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Sie war nicht die Einzige, deren Gedanken sich in diese Richtung bewegten. Mrs Walsh ging zwar gehorsam neben ihr her, aber ihre Nervosität nahm mit jedem Schritt weiter zu. »Sie warten auf uns«, flüsterte sie.

»Ich weiß«, antwortete Bast. »Gehen Sie weiter.«

»Aber sie ... sie werden uns erkennen«, murmelte Mrs Walsh. »Was sollen wir nur tun?«

»Nichts«, antwortete sie. »Gehen Sie einfach weiter. Nichts wird geschehen.«

Sie nahmen denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, und Bast registrierte ohne wirkliches Erstaunen, dass Horus sein Netz aus Lügen und Täuschungen bereits hier draußen ausgeworfen hatte: Das einzig Echte an dem Fries, der sie vorhin so erzürnt hatte, war die Auswahl seiner Motive. Alles andere war eine geschickte Kopie, bei der die Künstler nicht einmal die Spuren des Alters und die typischen Beschädigungen vergessen hatten, die die Jahrtausende darin hinterlassen hatten. Horus hatte dazugelernt, eine Menge sogar. Oder diese Falle war wirklich sehr gründlich vorbereitet gewesen - was sie bei jemandem wie Horus nicht im Mindesten überraschen würde.

Aber wie hatte er wissen können, dass sie hierherkam?

Mrs Walshs Schritte wurden langsamer, je näher sie den beiden Wächtern kamen. Sie sagte nichts mehr, aber sie ging weiter - wenn auch langsamer werdend und auf dem letzten Stück tatsächlich mit angehaltenem Atem. Einer der beiden sah ihnen mit ausdruckslosem Gesicht, dafür aber umso aufmerksameren Blicken nach, während der andere weiter die Halle im Auge behielt.

»Wieso ... haben sie uns nicht aufgehalten?«, murmelte Mrs Walsh verstört.

Bast antwortete erst, nachdem sie durch die Tür und außer Hörweite der Kassiererin waren. Auch sie blickte ihnen aufmerksam und auch ein wenig verwundert nach. Auf ihrer Stirn erschien etwas, das zu einer nachdenklichen Falte geworden wäre, hätte Bast ihre Gedanken nicht behutsam in eine andere Richtung gelenkt. Vielleicht fragte sie sich, wer die beiden neuen Museumswächter waren, die mit schnellen Schritten an ihr vorübergingen, und warum sie sich partout nicht an ihre Gesichter erinnern konnte, obwohl es doch gerade einmal eine Sekunde her war.

»Wie haben Sie das gemacht?«, fragte Mrs Walsh.

»Was?«

»Wieso versuchen sie nicht, uns aufzuhalten? Wieso ... erkennen sie uns nicht?« Mrs Walshs Blick irrte über ihr Gesicht und ihr zerfetztes, brandgeschwärztes Kleid und ihr blutiges Gesicht.

»Vielleicht suchen sie uns ja gar nicht«, antwortete Bast. »Möglicherweise sind sie ja hinter jemand ganz anderem her.«

Mrs Walsh sah sie zweifelnd und verstört zugleich an, aber Bast beschleunigte ihre Schritte nur. Sie durchquerten die Halle, schnell, aber ohne Hast. Bast fiel auf, dass es plötzlich auch hier uniformierte Wächter gab; zwei neben dem Ausgang und jeweils einer neben dem Durchgang zu jedem anderen Raum. Keiner von ihnen warf auch nur mehr als einen flüchtigen Blick in ihre Richtung, aber nicht einmal sie selbst wusste, wie lange sie ihre Tarnung noch aufrechterhalten konnte.

Es reichte immerhin, um das Museum zu verlassen, und auch noch die halbe Freitreppe hinunter, aber dann spürte sie, wie die nächste Woge bleierner Schwere heranrollte. Obwohl es noch nicht einmal Mittag war, begann das Licht am Himmel über ihr zu verblassen. Mrs Walsh sagte etwas, das sehr besorgt klang, ohne dass sie die Worte verstand, und plötzlich wurden auch alle anderen Laute unscharf und leiser.

Dann nichts mehr.

DRITTES Kapitel

Sie träumte von der Jagd. In diesem Traum war sie eine Wildkatze, die lautlos und tödlich durch die Savannen und Wälder ihrer Heimat strich, kaum mehr als ein Schatten in der hereinbrechenden Dämmerung, und doch die unumstrittene Herrscherin dieses Landes, so weit das Auge reichte. Es war Nacht. Sie jagte nur nachts, denn sie war weder auf Augen noch Ohren angewiesen, um ihre Beute zu finden, sondern verfügte über viel feinere, untrüglichere Sinne. Ihre Beute war irgendwo vor ihr, vielleicht noch ein Dutzend kraftvoller Sprünge entfernt, erfüllt von einer scheinbar grundlosen Unruhe, die sie mehr verwirrte als wirklich erschreckte, aber nicht besonders aufmerksam, fühlte sie sich doch sicher und beschützt von der Dunkelheit einer sternenklaren, aber vollkommen mondlosen Nacht. Sie hätte sie mit wenigen beherzten Sprüngen erreichen können, aber sie bewegte sich dennoch unendlich behutsam weiter, um sich erst im allerletzten Moment zu zeigen. Zeigen würde sie sich ihr auf jeden Fall. Es wäre ihr ebenso gut möglich gewesen, sich nahe genug an ihr Opfer anzuschleichen, um es mit einer einzigen, blitzartigen Bewegung zu töten, noch bevor es überhaupt begriff, was geschah, doch damit hätte sie sich selbst um den Lohn der Jagd betrogen. Nahezu ebenso wichtig wie das Blut und das Leben, das sie trinken würde, waren die allerletzten Sekunden im Leben ihres Opfers, das finale Begreifen vor seinem unwiderruflich allerletzten Atemzug, wenn ihm klar wurde, dass es vorbei war und ihm keine Flucht und kein noch so verzweifeltes Wehren mehr helfen würden. Es war dieser Moment, der Anblick der reinen Angst in den Augen ihrer Beute, der Geschmack ihres Schmerzes, der aus der reinen Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme einen Rausch machte, eine Explosion der Sinne, die diesen Moment zu etwas Unbeschreiblichem werden ließ.

Sie wusste, dass sie träumte.

Anders als die meisten Menschen - zu denen sie ohnehin nicht gehörte - träumte sie längst nicht in jeder Nacht und - ebenfalls anders als die meisten - erinnerte sie sich nicht nur an nahezu jeden Traum, sondern war sich auch stets des Umstandes bewusst, zu träumen.

Das machte die Jagd nicht weniger aufregend.

Unendlich vorsichtig schlich sie weiter und näherte sich ihrem Opfer in weitem Bogen und von der windabgewandten Seite. Nicht vollkommen. Sie bewegte sich ganz bewusst so, dass ihre Beute einen schwachen Hauch ihrer Witterung wahrnahm; nicht genug, um aus ihrer vagen Beunruhigung echte Furcht zu machen oder gar einen Fluchtreflex auszulösen, sondern gerade genug, um sie zu verunsichern, ihre Furcht auf einer tieferen Ebene zu schüren, die längst nicht ausreichte, bis in ihr bewusstes Denken vorzudringen, aber genug, um die Illusion von Sicherheit zu erschüttern, in der sie sich bisher gewogen hatte. Nur ein zarter Vorgeschmack, kaum mehr als ein Hauch dessen, was folgen würde Etwas ... war nicht richtig. Etwas geschah.

Nicht einmal ihre überscharfen Sinne vermochten im ersten Moment zu erkennen, was es war ... vielleicht ein Schatten, der über den Himmel glitt, ohne dass es ihn wirklich gab, ein eisiger Hauch, der viel mehr ihre Seele als ihren Körper streifte ...

Sie hielt inne. Ihre scharfen Katzenaugen suchten den Himmel ab, und ihr unvorstellbar scharfes Gehör lauschte auf Töne, die schwächer waren als das Atmen einer Grille, und langsamer als die Gespräche der Berge, die seit Anbeginn der Zeit miteinander flüsterten.

Nichts. Sie war so allein wie seit Millennien - und dennoch: Etwas war da. Sie spürte es, mit Sinnen, die nicht einmal sie verstand, vielleicht weil sie älter waren, als selbst ihre Erinnerungen zurückreichten.

Bast war verärgert. Dies war ein Traum, der keinerlei Einfluss auf sie oder ihr wirkliches Leben hatte, aber etwas störte die Erregung der Jagd, dieses unglaubliche Prickeln, das sie so sehr brauchte und im wirklichen Leben so selten bekam.

Sie schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf ihr Opfer. Der kurze Moment der Verwirrung hatte sie nicht daran gehindert, ihren Weg fortzusetzen und sich ihm weiter zu nähern; weit genug, um ihm auch die allerletzte Chance auf eine Flucht zu nehmen, selbst wenn es in diesem Moment und ganz genau gewusst hätte, was auf es zukam. Sie war nach wie vor verärgert, auch wenn sie nicht einmal selbst genau sagen konnte, warum. Etwas stimmte nicht; und was immer dieses Etwas war, es verdarb ihr den Spaß an der Jagd, wie ein sachter, aber bitterer Beigeschmack, der es ihr unmöglich machte, die bevorstehende Mahlzeit in vollen Zügen zu genießen.