Bast stellte ihm ein Bein, und er fiel der Länge nach hin und setzte seinen Weg hilflos auf Bauch und Gesicht schlitternd fort, und noch bevor er so wuchtig gegen die Wand prallte, dass er augenblicklich das Bewusstsein verlor, sprang sie den dritten Wächter an und entrang ihm seine Waffe.
Er setzte sich zur Wehr, und für einen Sterblichen war er nicht nur überraschend stark und entschlossen, sondern auch schnell.
Vielleicht war sie auch nur besonders langsam geworden.
Gleichwie, der Wächter zeigte sich wenig beeindruckt von der Mühelosigkeit, mit der sie ihm seinen Knüppel weggenommen hatte, sondern versuchte entschlossen nach ihrem Gesicht zu schlagen. Bast fegte seine Hand beiseite, aber er trat prompt nach ihr und erwischte das noch nicht gänzlich verheilte Bein, wo sie der Schwanzhieb des Drachen getroffen hatte. Sie sank mit einem schmerzerfüllten Zischen auf ein Knie, und der Mann erwies sich nicht nur als unerwartet mutig, sondern auch klug, denn er zog aus seinem unerwarteten Erfolg die einzig richtige Konsequenz - er versuchte nicht, einen weiteren Schlag zu landen, sondern wirbelte auf dem Absatz herum und stürmte zur Tür.
Unglückseligerweise musste er dabei an Mrs Walsh vorbei. Sie streckte das Bein aus und ließ ihn über ihren Fuß stolpern. Anders als sein Kamerad fiel er nicht besonders schwer und verlor schon gar nicht das Bewusstsein, aber Bast war über ihm, bevor er sich wieder aufrappeln konnte. Ihre Finger tasteten nach dem Nervenknoten an seinem Hals und drückten ihn, und jegliches Leben wich aus seinen Augen.
Aber es war noch da, warm und pulsierend und unglaublich verlockend, und sie war hungrig, so unvorstellbar hungrig ... Ohne sich der Bewegung auch nur selbst bewusst zu sein, drehte sie den Bewusstlosen auf den Rücken und beugte sich über ihn. Ihre Lippen näherten sich seinem Gesicht, dem pulsierenden, warmen Leben darunter und ...
»Miss Bast?«, murmelte Mrs Walsh. »Was ... was tun Sie da?«
Mit einer Willensanstrengung, die ihre Kraft beinahe überstieg, ließ sie den bewusstlosen Wächter los und richtete sich auf. Die Qual in ihrem Inneren wurde unerträglich, und das enttäuschte Heulen der Bestie vermischte sich mit dem gleißenden Schmerz des Hungers zu schierer Agonie, die sie innerlich zu zerreißen schien. Alles verschwamm vor ihren Augen. Schwäche pulsierte in immer rascher aufeinanderfolgenden Wellen durch ihre Glieder. Sie war dabei, den Kampf zu verlieren.
»Miss Bast?«, murmelte Mrs Walsh noch einmal.
Es war ihr Blick, der den Bann brach. Nichts anderes als das blanke Entsetzen, das Bast darin las. Und etwas Tieferes, Abgründiges, das auch in Mrs Walshs Seele lauerte, wie die Bestie in ihr selbst; ein menschliches Ungeheuer, das nur auf ein Wort wartete, um ebenfalls geweckt zu werden ...
»Was tun Sie, Miss Bast?«, wimmerte Mrs Walsh. Sie flüsterte nur noch, und Bast spürte, wie dicht sie davor stand, zu zerbrechen. Aber auch ein zerschmetterter Geist war Leben, und vielleicht erwies sie ihr eine Gnade, wenn sie ...
»Nein!«, sagte Bast entschlossen. »Noch nicht. So einfach besiegst du mich nicht, Horus.«
»Miss Bast«, murmelte Mrs Walsh verstört.
»Es ist nichts«, antwortete sie rasch. »Keine Sorge.« Sie brachte sie mit einer raschen Geste und einer zusätzlichen, sachten Berührung ihres Geistes zum Schweigen. »Es ist nicht so, wie es aussieht, glauben Sie mir. Ich erkläre Ihnen alles, aber jetzt müssen wir von hier verschwinden. Haben Sie das verstanden?«
Mrs Walsh starrte sie weiter aus weit aufgerissenen Augen an und schwieg. Sie hatte nichts verstanden, aber sie würde gehorchen, und das war im Moment alles, was zählte.
Bast stand auf und unterdrückte im letzten Moment den Impuls, Mrs Walshs Hand zu ergreifen, um ihr auf die Füße zu helfen. Hunger und Schmerz kamen jetzt in Wellen, jede einzelne ein winziges bisschen stärker als die vorhergehende. Im Moment erlebte sie einen Augenblick der Klarheit, aber sie wagte nicht vorauszusagen, wie lange er anhalten würde. Wahrscheinlich war es besser, wenn sie sie nicht berührte.
Während sich Mrs Walsh umständlich und keuchend wie unter einer unsichtbaren Zentnerlast in die Höhe stemmte, warf Bast noch einmal einen raschen Blick in die Runde. Schon gerade, bei ihrer Rückkehr, war ihr an diesem Raum irgendetwas anders vorgekommen, und jetzt sah sie, dass dies keineswegs nur ein grundloses Gefühl gewesen war, oder eine Folge ihrer Nervosität. Vorhin war hier alles verwüstet und durcheinander gewesen, ein heilloses Chaos aus zerstörten und lieblos hingeworfenen Dingen und geschändeten Heiligtümern, und nahezu alles davon war auch da, bis hin zu der gewaltigen Horusstatue, aber es gab kein Durcheinander, keine Zerstörung außer der, die Horus und sie selbst angerichtet hatten. Auf dem Boden lagen die zerbrochenen Reste der beiden Schwerter und zahllose schimmernde Glassplitter. Die verkohlten Reste ihres Mantels qualmten noch immer vor sich hin und verpesteten die Luft, und hier und da glomm eine einzelner Funke, wie zum Beweis, dass sie sich zumindest diesen Teil der Geschehnisse nicht nur eingebildet hatte. Darüber hinaus aber war alles penibel in Regalen aufgestapelt und sorgsam verpackt; sie sah zahllose Bündel und Kartons und Kisten und Säcke, die mit kleinen, akribisch beschrifteten Zetteln markiert waren. Ein ganz normaler Lagerraum, wie sie ihn in jedem ordentlich geführten Museum auf der Welt erwartet hätte.
Bast war viel mehr erstaunt als wirklich erschrocken. Horus war schon immer ein Meister der Täuschung gewesen, aber das hätte sie ihm nicht zugetraut. Er hatte dazugelernt.
Oder sie selbst wurde nachlässiger.
Sie ging zur Tür, spähte auf den Flur hinaus und sah zumindest auf den ersten Blick nichts, aber der aufgeregte Lärm und das Stimmengewirr hatten noch zugenommen. Jemand kam.
»Kommen Sie, Mrs Walsh«, sagte sie. »Und denken Sie daran: Gehen Sie einfach weiter. Ganz egal, was passiert.«
Mrs Walsh setzte dazu an, zu widersprechen, aber das ließ Bast nicht zu. Mit einem entschlossenen Schritt verließ sie die Kammer, wartete, bis Mrs Walsh neben sie getreten war und ging dann mit langsamen, aber festen Schritten los.
Der nächste Schwächeanfall kam, als sie den Durchgang zur großen Halle fast erreicht hatten, und es war nichts anderes als pures Glück, dass ihnen in diesem Moment niemand begegnete. Bast sank hilflos mit der Schulter gegen die Wand und blieb am ganzen Leib zitternd und mit geschlossenen Augen stehen, die Stirn gegen den Stein gelehnt und die Hände zu Fäusten geballt.
»Miss Bast?«, fragte Mrs Walsh verstört. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«
»Nur einen Moment«, flüsterte Bast. Sie war nicht einmal sicher, ob sie die Worte tatsächlich aussprach, oder es nur versuchte. Der Hunger war grausam. »Und ... kommen Sie mir nicht zu nahe. Bitte.«
Aus dem Moment wurde eine Minute, vielleicht auch zwei, dann zog sich die Flut aus reiner Qual widerwillig und langsam wieder zurück, und ihr Blick klärte sich. Mrs Walsh war bis zur gegenüber liegenden Wand zurückgewichen und starrte sie aus Augen an, in denen das pure Entsetzen flackerte.
Bast atmete hörbar ein, zwang ein zitterndes Lächeln auf ihre Lippen und nahm Mrs Walsh zugleich so viel von ihrer Furcht, wie es ihr möglich war. Sehr viel war es nicht.
Draußen in der großen Halle war von der allgemeinen Aufregung nichts zu bemerken, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Henry war natürlich verschwunden und irrte möglicherweise noch immer durch die Kellergewölbe, aber seinen Platz neben den gewaltigen Ramsesstatuen nahmen nun gleich zwei seiner Kollegen ein. Beide waren deutlich jünger als er und von ausgesucht kräftiger Statur, und Bast musste kein zweites Mal hinsehen, um zu erkennen, dass sie ihre Aufgabe sehr ernst nahmen und dass diese nicht nur daraus bestand, die normalen Museumsbesucher im Auge zu behalten und darauf zu achten, dass niemand die ausgestellten Preziosen und Kunstwerke berührte.