Bast zwang ihren Blick, das gepanzerte Ungeheuer loszulassen und die Schatten dahinter abzutasten. Selbst jetzt, wo sie wusste, wonach sie zu suchen hatte, fiel es ihr schwer, die Gestalt wirklich zu erkennen. Sie schien wie aus dem Nichts aufzutauchen; als hätte sie selbst nicht mehr Substanz als die dunstige Schwärze, die den Tunnel erfüllte, der Schatten eines Schattens, der sich dem Blick nur widerwillig preisgab.
Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass sein Gesicht ebenso schwarz war wie das ihre und er auch Kleidung in der gleichen Farbe trug. Bast fragte sich, ob er sich bisher versteckt hatte, oder vielleicht die ganze Zeit über da gewesen war und sie ihn einfach nicht gesehen hatte.
»Sobek.«
Die Gestalt antwortete nicht, aber nur einen Moment später hörte sie ein schleifendes Rascheln, und dann sagte eine andere Stimme: »Immerhin erkennst du uns noch. Offen gestanden ist das schon fast mehr, als ich zu hoffen gewagt habe.«
Seltsamerweise schien die Stimme von oben zu kommen, nicht aus Richtung der schattenhaften Gestalt, und auch nicht hinter ihr. Bast blickte auf und verspürte einen neuen, heftigen Schwall von Ärger über sich selbst, als sie den Mann, den sie verfolgt hatte, die eisernen Trittstufen über sich herabsteigen sah. Das letzte Stück legte er mit einem Sprung zurück, den er weitaus sicherer und eleganter beendete als sie gerade, nickte dem gesichtslosen Schatten hinter dem Drachen knapp zu und wandte sich dann mit einer fast gemächlichen Bewegung und einem nichts anderem als herzlichen Lächeln zu Bast herum. Allerdings war er plötzlich nicht mehr schmächtig, weißbärtig und an die siebzig Jahre alt. Er trug auch keinen eleganten Dreiteiler mehr. Er war nicht einmal mehr weiß.
Bast starrte ihn ausdruckslos an, nicht einmal wirklich erschrocken, aber unendlich zornig auf sich selbst, dass sie sich derart leicht hatte übertölpeln lassen, und der schwarzgesichtige Riese machte eine knappe Geste, woraufhin sich der Drache herumdrehte und mit einem gewaltigen Aufplatschen im Wasser verschwand.
»Eigentlich hätte ich es wissen müssen«, murmelte sie.
»Was?«
»Dass du nicht allein bist. Nicht einmal die Ratten hier sind feige genug, um vor dir zu flüchten, Horus.«
Es waren Falkenaugen, die auf sie herabstarrten, nicht die eines Menschen, und für einen kurzem Moment wurden sie beinahe schwarz vor Zorn. Dann kehrte das Lächeln auf die ebenholzschwarzen Züge zurück. »Du hast dich nicht verändert in all den Jahren«, sagte er. »Und ich bin bis heute nicht ganz sicher, was schärfer ist - deine Zunge oder dein Schwert.« Er streckte die Hand aus, um ihr aufzuhelfen, aber Bast kroch nur ein weiteres Stück vor ihm davon.
Horus seufzte. »Ich bitte dich, Bastet! Ich gebe ja zu, dass es für eine Zeit einer meiner größten Wünsche war, dich vor mir im Staub kriechen zu sehen, aber doch nicht in dem da.« Er wiederholte seine Geste, und diesmal - wenn auch zögernd - griff Bast nach seiner Hand und ließ sich von ihm auf die Füße helfen.
Sie biss die Zähne zusammen, um einen Schmerzlaut zu unterdrücken, aber die dunklen Augen ihres Gegenübers funkelten trotzdem amüsiert, als er sie anblickte und erkannte, wie es tatsächlich in ihr aussah. Sie hatte kaum noch die Kraft, auf eigenen Beinen zu stehen, geschweige denn, ihm etwas entgegenzusetzen. Außerdem waren sie zu zweit.
Horus trat einen halben Schritt zurück, sah einen Moment lang auf die Hand hinab, mit der er ihr aufgeholfen hatte, und wischte sie dann mehrmals und mit so angeekeltem Gesicht an seinem Gewand ab, als hätte er sich besudelt. »Widerlich«, murmelte er. »Ich weiß, man sagt so etwas nicht zu einer Dame - aber du stinkst, Bastet.«
»Das ist wahr«, gestand Bast. »Ich habe gehört, das passiert allen, die dir zu nahe kommen.« Alles drehte sich um sie. Jetzt, wo der Kampf vorbei war und sich das Ungeheuer geifernd und knurrend in sein Versteck zurückzog, schwappten Müdigkeit und Schwäche wie eine erstickende schwarze Woge über ihr zusammen. Mit einem Male fühlte sie sich so matt, dass sie sich beherrschen musste, um sich nicht an seiner Schulter festzuhalten.
Aber natürlich hätte sie sich eher die Hand abgehackt, als das zu tun.
»Ein amüsanter Gedanke«, sagte Horus. »Vielleicht komme ich ja irgendwann darauf zurück.«
Sobek sagte etwas in einer fremden, sonderbar melodisch klingenden Sprache und kam näher, und Horus nickte irgendwie betrübt und fuhr in verändertem Ton fort. »Er hat recht. Jetzt ist nicht der Moment für Albernheiten.«
»Dann hör auf ihn und bring es zu Ende, Horus«, sagte Bast. »Töte mich, aber hör auf, mich zu verspotten.«
»Töten?« Horus wirkte ehrlich überrascht. »Was redest du? Du weißt, dass ich niemals eine der Unsrigen töten würde. Das ist der Unterschied zwischen uns, weißt du?«
Sobek kam näher, schweigend und mit vollkommen starrer Miene, wie fast immer. Er war ein sehr großer, fast hagerer Mann, noch einen Fingerbreit großer als Horus, der seinerseits Bast um ein gutes Stück überragte, und Bast konnte sich nicht erinnern, ihn in all den Jahren auch nur ein einziges Mal lächeln gesehen zu haben. Ungeachtet seiner menschlichen Gestalt hatte er zugleich etwas Echsenhaftes an sich. Aber im Moment hatte er auch die rechte Hand unter den Mantel geschoben, und Bast wusste, dass sie auf dem Griff eines Schwertes lag, das er darunter trug. Sie selbst war waffenlos, zu Tode erschöpft und dem Zusammenbruch nahe, und selbst wenn all das nicht gewesen wäre, hätte es wahrscheinlich nichts geändert. Sobek war der Einzige von allen, den sie im Schwertkampf niemals hatte besiegen können.
»Ich sage es gerne noch einmal«, seufzte Horus. »Wir sind nicht hier, um dir etwas anzutun.«
»Oh, ich verstehe«, murmelte sie. »Du wolltest nur in aller Ruhe ein Bad nehmen, vermute ich. Bitte verzeih, dass ich dich gestört habe.« Sie funkelte ihn an. »Was willst du?«
»Mit dir reden«, antwortete Horus. »Mehr nicht.«
»Gehört es neuerdings zu deinen Angewohnheiten, eine Unterhaltung mit dem Schwert in der Hand zu beginnen?«
Horus lächelte. »Willst du wirklich behaupten, dass ich dich in Gefahr gebracht habe? Bastet! Du weißt, dass es niemanden gibt, der dir mit dem Schwert gewachsen wäre.« Er sah kurz zu Sobek zurück. »Na ja, fast niemanden.«
»Und deshalb wolltest du Mrs Walsh töten?«
»Mrs Walsh?« Horus tat so, als müsse er über die Bedeutung dieses Namens nachdenken, dann nickte er. »Oh, deine grauhaarige Freundin. Du sorgst dich tatsächlich um eine Sterbliche?«
»Überrascht dich das?« Bast machte ein abfälliges Geräusch. »Siehst du, da hätten wir schon zwei Dinge, die uns unterscheiden. Also, was wollt ihr von mir?«
»Mit dir reden«, antwortete Horus erneut. »Du hättest nicht herkommen sollen, Bastet. Misch dich nicht ein.«
»Bringt ihr mich sonst um?«, fragte Bast spöttisch.