»Aber manchmal auch eine gefährliche«, antwortete Bast ernst.
»Aber ich bitte Sie«, erwiderte Mrs Walsh. »Was sollte mir schon passieren, mit jemandem wie Ihnen an meiner Seite?«
»Ich meine es ernst, Mrs Walsh«, sagte Bast ruhig. Sie warf einen raschen Seitenblick auf Maistowe und erkannte, dass es nicht notwendig war, ihre Worte mit Bedacht zu wählen. Mrs Walsh hatte ihm alles erzählt. Was hatte sie denn erwartet? »Ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie mir helfen wollen, aber ...«
»Geholfen haben, meine Liebe«, unterbrach sie Mrs Walsh. »Wahrscheinlich erinnern Sie sich nicht - so wenig wie ich verstehe, wie es uns überhaupt möglich war, das Museum zu verlassen -, aber Sie sind zusammengebrochen, kaum dass wir in der Droschke saßen. Ich hatte meine liebe Mühe, den Kutscher dazu zu überreden, überhaupt loszufahren.«
»Das tut mir leid«, sagte Bast ehrlich. »Ich wollte nicht, dass ...«
»... Sie mir etwas schuldig sind? Also, ich schon.« Mrs Walsh lächelte flüchtig, aber Maistowe wurde immer nervöser und begann unruhig in seinem Sessel hin und her zu rutschen, ohne dass er etwas gegen die Bewegung tun konnte. »Finden Sie nicht, dass Sie uns ein paar Erklärungen schulden?«, fuhr Mrs Walsh fort.
»Zum Beispiel?«
»Zum Beispiel über das, was heute Morgen geschehen ist«, antwortete Mrs Walsh. »Was ich gesehen habe.«
»Was haben Sie denn gesehen, Mrs Walsh?«, fragte Bast. Sie hob die Hand. »Nein, ich meine diese Frage ernst. Was man sieht, muss nicht unbedingt das sein, was wirklich ist.«
»Sie sprechen in Rätseln«, antwortete Mrs Walsh, leicht verstimmt. »Also gut, wenn Sie darauf bestehen, Spielchen zu spielen, dann muss ich mich wohl oder übel ...«
»So ist es nicht, Mrs Walsh«, fiel ihr Bast ins Wort. »Ich kann mir gut vorstellen, wie Sie und Kapitän Maistowe sich fühlen, und ich könnte gut verstehen, wenn Sie jetzt verärgert oder auch zornig auf mich sind, aber ...«
»Das bin ich keineswegs«, fiel ihr nun Mrs Walsh ins Wort. »Ich bin ein wenig enttäuscht.«
»Weil ich Ihnen nicht vertraue«, vermutete Bast.
»Weil Sie mich für dumm zu halten scheinen«, versetzte Mrs Walsh, nun doch hörbar verärgert, »und sich nicht einmal die Mühe machen, es irgendwie zu verhehlen.«
Bast seufzte. »Bitte, Mrs Walsh! Ich kann Ihre Reaktion verstehen, und glauben Sie mir, es tut mir aufrichtig leid, dass es so kommen musste. All das heute Morgen ... Sie hätten nichts davon sehen sollen.«
»Weil es gefährlich für mich sein könnte?«, fragte Mrs Walsh spöttisch.
»Für Sie und den Kapitän, ja«, antwortete sie ernsthaft. Maistowe fuhr bei diesen Worten sichtbar zusammen und sah plötzlich noch nervöser aus, aber Mrs Walsh lachte nur noch einmal, und diesmal klang es beinahe schon verächtlich.
»Wie kommt es nur, dass mich diese Antwort nicht überrascht?«, fragte sie spöttisch. »Vielleicht, weil ich sie erwartet habe?«
»Das mag sein, aber es ändert nichts daran, dass es die Wahrheit ist«, sagte Bast. »Heute Morgen habe ich Ihnen gesagt, dass ich mir eine andere Unterkunft suchen werde, und ich hätte es besser sofort getan, statt mit Ihnen in dieses Museum zu gehen. Dann wäre Ihnen eine Menge erspart geblieben ... und mir auch.«
»Eine ziemlich unangenehme Begegnung zum Beispiel.«
»Und dieses Gespräch, ja«, bestätige Bast ungerührt. So wie ihr und Maistowe die mindestens ebenso unangenehme Erfahrung, für den Rest ihres Lebens mit der Erinnerung an zwei komplette Tage herumzulaufen, an die sie sich eben nicht erinnerten. Bast fragte sich, warum sie es nicht gleich tat; Mrs Walsh und Maistowe zwang, ihr einfach zuzuhören, ihre Erinnerungen auslöschte und ging. Es wäre möglich. Sie hatte so etwas schon oft getan. Sehr oft. Früher war sie den komplizierten, aber auch eleganteren Weg gegangen und hatte die Erinnerungen ihrer Opfer nicht einfach nur ausgelöscht, sondern durch neue und unverfängliche ersetzt; Mrs Walsh und Kapitän Maistowe beispielsweise hätten sich sehr wohl an einen Gast erinnert, allerdings an einen Mann mit vielleicht heller Haut und eher unauffälligem Aussehen, und auch nur insofern, dass an ihm rein gar nichts Außergewöhnliches gewesen war und sie eher froh gewesen waren, als er auszog. Aber irgendwann hatte sie begriffen, wie tückisch ein solches Vorgehen war. Falsche Erinnerungen waren wie vermeintlich harmlose Wege voller heimtückischer Fallgruben, in denen sich der arglose Wanderer hoffnungslos verstricken und manchmal auch verirren konnte. Sie konnte keine Erinnerungen an Dinge fälschen, von denen sie nichts wusste. Menschen wurden von Bekannten und Nachbarn auf Begebenheiten und Gespräche angesprochen, an die sie sich nicht mehr erinnerten, oder bezogen sich auf Vorfälle, die es nie gegeben hatte. Sie hielten Dinge für erledigt, ohne sie getan zu haben, oder taten sie doppelt, und irgendwann begannen sie nervös zu werden und Nachforschungen anzustellen, die niemals zu einem Ergebnis führten. Manche zerbrachen daran. Der menschliche Geist war ungeheuer belastbar und zu geradezu unvorstellbaren Leistungen fähig, aber zugleich auch so zerbrechlich wie feinstes chinesisches Porzellan. Letzten Endes hatte sich die uneleganteste und direkteste Methode als am besten erwiesen: Sie löschte die entsprechenden Erinnerungen aus und hinterließ nichts als Leere, über die sie sich den Kopf zerbrechen konnten, bis sie schwarz waren. Brutal, aber effizient.
Bast setzte dazu an, genau das zu tun, und Mrs Walsh sagte: »Aber wir sind doch bereits in Gefahr, man Kind.«
Die unsichtbare Faust, die bereits zum Hieb ausgeholt hatte, verharrte mitten in der Bewegung. Bast blinzelte. »Wie?«
Mrs Walsh lächelte. »Sie vergessen anscheinend, dass ich dabei war, mein Kind. Sie mögen ja tapfer sein, und außerordentlich stark, und ganz zweifellos verfügen Sie noch über eine Menge anderer Fähigkeiten, von denen ich nichts weiß, aber wenn Sie mir meine Offenheit verzeihen: Sonderlich klug scheinen Sie mir nicht zu sein.«
»Wie meinen Sie das?« Bast spürte selbst, dass ihr Lächeln ziemlich verunglückte.
»Nun, ich weiß nicht, welchen Streit Sie mit Professor Renouf haben, oder ob das überhaupt sein richtiger Name ist, aber er hat mich gesehen. Sie haben ihm meinen Namen genannt. Wenn er tatsächlich so gefährlich ist, wie Sie anzunehmen scheinen, dann wird er meinen Aufenthaltsort rasch herausfinden und hierherkommen.«
»Nein, Mrs Walsh«, sagte Bast beruhigend. »Das wird er nicht. Dafür habe ich gesorgt.«
Aber hatte sie das wirklich? Ganz plötzlich war da ein Gefühl in ihr, das sie nur sehr selten verspürte: Zweifel. Da war etwas, etwas, das sie - beunruhigend genug - vergessen hatte, und das wichtig war. Hing es mit Horus zusammen - oder mit Gloria Walsh?
»Wer sind Sie wirklich?«, fragte Mrs Walsh geradeheraus.
»Das habe ich Ihnen gesagt«, antwortete Bast.
»Ja, das haben Sie«, sagte Mrs Walsh. »Ich beginne mich allerdings zunehmend zu fragen, ob Sie nicht tatsächlich die Wahrheit gesagt haben, Bastet.«
»Ich fürchte, ich ... verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen, Mrs Walsh«, sagte Bast steif »Sie sind Bastet, habe ich recht?«, fragte Mrs Walsh.
Bast starrte sie viel zu lange und viel zu erschüttert an, um ihrer Antwort noch irgendeine Glaubwürdigkeit zu verleihen. »Sie wissen selbst, wie sich das anhört, nicht wahr?«
Mrs Walsh schwieg, aber sie hielt ihrem Blick auch so unerschütterlich stand, dass Bast sich ernsthaft zu fragen begann, ob es ihr überhaupt möglich sein würde, ihren Willen zu brechen, und Maistowe sagte: »Ich habe mich gestern Abend nicht geirrt, habe ich recht?«
»Womit?«
»Als Sie dem Kerl das Messer aus der Hand geschlagen haben, da war ich sicher, Sie hätten sich dabei verletzt«, antwortete er. »Später war Ihre Hand unversehrt, aber als ich Sie darauf angesprochen habe, haben Sie behauptet, ich hatte mich wohl getäuscht.«