Mrs Walsh antwortete nicht darauf, sondern stand vollends auf und verschwand in einem der angrenzenden Zimmer, allerdings nur, um einen Augenblick später zurückzukommen, und auch das nicht mit leeren Händen. Etwas wie eine unsichtbare eisige Hand berührte Bast im Nacken, als sie erkannte, was sie über den Armen trug.
»Es war also alles nur Einbildung?«, fragte sie kühl. »Sie meinen damit, dass es nur so etwas wie eine Illusion gewesen ist. Sie haben weder mit diesem vermeintlichen Renouf gekämpft, noch hat er die Lampe nach Ihnen geworfen und Ihre Kleidung damit in Brand gesetzt.« Sie seufzte. Es klang enttäuscht und irgendwie traurig. »Dann nehme ich an, Ihr Kleid ist derselben Illusion erlegen und hat sich nur eingebildet, zu verbrennen?« Bast sagte gar nichts darauf, sondern starrte nur weiter die verkohlten Fetzen des Kleides an, das sie am Morgen getragen hatte. Auf den ersten Blick war kaum zu erkennen, wie sehr die Flammen dem schwarzen Kleidungsstück zugesetzt hatten, aber die zahllosen Schnitte und Risse waren ebenso wenig zu übersehen wie das eingetrocknete Blut.
»Sie sollten uns wirklich nicht anlügen, Bastet«, seufzte Mrs Walsh.
Bast schüttelte nur den Kopf. Mrs Walsh sah sie einen Moment lang an, dann warf sie das Kleid ohne viel Federlesens ins Feuer und nahm wieder Platz. Der Stoff fing mit einem einzigen Schlag Feuer und brannte mit einer so enormen Hitze, dass sie alle drei ein kleines Stück vom Kamin wegrückten.
Für eine ganze Weile waren das Prasseln der Flammen und das leise Zischen, mit dem der schwarze Stoff zu Asche zerfiel, die einzigen Laute, die zu hören waren.
»Ich verstehe«, sagte Mrs Walsh. »Sie wollen meine Frage nicht beantworten.«
»Das kann ich nicht, Mrs Walsh«, antwortete sie ernst. »Bitte glauben Sie mir - Sie wissen schon viel mehr, als Sie wissen dürften. Aber ich verspreche Ihnen, dass weder Kapitän Maistowe noch Ihnen etwas geschehen wird. Ich werde dieses Land verlassen, sobald ich getan habe, weshalb ich hergekommen bin.«
»Ihre Schwester zu finden«, vermutete Mrs Walsh.
»Um sie vor den Männern zu warnen, auf die wir heute Morgen getroffen sind, ja«, sagte Bast. »Sie ist in Gefahr. In noch weitaus größerer Gefahr, als ich bisher angenommen habe, fürchte ich.«
»Die Männer von heute Morgen ...«
»Sie sind viel mehr auf der Suche nach ihr als nach mir, fürchte ich«, sagte Bast. »Ich muss sie finden. Und das möglichst schnell.«
»Dann sollten wir Ihnen umso mehr dabei helfen«, sagte Maistowe. »Wenn es tatsächlich so ist, wie Sie sagen, und wir uns in Gefahr befinden, solange Sie bei uns sind.«
Bast musste gegen ihren Willen lachen. Maistowe war hartnäckig, das musste sie ihm lassen. Dennoch schüttelte sie den Kopf. »Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen. Kapitän Maistowe«, sagte sie. »Aber ich fürchte, dass ich es ausschlagen muss.«
»Weil ich Ihnen nur zur Last fallen würde«, vermutete Maistowe säuerlich.
»Ich würde Sie nur in noch größere Gefahr bringen«, sagte Bast sanft, »und das kann ich nicht verantworten.« Maistowe wollte etwas sagen, doch Bast schüttelte rasch den Kopf und fuhr mit leicht erhobener Stimme fort: »Gestern Abend wären Sie fast getötet worden, und auch ich bin keineswegs unbesiegbar. Glauben Sie mir, es ist sicherer, wenn ich mich allein auf die Suche mache.«
»Ich verstehe«, sagte Maistowe. Er begann die Stelle an seinem Hinterkopf zu massieren, wo ihn gestern der Schlag getroffen hatte. »Und Sie müssten nicht nebenbei noch das Kindermädchen für mich spielen.«
»Jetzt stellen Sie sich nicht so mimosenhaft an, Jacob«, sagte Mrs Walsh spöttisch. »Ich nehme doch an, dass Sie nicht zum ersten Mal in Ihrem Leben verprügelt worden sind.«
»Das ist richtig«, seufzte Maistowe. »Aber es war das erste Mal, dass mich eine Frau gerettet hat. Gegen fünf Kerle.«
»Was mich zu der Frage bringt, ob es wirklich klug ist, sich ganz allein mit fünf Whitechapel-Schlägern anzulegen«, versetzte Mrs Walsh spitz. Aber im nächsten Moment wurde sie dafür umso ernster und sah Bast stirnrunzelnd an. »Sie haben vollkommen recht, meine Liebe, und ich hoffe zumindest, dass der gute Jacob aus seinem gestrigen Fehler etwas gelernt hat. Aber Tatsache ist, dass Sie seine Hilfe brauchen werden.«
»Wieso?«
Mrs Walsh tauschte einen raschen Blick mit Maistowe, bevor sie antwortete. »Sie mögen über eine Menge außergewöhnlicher Fähigkeiten verfügen, Bast, aber Sie kennen sich sicher nicht in Whitechapel aus.« Der Gedanke schien sie zu amüsieren.
»Was genau wollen Sie damit sagen?«, fragt Bast.
»Man redet bereits über Sie, mein Kind«, antwortete Mrs Walsh lächelnd. Sie deutete auf Maistowe. »Jacob hat sich ein wenig umgehört. Ich fürchte, bisher hat er noch nichts über Ihre Freundin in Erfahrung bringen können ... aber dafür umso mehr über Sie.«
»Was genau meinen Sie damit?«, fragte Bast. Als ob sie das nicht wüsste.
»Nicht diese fünf Kerle, mit denen Sie zusammengestoßen sind, meine Liebe«, antwortete Mrs Walsh amüsiert, während sie Bast mit einem neuerlichen, noch spöttischeren Blick maß. »Man erzählt sich etwas von einem geheimnisvollen Fremden, der plötzlich aufgetaucht ist und die Kerle in die Flucht geschlagen haben soll. Sie würden niemals zugeben, dass eine Frau sie so zugerichtet hat ...« Sie wurde übergangslos wieder ernst. »Aber man redet auch über Sie, meine Liebe.«
»Und ... was?«, fragte Bast zögernd.
»Sie stellen Fragen, Bast«, antwortete Mrs Walsh. »Die Leute dort mögen es nicht, wenn man Fragen stellt. Und Sie stellen viele Fragen, und Sie stellen sie den falschen Leuten.«
Bast sagte nichts dazu, aber sie gestand sich im Stillen ein, dass Mrs Walsh recht hatte. Sie war nie sonderlich gut in solchen Dingen gewesen, und sie hatte sich auch jetzt nicht gerade geschickt angestellt.
»Sie sollten Jacobs Angebot annehmen«, fuhr Mrs Walsh fort. »Auch wenn er es in meiner Anwesenheit niemals zugeben würde, so kennt er sich in diesem Viertel doch ziemlich gut aus, und er kennt eine Menge Leute.« Sie warf Maistowe einen so zuckersüßen Blick zu, dass dieser hastig an seinem Zigarillo sog und eine dicke Rauchwolke paffte, hinter der sein Gesicht nahezu verschwand. »Er kann Ihnen helfen.«
Das Schlimme war, dachte Bast, dass sie vermutlich recht hatte. So, wie es aussah, würde sie Hilfe brauchen, und vermutlich waren Maistowe und Mrs Walsh sogar genau die Richtigen für diese Rolle. Aber statt ihr Angebot anzunehmen, schüttelte Bast nur abermals den Kopf, und ein Gefühl von Trauer überkam sie. Es wäre ihr Untergang. Nicht weil sie es wollte, oder weil Horus und Sobek außergewöhnlich grausam wären, sondern weil es immer so war. Im Krieg der Götter wurden Menschen zermalmt, selbst wenn es gnädige Götter waren.
»Es tut mir leid«, sagte sie sanft, »aber es geht nicht.«
»Ich glaube nicht, dass ...«, begann Mrs Walsh, und Bast fiel ihr eine Spur schärfer und mit leicht veränderter Betonung ins Wort:
»Ich sagte: Nein. Und bitte verzeihen Sie mir.«
»Was?«, fragte Mrs Walsh.
»Das, was ich jetzt tun muss.« Sie ließ Mrs Walsh nicht einmal die Zeit, über diese Worte nachzudenken, sondern tat endlich das, was sie gleich hätte tun sollen.
Vielleicht für die Dauer eines halben Atemzuges erschien so etwas wie Schrecken in Mrs Walshs Augen, dann wurden sie leer. »Vergessen Sie alles, Gloria«, sagte Bast sanft. »Und Sie ebenfalls, Jacob. Vergessen Sie dieses Gespräch, ebenso wie«, sie deutete auf den Kamin und das schon nahezu vollkommen verbrannte Kleid, »das da. Vergessen Sie alles, was Sie heute Abend gesehen haben. Vergessen Sie, was ich Ihnen über mich und meinesgleichen erzählt habe. Und tun Sie diese Nacht nichts anderes als das, was Sie immer tun - oder immer schon tun wollten. Und jetzt wachen Sie auf!«
Mrs Wash schüttelte irritiert den Kopf und sah sie aus nun wachen, aber verständnislosen Augen an. Sie warf einen Blick auf Maistowe, der in seinem Sessel saß, als wäre er nur kurz eingenickt und hätte Mühe, wieder zu sich zu kommen.