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Zwei, drei, schließlich vier Männer in den dunkelblauen Uniformen des Wachpersonals traten vor ihr durch den bogenförmigen Durchgang. Einer von ihnen war mit einer modernen Karbidlampe ausgestattet, deren Zischen die Schatten, in die sie sich zurückgezogen hatte wie etwas Feindseliges und Böses zu durchdringen schien; wie ein Bote aus einer zukünftigen, noch gar nicht geborenen Welt, in der die Dinge schwieriger werden würden, wenn nicht unmöglich. Die anderen trugen flackernde Petroleumlampen, deren Licht die erstickende Schwärze nicht wirklich zu besiegen vermochte.

Mit angehaltenem Atem und zu vollkommener Reglosigkeit erstarrt presste sie sich gegen den rauen Stein und wartete, bis die Männer an ihr vorübergegangen waren. Keiner nahm Notiz von ihr. Niemand bemerkte sie, obwohl das flackernde Petroleumlicht zwei-, dreimal direkt in ihr Gesicht fiel. Zu einem Schatten zu werden überstieg nicht einmal ihre kaum noch vorhandenen Kräfte, aber es kostete sie ungeheure Überwindung, die Männer einfach an sich vorbeigehen zu lassen.

Sie waren alles, was sie brauchte. Alles, was sie haben musste. Sie waren Leben, warmes, pulsierendes Blut und die Kraft, die zwischen ihr und dem endgültigen Sieg ihrer dunklen Schwester stand und der Vorstellung, so zu werden wie Horus und Sobek und so viele der anderen. Es wäre so leicht. Ein einziger Schritt, ein blitzschnelles Reißen und Zuschlagen, eine einzige, flüchtige Berührung, ja, ein bloßer Gedanke, und die Qual hätte ein Ende, das grausame Wühlen und Zerren in ihren Eingeweiden würde endlich verstummen, und sie ...

... wäre endgültig zu dem Ungeheuer geworden, das sie so lange und so verzweifelt tief in sich eingesperrt hatte.

Vielleicht war es der Anblick des letzten Mannes, der an ihr vorbeiging. Es war ein grauhaariger, missmutig aussehender Endfünfziger mit einem verbitterten Zug um den Mund und harten Augen, niemand, den sie gerne gekannt hätte. Aber sie kannte ihn, und vielleicht war es letzten Endes kein anderer als Horus selbst gewesen, der ihm das Leben rettete, denn schließlich war er selbst es gewesen, der ihm einen Namen gegeben hatte. Es war Henry, der grauhaarige Wächter, der Mrs Walshs Unmut in so großem Maße erregt hatte, und sie konnte niemanden nehmen, dessen Namen sie kannte. Das Ungeheuer in ihr schrie in gellender Wut und unersättlicher Gier auf, halb wahnsinnig vor Hunger, aber irgendwie - irgendwie - gelang es ihr, die Bestie noch einmal zu zügeln.

Vielleicht war sie auch mittlerweile selbst zu schwach, um den Kampf noch aufzunehmen. Basts Hand, schon halb nach dem Gesicht des ahnungslosen Mannes ausgestreckt, sank zitternd wieder herab, und ein leises, wimmerndes Stöhnen kam über ihre Lippen.

Henry blieb stehen.

Bast konnte verhindern, dass er sie sah, selbst jetzt noch und beinahe ohne ihr Zutun, aber er hatte etwas gehört, und er hatte Angst; eine Furcht, die er selbst für unbegründet halten oder allenfalls auf seine unheimliche Umgebung schieben mochte und deren wahren Grund er ganz gewiss nicht wissen wollte.

Er blieb stehen und hob den Arm, der die flackernde Petroleumlampe hielt, und der Anblick erinnerte Bast nun vollends an die Karikatur eines Nachtwächters, der durch die Straßen einer bizarren unterirdischen Stadt schlich und sich selbst davon zu überzeugen versuchte, das Zittern seiner Hände käme nur von der äußeren Kälte. Für einen Moment fiel der Lichtschein direkt auf ihr Gesicht, und Bast sah, wie sich seine Augen weiteten, als sie etwas erblickten, was sein Geist nicht wahrnehmen konnte. Dann senkte er die Lampe wieder und ging weiter, und auch Bast wartete jetzt nur noch einen ganz kurzen Moment, bevor sie sich aus ihrem unsichtbaren Versteck löste und ihren Weg fortsetzte.

Möglicherweise hatte sie dabei doch ein verräterisches Geräusch verursacht, denn kaum war sie durch den gemauerten Durchgang gehuscht, da folgte ihr etwas Kleines, blendend Weißes, das lautlos wie eine suchende Hand über den Boden huschte und ihre Spur aufzunehmen versuchte, und nahezu gleichzeitig hörte sie eine erschrockene Stimme; sie wusste, dass sie Henry gehörte, obwohl sie sie noch nie zuvor gehört hatte, denn sie bebte vor mühsam unterdrückter Furcht: »Was ist los?«

»Nichts«, antwortete eine andere Stimme. »Ich dachte nur, ich ... hätte etwas gehört.«

»Was willst du denn hier unten hören?«, erwiderte eine dritte, härtere Stimme. »Hier ist nichts. Nur Ratten und Spinnen.«

»Aber sie ist hier runtergelaufen! Ben hat es gesehen. Und Matt auch!«

Bast seufzte lautlos in sich hinein. Also wussten sie nicht nur, dass sie hier war, sondern auch, dass sie eine Frau verfolgten. Sehr viel schlechter hätte es gar nicht laufen können!

»Matt! Blödsinn! Wahrscheinlich ist er wieder mal betrunken! Und Ben plappert sowieso alles nach, was man ihm vorsagt! Lasst uns umkehren, bevor noch was passiert!«

»Noch eine Minute, okay. Wir gehen noch bis zur nächsten Abzweigung und machen dann kehrt.«

Bast hatte genug gehört - und womöglich noch weniger Zeit, als sie ohnehin geglaubt hatte. Wenn die Männer umkehrten, dann würden sie sie sehen, und sie wäre möglicherweise gezwungen, etwas zu tun, was sie nicht tun wollte. Das unnatürlich weiße Licht der Karbidlampe zog sich zitternd zurück, und auch Bast setzte ihren Weg fort, so schnell sie konnte. Nach wenigen Augenblicken hatte sie die Treppe erreicht und huschte lautlos über die Gitterstufen nach oben.

Wahrscheinlich wäre es nicht nötig gewesen, vorsichtig zu sein, denn sie hörte einen ganzen Chor aufgeregter Stimmen und durcheinanderhastender Schritte und schlagender Türen, noch bevor sie das obere Ende der Wendeltreppe erreichte. So viel zum Thema unauffällig, dachte sie grimmig. Zumindest in diesem Bereich des Museums herrschte Ausnahmezustand. Warum hatte sie nicht gleich einen Reporter samt seiner Kamera eingeladen, Mrs Walsh und sie zu begleiten?

Wenigstens auf dem nächsten Stück hatte sie Glück. Trotz der allgemeinen Aufregung war sie allein, als sie das obere Ende der Treppe erreichte und losstürmte, aber das würde ganz bestimmt nicht lange so bleiben.

Und ihre Glückssträhne war auch reichlich kurz: Sie war sehr sicher, die Tür hinter sich geschlossen zu haben, aber jetzt stand sie sperrangelweit offen, und sie hörte aufgeregte Stimmen, die wild durcheinanderredeten. Eine davon gehörte Gloria Walsh. Und als wäre das nicht genug, näherten sich ihr nun auch von hinten Schritte.

Bast vergaß auch noch den allerletzten Rest von Vorsicht, legte das letzte Stück im Laufschritt zurück und stürmte durch die Tür.

Es war schlimmer, als sie erwartet hatte. Mrs Walsh saß, noch immer am ganzen Leib zitternd und totenbleich, auf einer sarggroßen Kiste - was sie allerdings nicht daran hinderte, sich lautstark und heftig gestikulierend mit einem von gleich drei Wächtern zu streiten, die außer ihr noch hier drinnen waren. Der zweite war damit beschäftigt, sehr aufmerksam durch den Raum zu schreiten und seinen Inhalt zu inspizieren, während sein Kamerad scheinbar dasselbe tat, aber dann und wann stehen blieb und mit dem Fuß aufstampfte. Funken stoben auf, und in der Luft hing Brandgeruch. Bast registrierte auf einer tieferen Ebene, dass sich irgendetwas hier drinnen verändert hatte, aber sie konnte nicht genau sagen was, und jetzt war auch nicht der richtige Moment, um darüber nachzudenken.

Rasch und ohne auch nur einen Sekundenbruchteil zu zögern durchquerte sie den Raum, erreichte den ersten Mann, bevor er ihre Anwesenheit auch nur bemerkte und berührte ihn beinahe sanft im Nacken. Der Mann verdrehte die Augen und brach mit einem lautlosen Seufzen zusammen, und danach wurde es schwieriger.

Der Vorteil der Überraschung war dahin, und die beiden anderen Männer reagierten weitaus schneller und konsequenter, als ihr lieb war: Der, mit dem Mrs Walsh gestritten hatte, richtete sich erschrocken auf und hielt plötzlich wie durch Zauberei einen Schlagstock in der Hand, der andere wandte sich unverzüglich zur Flucht und versuchte, an ihr vorbei zur Tür zu kommen.