanals auf und verfluchte sich selbst für ihren Leichtsinn, noch bevor sie auf dem glitschigen Belag aus Fäule und schmierigem Moos, der den Boden bedeckte, ausglitt und schwer auf den Rücken fiel. Sofort rollte sie sich auf die Füße und hoch und drehte sich blitzschnell einmal um ihre Achse, mit halb ausgebreiteten Armen und darauf gefasst, einen heimtückischen Schlag oder Tritt abzufangen. Aber sie war allein.
Mit klopfendem Herzen sah sie sich um. Das Licht - sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo es herkam - war so schwach, dass die Augen eines normalen Menschen kaum mehr als einen dunkelgrauen Schimmer wahrgenommen hätten, wie in einer mondlosen Nacht mit bedecktem Himmel, einen Moment, bevor die Dämmerung hereinbrach. Aber ihr reichte es aus, nicht nur zu erkennen, dass sie nicht nur vollkommen allein, sondern auch in einer Welt gestrandet war, wie sie bizarrer und düsterer kaum sein konnte. Klebriger Fäulnisgestank schien die Luft zu etwas zu machen, das man greifen konnte und das sich wie ein schmieriger Film auf ihr Gesicht und ihre Hände legte; wo es eine der zahllosen Brand- oder Schnittwunden berührte, die sie davongetragen hatte, verursachte es einen heftig brennenden Schmerz. Der halbrunde Stollen war mehr als zehn Fuß hoch und doppelt so breit, und es gab keinen Fingerbreit, der nicht von Fäulnis und Verfall bedeckt war. Es war eine Kloake, zu nichts anderem erschaffen als die Abfälle und Reste der Menschen zu beseitigen, die in der Stadt über ihr lebten, aber sie erinnerte sich plötzlich an die Abwasserkanäle ihrer Heimatstadt, fünftausend Jahre zuvor und am anderen Ende der Welt. Sie waren sauberer gewesen. Reiner.
Bast verscheuchte den Gedanken und warf einen zweiten, sichernden Blick nach rechts und links, bevor sie dicht an den Rand des steinernen Flussbettes herantrat und ihren Blick über das faulige Wasser gleiten ließ.
Ein leises Gefühl von Übelkeit kroch aus ihrem Magen herauf, als der Gestank noch schlimmer wurde. Es nutzte längst nichts mehr, nur durch den Mund zu atmen. Sie roch die Verwesung ringsum trotzdem, und zusätzlich konnte sie sie jetzt schmecken.
Dann entdeckte sie, wonach sie gesucht hatte.
»Du kannst jetzt herauskommen«, sagte sie. Sie hatte spöttisch klingen wollen, aber selbst die Laute, die ihre Kehle hervorbrachte, schienen plötzlich etwas Schmieriges und Klebriges zu haben, und der gemauerte Kuppelgang verschluckte jedes Echo und nahm ihnen damit auch noch den letzten Rest von Lebendigkeit. Sie räusperte sich, widerstand mit Mühe der Versuchung, den sauer schmeckenden Speichel, der sich immer schneller unter ihrer Zunge sammelte, ins Wasser zu spucken, und fuhr lauter und nun deutlich verärgert fort: »Verdammt, zwing mich nicht, dich da rauszuholen. Dann wäre ich wirklich wütend, weißt du?«
Sogar ihr selbst kamen diese Worte ein bisschen lächerlich vor. Sie war aus keinem anderen Grund hier, als ihn zu töten, und was konnte sie ihm schon Schlimmeres antun? Aber es verging nur noch ein winziger Moment, bis sich der Schatten einen Fuß unter der Wasseroberfläche regte und mit einer schlängelnden Bewegung aufzutauchen begann.
Irgendetwas war an dieser Bewegung genauso falsch wie an seinem Umriss, doch als sie begriff, was es war, war es zu spät.
Bast schrie in purem Entsetzen auf und prallte zurück, aber sie war weder schnell genug, noch auf das glitzernde Ungeheuer vorbereitet, das in einer Explosion aus schaumig aufspritzendem Wasser, metallisch glänzenden Schuppen und Zähnen und Klauen und schierer Kraft aus dem Fluss schoss. Ihr Fuß glitt auf den schmierigen Steinen aus und machte ein ungeschicktes Stolpern aus dem hastigen Schritt rückwärts, zu dem sie angesetzt hatte, dann prallte die schuppige Schnauze des Drachen mit solcher Wucht gegen ihre Brust, dass sie einfach von den Füßen gehoben und gegen die Wand direkt unter dem Schacht geschleudert wurde.
Der Aufprall war nicht so hart, dass ihr die Sinne schwanden, aber sie fand an den glitschigen Steinen einfach keinen Halt, rutschte hilflos daran hinab und rollte mit einer verzweifelten Bewegung herum, als etwas Riesiges, schuppig Glänzendes auf sie herabstürzte. Kiefer, die stark genug waren, um einen Ochsen zu zerreißen, schnappten mit einem grässlichen Geräusch unmittelbar neben ihrem Gesicht zusammen, und stahlharte Krallen rissen Furchen in den zerbröckelnden Stein.
Bast schlug instinktiv mit der geballten Faust und aller Kraft zu, doch das einzige Ergebnis war ein reißender Schmerz, der durch ihre Fingerknöchel bis in die Schulter hinauftobte und ihr die Tränen in die Augen trieb. Das Ungeheuer schien den Hieb nicht einmal zu spüren, revanchierte sich aber prompt mit einem peitschenden Schlag seines nahezu mannslangen, geschuppten Schwanzes. Bast keuchte vor Schmerz, als der gezackte Knochenkamm an einer Seite ihr Bein aufriss, trat dennoch gleichzeitig mit dem anderen Fuß zu und schaffte es tatsächlich, die gigantische Kreatur zu erschüttern. Nicht wirklich, nicht, dass sie ihr auch nur wehgetan hätte, aber immerhin verfehlte ihr blitzschneller Tatzenhieb sein Ziel und riss nur den Stein neben ihrer Schulter auf, statt ihr Gesicht bis auf die Schädelknochen zu zerfetzen. Unverzüglich versuchte sie aufzuspringen, aber das verletzte Bein gab unter ihrem Gewicht nach, und sie fiel ein zweites Mal auf den Rücken; diesmal so schwer, dass ihr die Luft aus den Lungen gepresst wurde und für einen Moment alle Kraft aus ihren Gliedern wich.
Auch jetzt gelang es den wogenden schwarzen Schleiern vor ihren Augen nicht, ihr Bewusstsein zu verschlingen, doch sie zurückzudrängen, kostete sie wertvolle Zeit, und als es ihr endlich gelungen war, war es zu spät. Der Nildrache war herumgefahren und stürzte sich zischend auf sie. Ein gewaltiges Maul, gespickt mit Zähnen so lang wie ihre Daumen, aber doppelt so dick und spitz wie Dolche, stieß auf ihr Gesicht herab. Bast konnte seinen Atem riechen, heiß und nach Verwesung und den seit langer Zeit toten Dingen stinkend, von denen er sich hier unten ernähren musste, warf sich herum und versuchte seinen Schädel zu packen wie den Kopf eines wütenden Hundes, der nach ihrer Kehle schnappte, und etwas in ihr lachte bei dem bloßen Gedanken hysterisch auf. Sie kämpfte nicht mit einem Hund, sondern mit einem leibhaftigen Drachen. Nicht einmal ihre Kräfte waren denen des Ungeheuers gewachsen.
Aber der grelle, alles auslöschende Schmerz, den sie erwartete, kam nicht. Der Schädel des schuppigen Ungeheuers senkte sich weiter, ohne ihre verzweifelten Anstrengungen auch nur zur Kenntnis zu nehmen, doch statt zuzuschnappen und damit alles zu beenden, erstarrte der Drache plötzlich.
Dann, so schnell und konsequent, wie er sie niedergeworfen hatte, glitt er zurück.
Bast rang keuchend nach Atem, was ihr im allerersten Moment nicht einmal wirklich gelingen wollte. Das pure Gewicht des Ungeheuers hatte ihr mindestens zwei oder drei Rippen gebrochen, und sie schmeckte ihr eigenes Blut, das aus ihrer Kehle nach oben stieg, während sie würgend nach Luft rang. Trotzdem stemmte sie sich auf die Ellbogen hoch und kroch rücklings weit genug davon, um wenigstens die Illusion von Sicherheit zu haben - was genauso lächerlich war wie ihr Versuch, den Drachen im Ringkampf zu besiegen. Aber das Ungeheuer machte keine Anstalten, sie zu verfolgen. Es saß einfach da, ein geschuppter Gigant in Schwarz und Grün, mehr als zehn Fuß lang und mindestens so schwer wie fünf ausgewachsene Männer, und starrte sie aus seinen kalten Echsenaugen an, in denen sie nichts anderes las als Gier und berechnende, reptilienhafte Intelligenz. Sie konnte den Hunger spüren, der in den Eingeweiden des Drachen wühlte, seine unbeschreibliche Wut und die noch viel gewaltigere Enttäuschung, um die Beute, die er schon so sicher geglaubt hatte, im letzten Moment betrogen worden zu sein. Er wollte sich auf sie stürzen, mit jeder Faser seines gewaltigen Drachenleibs, aber irgendetwas hielt ihn zurück.