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Sonderbarerweise - und auch das fiel ihr auch jetzt erst auf - nicht annähernd so sehr, wie sie es erwartet hätte. Sie spürte die Gier der Bestie noch immer tief in sich, ein beständiges Wühlen und Verlangen, das niemals ganz aufgehört hatte und niemals ganz aufhören würde. Aber es war nicht mehr so unerträglich wie bisher. Das war seltsam und auch ein wenig beunruhigend.

Aber vielleicht hatte das Ungeheuer seine Kraft während ihres Kampfes mit Horus und dem Drachen verbraucht und schlief.

Wenn auch sicher nicht für lange.

»Also gut«, seufzte sie. »Ich komme.«

»Eine andere Antwort hätte ich auch nicht akzeptiert«, sagte Mrs Walsh. »Ich gehe dann und koche uns frischen Tee.« Sie bewegte sich zur Tür, blieb aber auf halbem Wege noch einmal stehen und sagte: »Und lassen Sie das Fenster zu. Frische Luft ist ja etwas Wunderbares, aber es ist bitterkalt. Sie holen sich den Tod.«

Kaum, dachte Bast amüsiert, schwieg aber, und das ohnehin nur angedeutete Lächeln verschwand augenblicklich von ihren Lippen, kaum dass Mrs Walsh das Zimmer verlassen und die Tür hinter sich geschlossen hatte. Mit einem Ruck schlug sie die Decke zur Seite und stand auf. Sie erschauerte, als die eisige Luft ihre nackte Haut wie eine unsichtbare prickelnde Hand berührte. Es war wirklich bitterkalt hier drinnen.

Nackt ging sie zum Spiegel, drehte ihn ein wenig, um das Licht der Petroleumlampe aufzufangen, und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Auf den ersten Blick wirkte sie makellos, schlank und auf eine zeitlose Art schön, wie sie es seit Ewigkeiten gewohnt war, aber sie sah auch sofort, was Mrs Walsh so offensichtlich irritiert hatte: Sie mochte äußerlich dieselbe sein, aber sie hatte sich verändert; auf eine unsichtbare und dennoch unübersehbare Art. Es war, als wäre ... etwas nicht mehr da.

Sie schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich ganz auf das, was sie sah: eine Frau in jenem schwer zu definierenden Alter zwischen dreißig und fünfzig, die trotzdem etwas ungemein Jugendliches ausstrahlte; nicht jene Art oberflächlicher Jugendlichkeit, wie sie die Männer in jenem Viertel suchten, in dem sie gestern Nacht gewesen war und hinter dem sich nur zu oft eine vorzeitig gealterte Seele und ein gebrochener Geist verbargen, sondern etwas wortwörtlich Zeitloses, die Aura eines Menschen, dem der ewige Wechsel der Jahreszeiten und Äonen nichts anzuhaben vermochte ... auch wenn dieses Bild nicht ganz den Tatsachen entsprach. Sie war nicht unsterblich. Gewalt - wenn auch nur extreme Gewalt - vermochte sie zu töten, und sie alterte, doch auch das nur sehr, sehr langsam. Weder sie noch einer der anderen wusste, wie alt sie wirklich werden konnten. Sie waren jünger gewesen, als sie sich das erste Mal zusammengefunden hatten, halbe Kinder noch. Heute waren sie erwachsen, und die Zeit hatte Spuren in ihrer aller Gesichter hinterlassen. Doch seitdem waren Jahrtausende vergangen. Sie hatte Kulturen entstehen und wieder verschwinden sehen, hatte den Aufstieg und den Fall von Imperien miterlebt - und nur zu oft selbst herbeigeführt - und das feurige Sterben eines Kontinents. Und sie würde weitere Kulturen erwachen und wieder verschwinden sehen, manche still und in Würde entschlummernd, manche mit einem Schrei und mit Feuer und Tod; weitere Weltreiche würden aufstehen und wieder fallen, und vor ihr lagen noch weitere, viele Jahrtausende, bevor sie wirklich alt wurde und irgendwann starb.

Bast bezweifelt, dass sie diesen Tag erleben würde. Längst nicht alle von denen, die damals zusammengekommen waren, um eine Welt zu erschaffen, waren heute noch am Leben. Es gab ... Unfälle. Manche waren ermordet, einige beinahe aus Versehen getötet worden, und manche einfach verschwunden. Es war nicht leicht, ein Gott zu sein, und ihre Gemeinschaft hatte einen grausamen Preis für diese simple Erkenntnis bezahlt.

Irgendwann würde es auch ihr so ergehen, das wusste sie. Wahrscheinlich würde keiner von ihnen eines natürlichen Todes sterben. Wesen wie sie waren nicht dazu erschaffen, an Altersschwäche einzugehen.

Das intensive Gefühl, beobachtet zu werden, riss sie auf unangenehme Weise in die Wirklichkeit zurück. Alarmiert sah sie auf, konnte im ersten Moment nichts entdecken und begegnete dann dem Blicke zweier gelb leuchtender Katzenaugen, die sie durch den Spiegel anstarrten. Bildete sie es sich nur ein, oder funkelten sie in unverhohlenem Spott?

»Du hast ja recht«, seufzte Bast. »Ich bin eine eitle Ziege. Aber wenn du erst einmal die ersten paar tausend Jahre hinter dir hast, dann fängst du auch an, aufmerksamer nach Falten zu suchen, wenn du vor einem Spiegel stehst. Wirst schon sehen.«

Cleopatra maß sie mit einem weiteren, noch spöttischeren Blick und begann sich dann lautstark schnurrend zu putzen. Bast setzte ihre Inspektion gewissenhaft fort, verbot ihren Gedanken aber dieses Mal abzuschweifen, sondern inspizierte ihr Spiegelbild mit akribischer Gründlichkeit. Ohne einen Vergleichsmaßstab fiel ihre enorme Größe nicht auf, denn ihr Körper war so perfekt proportioniert wie ein Kunstwerk, nicht wie ein lebendes Wesen, ein Anblick, den keiner rasch vergaß. Allein die Kombination ihrer pechschwarzen Haut mit den fast aristokratisch anmutenden, kaukasischen Zügen war ungewöhnlich genug, und hätte sie ihr Haar wie üblich rückenlang und offen in seiner feuerroten Farbe getragen, wäre sie noch auffälliger gewesen.

Nichts davon interessierte sie im Augenblick. Sie musterte ihr Spiegelbild kritisch und Zentimeter für Zentimeter, und nach einigen Augenblicken wurde sie fündig: Unter ihren Fingernägeln klebte Blut; vermutlich ihr eigenes. Es war nicht leicht zu entdecken, denn auch ihre Fingernägel waren schwarz, doch Mrs Walsh hatte scharfe Augen, und einen weiteren Lapsus wie den von heute Morgen sollte sie sich besser nicht leisten. Mrs Walsh - und auch Maistowe - hatte ohnehin schon zu viel gesehen. Sie würde etwas unternehmen müssen, dachte sie betrübt, während sie zur Waschschüssel ging und sich die Fingernägel so lange schrubbte, dass sie beinahe schon wieder zu bluten begonnen hätten. Bald. Am besten noch heute.

Aber ganz gleich, was sie ihr und Maistowe auch antun musste, es würde nicht annähernd so schlimm sein wie das, was Horus und Sobek mit ihnen machen würden.

Auch das war etwas, was sie sehr bitter hatte lernen müssen: Menschen wie sie waren nicht nur für die Ewigkeit geschaffen, sondern auch für die Einsamkeit. Einen Sterblichen zu lieben hatte sie sich schon vor Jahrtausenden verboten, und selbst ihre Freundschaft brachte nur zu oft den Tod.

Sie beendete ihre Maniküre, indem sie Mrs Walshs Rasiermesser benutzte, um ihren Schädel von dem bereits wieder sichtbaren Haarflaum zu befreien, nahm ein neues, ebenfalls schwarzes Kleid aus ihrem Koffer und wählte anschließend wieder den roten Turban von gestern; das schwarze Tuch, das sie am Morgen getragen hatte, war ebenso verschwunden wie das dazugehörige Kleid.

Zusammen mit Cleopatra, die ihr auf dem Fuß folgte, verließ sie das Zimmer und blieb am oberen Ende der Treppe stehen, um einen Moment zu lauschen. Mrs Walsh und Kapitän Maistowe unterhielten sich leise unten im Erdgeschoss. Bast machte sich nicht die Mühe, auf die Worte zu achten, denn allein der Tonfall und die gelöste Stimmung, die sie von unten auffing, machten ihr klar, dass sie nur über Belanglosigkeiten redeten. Plötzlich bekam sie ein schlechtes Gewissen, hier oben zu stehen und zu lauschen, und ging mit schon fast hastigen Schritten weiter.

Die beiden saßen auch jetzt wieder am Kamin, in dem ein behagliches Feuer prasselte, aber der kleine Schachtisch war einem größeren Tisch gewichen, der Platz für drei Personen bot. Mrs Walsh hatte bereits für drei gedeckt, und Bast registrierte erst jetzt den verlockenden Bratenduft, der aus der Küche herüberwehte. Sie war nicht auf diese Art hungrig, denn sie benötigte nur sehr wenig körperliche Nahrung. Trotzdem ließ ihr der Geruch das Wasser im Mund zusammenlaufen. Es hätte Mrs Walshs einladenden Nickens nicht einmal mehr bedurft, um sie auf dem einzigen freien Stuhl am Tisch Platz nehmen zu lassen.