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»Ah, da sind Sie ja schon, meine Liebe!« Mrs Walsh stand auf. »Dann werde ich jetzt das Essen holen. Ich weiß ja nicht, wie es mit euch ist, aber ich für meinen Teil sterbe vor Hunger.«

Während sie sich herumdrehte und in die Küche enteilte, registrierte Maistowe Basts Eintreten erst jetzt, mit einiger Verspätung, und machte Anstalten, sich höflich zu erheben. Aber Bast winkte hastig ab, und Maistowe war perplex - oder auch müde - genug, um dieses Angebot anzunehmen und sich mitten in der Bewegung wieder zurücksinken zu lassen.

»Ich bin froh, Sie unversehrt wiederzusehen, Bast«, begann er mit einem nervösen Lächeln und einem noch viel nervöseren Blick, mit dem er sie von Kopf bis Fuß musterte. Fast schon ein bisschen ängstlich. Seine Finger spielten nervös mit einem silbernen Zigarettenetui, aber Bast entdeckte weder einen Aschenbecher noch Streichhölzer, und ihr feiner Geruchssinn verriet ihr auch, dass seit dem gestrigen Abend hier drinnen nicht mehr geraucht worden war. Anscheinend war es gestern wirklich die große Ausnahme gewesen, und Bast nahm an, dass Mrs Walsh ihm den Kopf abreißen würde, wenn er versuchte, aus diesem Sonderfall eine Regel zu machen.

»So schlimm war es nun auch wieder nicht«, sagte sie ausweichend. »Mrs Walsh hat vermutlich hoffnungslos übertrieben.«

»Das habe ich gehört, meine Liebe«, hallte Mrs Walshs Stimme aus der Küche herüber. Bast machte ein ertapptes Gesicht, und Cleopatra ließ ein Geräusch hören, das sich fast wie ein spöttisches Lachen anhörte.

Maistowe ging diskret über beides hinweg, nahm einen Zigarillo aus seinem Etui, drehte es ein paar Mal nervös in den Fingern und steckte es dann wieder zurück. Man hätte nicht über ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten verfügen müssen, um zu erkennen, dass ihm etwas auf der Seele brannte. Wahrscheinlich wollte er warten, bis Mrs Walsh zurück war, bevor er begann. Und da war noch etwas: Er sagte nichts mehr, aber sein Blick irrte vier- oder fünfmal zur Tür, und dieselbe Bewegung unterdrückte er mindestens noch einmal doppelt so oft.

»Erwarten Sie jemanden, Kapitän?«, fragte sie schließlich.

»Um ehrlich zu sein, ja«, antwortete er verlegen. »Ich fürchte nur, dass er nicht mehr kommt. Er ist schon mehr als eine Stunde über die Zeit, und normalerweise ist Abberline die Pünktlichkeit in Person.«

»Über eine ...«, begann Bast und brach dann erstaunt mitten im Satz ab, als ihr Blick auf die mannshohe Standuhr fiel.

Es war nach elf. Sie konnte sich nicht nur nicht erinnern, wie sie hierhergekommen war ... sie hatte mehr als zwölf Stunden geschlafen? Aber das war doch unmöglich!

»Ich fürchte, er wird nicht mehr kommen«, seufzte Maistowe. »Das ist wirklich bedauerlich, aber ich bin sicher, er hat einen guten Grund dafür.«

Bast starrte immer noch die Uhr an. Sie fühlte sich wie ins Gesicht geschlagen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal zwölf Stunden ununterbrochen geschlafen hatte - oder ob überhaupt jemals. Was bei Ra hatten Horus und Sobek mit ihr gemacht?

»Nun ja, er ... ähm ... wird seine guten Gründe haben«, sagte Maistowe noch einmal und räusperte sich unecht. Anscheinend deutete er ihr beharrliches Schweigen vollkommen falsch, aber Bast war nicht in der Stimmung, dieses Missverständnis aufzuklären. Zwölf Stunden? Zwölf Stunden!

»Darf ich Ihnen eine vielleicht etwas persönliche Frage stellen?«, fuhr Maistowe unbehaglich fort.

»Warum nicht?«, erwiderte Bast. »Solange Sie nicht erwarten, dass ich ehrlich antworte.«

Maistowe blieb ernst, aber Bast war auch nicht sicher, dass er ihre Worte überhaupt gehört hatte. »Also, es geht mich nichts an, ich weiß, aber ich frage mich trotzdem seit gestern schon, warum Sie sich Ihr wunderschönes Haar abgeschnitten haben.«

Bast sah ihn einfach nur stirnrunzelnd an, und hinter ihr sagte Mrs Walsh in tadelndem Tonfalclass="underline" »Sie haben vollkommen recht, Jacob. Es geht Sie nichts an. Man fragt eine Dame nicht, warum sie ihr Aussehen verändert hat. Man sagt allerhöchstens, dass es einem gefällt.«

»Ob es die Wahrheit ist oder nicht«, pflichtete ihr Bast bei. Sie stand auf, um Mrs Walsh zu helfen, die mit einem hoch beladenen Tablett aus der Küche kam, aber genau wie gestern schüttelte Mrs Walsh nur den Kopf und scheuchte sie mit einem entsprechenden Blick aus dem Weg, um das Tablett ebenso schnell wie geschickt selbst abzuräumen. Der Duft, der aus den Terrinen und Schüsseln aufstieg, ließ ihr abermals das Wasser im Mund zusammenlaufen, und dann - es war ihr ein wenig peinlich - hörte sie, wie ihr Magen knurrte.

»Verzeihen Sie«, sagte sie rasch.

Maistowe tat so, als hätte er nichts gehört, aber Mrs Walsh lächelte nur flüchtig. »Es ist doch keine Schande, hungrig zu sein«, sagte sie. »Vor allem nicht nach einem Tag wie diesem.« Sie wedelte mit der Hand. »Nun setzen Sie sich schon und greifen Sie zu.«

Bast gehorchte, zumindest was das Setzen anging, rührte ihr Besteck aber nicht an. »Wegen heute Morgen ...«, begann sie.

»... habe ich tatsächlich die eine oder andere Frage an Sie«, fiel ihr Mrs Walsh ins Wort, »das ist wahr. Aber nichts kann so wichtig sein, dass es nicht Zeit bis nach dem Essen hätte. Ich bin jedenfalls sehr hungrig, und Sie wissen ja, was man sagt: Ein leerer Bauch studiert nicht gern.«

»Ich dachte immer, es hieße genau andersherum«, schmunzelte Bast.

»Das ist eine Lüge, die die Studenten in die Welt gesetzt haben, um sich selbst etwas vorzumachen«, behauptete Mrs Walsh, während sie zuerst Maistowe und dann ihr eine gewaltige Portion Stew auftat.

Bast musste sich beherrschen, mit der angemessenen Ruhe nach ihrem Besteck zu greifen und nicht zu schlingen. Mit einem leisen Gefühl von Erstaunen registrierte sie, dass sie tatsächlich hungrig war - rein körperlich hungrig -, und das war wirklich ungewöhnlich. Vielleicht versuchte irgendetwas in ihr, auf diese Weise einen anderen, viel dunkleren Hunger zu kompensieren, den sie im Moment nicht stillen konnte.

Genau wie am vergangenen Abend aßen sie schweigend, und genau wie am vergangenen Abend lehnte sich Maistowe anschließend mit einem durch und durch zufriedenen Seufzen zurück und zog sein Zigarettenetui hervor, ließ es aber fast hastig wieder verschwinden, als Mrs Walsh ihm einen Blick zuwarf, der vermutlich selbst Horus und Sobek mitsamt ihrem Drachen in die Flucht geschlagen hätte. Aus der gleichen Bewegung heraus sah er wieder auf das Ziffernblatt der Standuhr, und Bast tat dasselbe. Es ging auf halb zwölf zu.

»Anscheinend kommt Ihr Bekannter nicht mehr«, sagte sie.

»Ja, so sieht es aus«, antwortete Mrs Walsh an seiner Stelle.

»Das ist bedauerlich, zumal Inspektor Abberline im Grunde nur Ihretwegen herkommen wollte.«

Es dauerte fast eine Sekunde, aber dann machte es tatsächlich und hörbar Klick hinter Basts Stirn. »Inspektor Abberline?«, fragte sie alarmiert.

Mrs Walsh hob besänftigend die Hand. »Keine Sorge, mein Kind«, sagte sie. »Es ist nicht so, wie Sie denken.«

»So?«, fragte Bast. »Was denke ich denn?«

Mrs Walsh überging die Frage. »Ich habe Ihnen doch erzählt, dass Jacob über gute Verbindungen zu den Behörden verfügt«, sagte sie, »und dass wir Ihnen helfen können, Ihre Verwandte zu finden. Inspektor Frederick Abberline ist der für Whitechapel zuständige Kriminalbeamte, und wie es der Zufall will, ist er auch ein guter Freund von Jacob. Wenn es außerhalb von diesen ... Kreisen jemanden gibt, der etwas über Ihre ... Schwester weiß, dann er. Aus diesem Grunde hat Jacob ihn gebeten, hierherzukommen und mit Ihnen zu reden. Ganz inoffiziell«, fügte sie hastig hinzu.

»Warum?«, fragte Bast. »Ich meine: Warum tun Sie das für mich?«

»Sie meinen, weil Sie eine Fremde für uns sind und wir eigentlich keinen Grund haben, uns um Sie zu sorgen, mein Kind?« Mrs Walsh schenkte ihr einen tadelnden Blick. »Gottlob denkt nicht jeder so. Und außerdem«, fügte sie mit einem diesmal eindeutig spöttischen Augenzwinkern hinzu, »bin ich neugierig. Eine durchaus weibliche Eigenschaft, nicht wahr?«