»Ich ... ich glaube, Sie sollten zu Bett gehen, Jacob«, sagte sie, nahm ihm mit einem missbilligenden Stirnrunzeln den Zigarillo aus der Hand und schnippte ihn in die Flammen. »Wir alle sollten zu Bett gehen. Ich räume das hier weg.«
Genau das tat sie, nahm das benutzte Geschirr, stapelte es zusammen und trug es in die Küche.
Bast überlegte einen Augenblick lang, ob sie ihr vielleicht helfen sollte, entschied sich dann aber doch dagegen. Besser, alles so zu lassen, wie es immer war - das Abspülen und Entsorgen der Reste sollte sie doch lieber Mrs Walsh überlassen. Sie gähnte und streckte sich katzenhaft.
»Gute Nacht«, sagte sie zu niemandem Bestimmten, bevor sie sich daranmachte, die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufzusteigen.
»Gute Nacht«, hörte sie Maistowe noch sagen. »Schlafen Sie gut.«
Aber an Schlaf war nicht zu denken. Zu viel war heute geschehen, und viel von dem Geschehenen hatte sie noch nicht verarbeitet. Sie legte sich angekleidet auf ihr Bett und starrte gegen die Decke. Irgendwie hatte sie das Gefühl, nach den Ereignissen des heutigen Tages mit mehr Glück als Verstand noch einmal davongekommen zu sein. Sie begann Fehler zu machen, und das störte sie am meisten, Fehler, die ihr früher nicht unterlaufen wären, und sie hatte ihre verbliebenen Kräfte dazu einsetzen müssen, diese Fehler auszubügeln, anstatt dazu, bei dem, weshalb sie überhaupt hierhergekommen war, irgendwelche Fortschritte zu erzielen.
Sie lauschte mit ihren Sinnen in die Stille des Hauses hinein. Mrs Walsh hatte aufgehört, in der Küche zu werkeln, und sie konnte sie überhaupt nicht mehr spüren, als wäre sie gar nicht im Haus. Vielleicht schlief sie wirklich den Schlaf der Gerechten. Maistowe dagegen hörte sie in seinem Zimmer rumoren; er schien einen unregelmäßigen Schlaf zu haben, denn hin und wieder quietschten seine Bettfedern.
Schließlich hielt sie es nicht länger aus. Sie brauchte Antworten, und morgen mochte es bereits zu spät sein. Sie stand auf, nahm ihren Mantel vom Haken, und nur einen Augenblick später öffnete sie das Fenster, schlüpfte hinaus und verschwand so lautlos wie ein Schatten in der Nacht.
Mitternacht war längst vorüber, es musste auf eins zugehen, als sie Whitechapel erreichte. Sie hatte sich nicht sonderlich beeilt und zu allem Überfluss unterwegs auch noch zwei- oder dreimal die falsche Abzweigung genommen - irgendwie sahen die Straßen hier alle gleich aus, und gestern Nacht war sie einfach zu aufgeregt gewesen, um auf den Weg zu achten -, und sie erlebte eine weitere Überraschung, kurz bevor sie die Straße erreichte, in der das Ten Bells lag: In einem Land, in dem die Gasthäuser und Pubs um zehn schlossen, hatte sie erwartet, das Viertel still und schlafend vorzufinden, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Schon von Weitem sah sie Licht - den flackernden roten Schein von Fackeln, aber auch das ruhigere gelbe Licht von Petroleumlampen und die unruhig umhersuchenden bleichen Finger der Karbidlaternen, mit denen die Londoner Bobbys ausgerüstet waren - und hörte Stimmen, und noch bevor sie in die Straße einbog, roch sie Blut.
Für einen Moment hielt sie inne, schloss die Augen und ließ all ihre Sinne aufmerksam umhertasten. Da waren Furcht und Erregung, Sensationslust und pure Neugier und Angst und Zorn, alles was sie von der Menschenmenge erwartet hatte, die ganz offensichtlich hinter der nächsten Straßenbiegung zusammengelaufen war, aber auch noch mehr. Der Geruch nach Blut - menschlichem Blut - war stärker geworden, und darunter erspürte sie nun noch etwas, das allen anderen hier verborgen bleiben musste: den Geruch von Gewalt und Angst und Tod - und großer Furcht. Nichts von alledem war den Menschen in diesem Viertel fremd. Gewalt und Angst und auch der Tod gehörten zu ihrem Leben wie die täglichen Mahlzeiten und die allabendlichen Alkoholexzesse und die käufliche Liebe. Aber das hier war ... anders.
Etwas regte sich, tief in ihr. Bast lauschte einen Moment in sich hinein und dachte einen noch kürzeren Moment ganz ernsthaft daran, kehrtzumachen und in die Pension zurückzukehren oder doch zumindest diese Straße und die Menschenansammlung hinter der nächsten Biegung zu meiden. Die Nähe so vieler Menschen mit ihrer Furcht und Gier und vor allem der intensive Blutgeruch begannen das Ungeheuer bereits wieder aus seinem Schlummer zu erwecken. Es regte sich, es begann zu erwachen, und Bast war ganz und gar nicht sicher, dass es ihr noch ein weiteres Mal gelingen würde, es wieder in seinen Käfig zu sperren.
Oder ob sie das überhaupt wollte.
Statt auf ihre innere Stimme zu hören, straffte sie die Schultern, ging weiter und bog mit festen Schritten in die Straße ein, an deren anderen Ende das Ten Bells lag; und ein Stück davor Maudes modernes Sklavenhaus. Sie war ein wenig überrascht - ohne es zu merken, hatte sie offensichtlich einen großen Bogen geschlagen und kam nun aus der entgegengesetzten Richtung, was eine Menge über ihren Orientierungssinn und damit über ihren Allgemeinzustand aussagte, aber der Gedanke entglitt ihr auch fast augenblicklich wieder, als sie die Menschenmenge sah, die nur ein paar Schritte vor ihr auf der rechten Straßenseite zusammengelaufen war. Der größte Teil davon bestand aus demselben Publikum, das sie schon aus der vergangenen Nacht kannte, Männer und Frauen, die hier wohnten oder arbeiteten oder auch anderen, zweifelhaften Beschäftigungen nachgingen, und es schienen auch etliche übrig gebliebene Zecher darunter zu sein, obwohl die Kneipen schon seit Stunden geschlossen hatten, und sicher auch der eine oder andere Neugierige, den der Aufruhr hergetrieben hatte. Mit alledem hatte sie gerechnet - aber sie sah auch eine überraschend große Anzahl uniformierter Polizisten - mindestens ein Dutzend - und gleich vier oder fünf Droschken, von denen zwei quer zur Fahrbahn abgestellt worden waren, dass ein Durchkommen so gut wie unmöglich war; jedenfalls nicht, ohne von einem der Bobbys bemerkt zu werden, die die Straße und jeden, der kam oder ging, im Auge behielten.
Aus ihrem unguten Gefühl wurde Gewissheit. Was immer hier passiert war, schien weit über das normale Maß an Gewalttätigkeiten und Mord hinauszugehen, an das die Menschen hier gewöhnt waren. Sie spürte Neugier und Sensationslust und genau jene erleichterte Schadenfreude, die sie erwartet hatte, aber da waren auch Furcht und ein tief sitzendes, nagendes Erschrecken, das beinahe jedermann hier ergriffen hatte. Nahrung für ihre dunkle Schwester.
Da es zu spät war, um umzukehren, ohne damit noch mehr Aufsehen zu erregen, ignorierte sie den bohrenden Blick des ihr am nächsten stehenden Bobbys und steuerte die schmale Lücke zwischen den beiden quer gestellten Droschken an, während sie zugleich versuchte, einen Blick über die Köpfe der Gaffer hinweg zu erhaschen. Allzu viel konnte sie nicht erkennen; gerade, dass ein ausgestreckter regloser Körper auf dem Boden lag, und dass es offensichtlich eine Frau war. Aber der Blutgeruch wurde für einen Moment so stark, dass sie es kaum noch ertrug. Wenn sie nicht bald Nahrung fand, würde das Ungeheuer schlichtweg seine Ketten zerreißen und sie überwältigen.
»Sir?«
Bast war so in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie fast gegen den Bobby geprallt wäre, der ihr unversehens den Weg vertrat. Erschrocken prallte sie einen halben Schritt zurück, und ihr Gegenüber wirkte für den Moment mindestens ebenso verwirrt wie sie, denn er blinzelte ein paar Mal und schien im allerersten Moment nicht zu wissen, was er sagen sollte.
»Ahm ... Misses?«
»Miss«, verbesserte ihn Bast und fing sich wieder. »Was kann ich für Sie tun, Konstabler?«
»Miss, gut.« Der Mann schien sich endlich daran zu erinnern, was für eine Uniform er trug, und straffte nicht nur die Schultern, sondern bemühte sich auch, einen möglichst offiziellen Ausdruck auf sein Gesicht zu zwingen, wenn auch mit mäßigem Erfolg.