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Sie schüttelte auch diesen Gedanken ab und schlich weiter an ihre Beute heran. Sie spürte, wie deren Unruhe wuchs und ihr zum ersten Mal der Gedanke an Flucht kam, aber nun war es endgültig zu spät. Sie konnte sie jetzt sehen, ein schlanker, angstvoll in der Dunkelheit zusammengekauerter Schatten mit aufmerksamen Augen, die so voller Angst waren, dass ein fühlbarer Schauer der Erregung ihren kraftvollen Körper durchrieselte. Nur noch ein winziges Stück. Sie spannte sich zum Sprung.

Ein Schatten glitt über den Himmel, und sie hörte den Laut schlagender Flügel, die die Nacht teilten, mit einem Geräusch wie eine Klinge, die durch nasses Fleisch glitt.

Ihre Beute hob mit einem Ruck den Kopf, und auch sie sah auf und erblickte einen riesigen, pfeilflügeligen Schatten, der den Sternenhimmel verdunkelte. Ein schriller, pfeifender Schrei erscholl, und plötzlich wurde es kalt.

Die Antilope sprang auf und verschwand mit gewaltigen Sprüngen in der Dunkelheit. Sie hätte ihr folgen und sie mühelos mit ein paar kraftvollen Sprüngen einholen können, aber sie blieb geduckt und reglos hocken und starrte in den Himmel hinauf. Wut und Enttäuschung ließen ein zischendes Fauchen über ihre Lippen kommen, und ihre Krallen gruben sich in hilfloser Frustration in den Boden, während der Blick ihrer zu schmalen Schlitzen verengten Pupillen dem Schatten am Himmel folgte. Etwas Dunkles, unvorstellbar Drohendes ging von der fliegenden Chimäre aus, und ein Schwall körperloser, grausamer Kälte, der selbst ihren schlafenden Körper in der Wirklichkeit zum Erschauern brachte.

Der Falke antwortete mit einem neuerlichen, krächzenden Schrei auf ihr Fauchen und nahm die Herausforderung an, indem er plötzlich die Flügel anlegte und in einem rasenden Sturzflug auf sie herabstieß.

Bast empfing ihn mit blitzenden Klauen und gebleckten Fängen. Federn und Fell flogen, Blut und Erdreich explodierten in einem Geysir reiner Gewalt und rasender Bewegung, und ein greller Schmerz raste durch ihren Körper, als sich die Fänge des gewaltigen Raubvogels in ihr Fleisch gruben.

Das Schlimmste war die Kälte.

Es war wie Eis, das ihre Seele einhüllte, ein grausam kaltes Feuer, das sie innerlich verbrannte und ihre Menschlichkeit zu verzehren begann.

Trotzdem wehrte sie sich mit verzweifelter Kraft. Auch ihre Krallen und Zähne fanden ihr Ziel. Sie schmeckte Blut und Fleisch, und aus ihrem Hunger wurde pure Raserei, und dann ...

... kippte der Traum, und sie fand sich urplötzlich in nahezu vollkommener Dunkelheit wieder. Die Schreie waren verstummt. Sie war wach, nicht aus dem Traum erwacht, sondern in die Wirklichkeit zurückgefallen, und es war eine Wirklichkeit, die auf ihre Weise kaum minder schlimm war als der Traum.

Sie war wieder in ihrem Zimmer in Mrs Walshs Pension, aber sie konnte sich weder erinnern, wie sie hierhergekommen war, noch wieso es so dunkel und kalt war.

Außerdem war der Falke noch immer da. Er saß auf dem kleinen Schränkchen neben ihrem Bett und starrte aus gelb glühenden Augen auf sie herab.

Bast blinzelte und fand nicht nur endgültig in die Wirklichkeit zurück, der Falke verwandelte sich auch in den schwarzen Schattenriss einer Katze, und die Dunkelheit war plötzlich nicht mehr ganz so undurchdringlich wie bisher. Die Kälte - wenn auch nicht mehr ganz so grausam wie zuvor - blieb.

»Du bist mir vielleicht ein schöner Wächter«, sagte sie, während sie die Hand ausstreckte und die schwarze Katze flüchtig zwischen den Ohren kraulte. »Ich dachte, du wolltest auf meine Träume aufpassen, hm?«

Cleopatra antwortete mit einem dunklen Schnurren und stupste sie mit der Nase an, als sie die Hand zurückziehen wollte, und sie fuhr fort, sie zu kraulen. Bast wusste, dass sie ihr unrecht tat. Wahrscheinlich war es die Katze gewesen, die sie aus diesem verstörenden Traum befreit hatte. Aber sie war verwirrt. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so desorientiert und hilflos aufgewacht zu sein. Sie wusste noch immer nicht, wie sie zurück in dieses Zimmer gekommen war.

Und sie war sich auch nicht im Mindesten der Tatsache bewusst, dass Cleopatra und sie keineswegs allein im Zimmer waren, bis sie ein klapperndes Geräusch auf der anderen Seite des Bettes hörte und eine Stimme in einem Tonfall irgendwo zwischen Amüsiertheit und sanftem Tadel sagte: »Nun geben Sie nicht der armen Katze die Schuld, mein Kind. Sie hat die ganze Zeit über auf Sie aufgepasst. Ich wollte sie wegjagen, aber sie ließ sich nicht verscheuchen. Ich glaube, sie wäre jedem an die Kehle gegangen, der Ihnen auch nur nahe gekommen wäre.«

Bast starrte sie an. Mrs Walsh stand vor dem Fenster - das Klappern war das Geräusch gewesen, mit dem sie es geschlossen hatte - und kramte mit einer Hand in ihrer Schürze herum, während sie mit der anderen den Glaskolben von einer Petroleumlampe hob, die neben ihr auf der Kommode stand. »Also geben Sie dem armen Tier bitte nicht die Schuld, wenn Sie schlechte Träume haben.«

Bast starrte sie nur weiter wortlos an. Sie hatte Mühe, dem zu folgen, was Mrs Walsh sagte, und sie hatte noch mehr Mühe, zu begreifen, wo sie überhaupt herkam. Wieso hatte sie ihre Anwesenheit nicht sofort gespürt, gleich nachdem sie aufgewacht war?

Mrs Walsh hatte endlich gefunden, wonach sie gesucht hatte, und zog ein Päckchen Streichhölzer aus der Kitteltasche. Rasch entzündete sie die Lampe, setzte das Glas wieder ein und wandte sich mit einem gleichermaßen besorgten wie mütterlichen Tonfall wieder an sie. »Wie geht es Ihnen, mein Kind?«

Irgendwann, dachte sie, würde sie Mrs Walsh vielleicht sagen, wie lächerlich es war, ständig von ihr mein Kind genannt zu werden. Aber nicht heute. Sie war immer noch vollkommen verwirrt. Und sie spürte eine sonderbar gestaltlose Furcht, die ganz allmählich in ihr heranwuchs. Sie wusste nicht, wovor ... aber vielleicht wollte sie es auch einfach nur nicht wissen.

»Gut«, sagte sie.

Mrs Walsh hob zweifelnd eine Augenbraue, was Bast eine Menge über die Glaubwürdigkeit dieser Antwort verriet. Sie widerstand der Versuchung, in den Spiegel zu sehen, und ein zweiter Blick in Mrs Walshs Gesicht machte das auch überflüssig. Wenn sie so aussah, wie sie sich fühlte, dann war ein Blick in den Spiegel wahrscheinlich auch keine besonders gute Idee.

Abgesehen von allem anderen fror sie immer noch, was zum einen sicher daran lag, dass es im Zimmer empfindlich kalt war, zum anderen aber auch daran, dass sie unter der dünnen Häkeldecke nackt war. Ein wenig erschrocken hob sie die Decke an und warf einen Blick an sich hinab. Sie konnte sich auch nicht erinnern, sich ausgezogen zu haben. Aber eigentlich konnte sie sich an gar nichts erinnern, seit sie das Museum verlassen hatten ...

»Keine Sorge«, sagte Mrs Walsh. »Es ist alles noch dran und vollkommen unversehrt.« Die letzten beiden Worte, fand Bast, sprach sie auf eine sehr sonderbare Weise aus.

»Haben Sie ...?«, begann sie.

»... Sie ausgezogen?« Mrs Walsh nickte. »Und jetzt sparen Sie sich alles Weitere! Ich könnte Ihre Mutter sein, mein liebes Kind, und stellen Sie sich vor, ich habe tatsächlich schon einmal ein nacktes Hinterteil gesehen.« Sie legte den Kopf auf die Seite, und ihr Blick wurde taxierend. »Sie müssen hungrig sein. Wenn Sie sich ankleiden und ein wenig frisch machen, dann warten Jacob und ich mit einem kleinen Abendessen unten auf Sie.«

»Ich bin eigentlich nicht ...«, begann Rast, nur um sofort und in jeden Widerspruch im Keim erstickenden Ton von Mrs Walsh unterbrochen zu werden:

»Unsinn. Sie haben gestern Abend kaum etwas gegessen, und heute den ganzen Tag über auch nicht. Sie müssen halb verhungert sein. Und erzählen Sie mir nicht, Sie müssten auf Ihre Figur achten! Das weiß ich besser!«

Bast resignierte, schon weil sie diesen Tonfall zu gut kannte, um nicht zu wissen, wie vollkommen sinnlos jeder weitere Widerspruch sein musste. Und so ganz nebenbei: Sie war hungrig; wenn auch auf eine vollkommen andere Art.