Wahrscheinlich war es nur ihr ungewöhnliches Äußeres, das ihn irritierte, denn Bast spürte auch, dass er im Grunde seines Herzens ein gutmütiger Mensch war und weder hierher noch in diese Uniform gehörte. Aber er nahm seine Pflicht ernst. Ihr Anblick verwirrte ihn nach wie vor, doch er unterdrückte seine Furcht und sagte: »Darf ich Sie nach Ihrem Namen und dem Grund Ihres Hierseins fragen, Ma'am?«
»Warum?«, erkundigte sich Bast.
»Es ist ein Verbrechen geschehen, Ma'am«, antwortete er ruhig, aber auch in sehr entschiedenem Tonfall. »Wir haben Anweisung, die Personalien eines jeden aufzunehmen, der sich im Moment hier aufhält. Es tut mir leid, wenn ich Ihnen damit Umstände bereite, aber Sie tragen damit vielleicht zur Aufklärung eines Verbrechens bei.«
»Was für ein Verbrechen?«, erkundigte sie sich. Sie sah erneut zu der Menge der Gaffer hin, konnte aber auch jetzt kaum etwas erkennen.
»Ein Mord, Ma'am«, antwortete der Konstabler. »Eine Straßendirne wurde ermordet.«
Das Wort war nicht abwertend gemeint gewesen, oder gar überheblich. Es war eine bloße Feststellung.
»Wenn ich Sie also um Ihre Legitimation bitten dürfte? Sie wissen doch hoffentlich, dass Sie als ausländischer Staatsbürger verpflichtet sind, Ihre Papiere ständig bei sich zu tragen?«
Bast hatte das nicht gewusst, aber es überraschte sie auch nicht sonderlich. Das Problem war eher, dass sie keine Papiere hatte, weder bei sich, noch in der Pension. Sie besaß keine.
»Und ... wenn ich sie nun leider Gottes nicht bei mir hätte?«, fragte sie mit dem unschuldigsten Augenaufschlag, den sie zustande brachte.
Und der leider nicht besonders viel nutzte. »In diesem Fall müsste ich Sie bitten, uns zur Wache zu begleiten, um Ihre Identität festzustellen, Ma'am«, antwortete der Polizist. »Natürlich handelt es sich nur um eine Formalität, aber ich habe meine Befehle.« Er klang aufrichtig bedauernd, aber zugleich auch nicht so, als würde er auch nur einen Zoll von seiner Position abweichen. Und damit hatte sie ein Problem. Anders als seinen Kollegen gestern konnte sie ihn nicht einfach zwingen, zu vergessen, dass er sie überhaupt gesehen hatte. Es waren einfach zu viele Zeugen da, die sie unmöglich alle unter ihren Einfluss bringen konnte.
Aber sie konnte etwas anderes tun.
Bast öffnete ihren Beutel und suchte nach irgendetwas, was sie ihm hinhalten und wovon er später Stein und Bein schwören würde, dass es sich um ein in einer ihm vollkommen fremden Sprache abgefasstes Ausweisdokument gehandelt hätte, und hinter ihr sagte eine Stimme: »Gibt es ein Problem, Konstabler?«
Der Bobby legte ärgerlich die Stirn in Falten, und Bast drehte sich mit einem Ruck herum und erstarrte.
»Kapitän Maistowe! Aber ... aber was ... tun Sie denn hier?«
Er konnte gar nicht hier sein! Das war unmöglich!
»Ihnen helfen, meine Liebe«, antwortete Maistowe lächelnd. »Und wie es aussieht, scheint das ja wohl auch vonnöten zu sein.« Sein Lächeln erlosch, als er sich wieder an den Streifenbeamten wandte. »Wo ist das Problem, Konstabler ...«
»Stowe«, antwortete der Bobby. »Und es gibt kein Problem, Sir. Ich tue lediglich meine Pflicht. Wenn Sie sich also einen Moment gedulden würden ... und vielleicht schon einmal Ihre Papiere bereithalten.«
Maistowe sah nicht unbedingt so aus, als wäre es sonderlich gut um seine Geduld bestellt, aber er widersprach nicht, sondern maß den Konstabler nur mit einem ebenso kühlen wie abschätzenden Blick, bevor er sich auf dem Absatz herumdrehte und mit schnellen Schritten auf die Menge der Schaulustigen zuging. Der Streifenbeamte sah ihm mit gerunzelter Stirn nach, während Bast sich immer noch wie vor den Kopf geschlagen fühlte. Wieso war Maistowe hier? Er konnte nicht hier sein! Es war vollkommen unmöglich! Sie hatte ihm befohlen, ins Bett zu gehen und das gesamte Gespräch zu vergessen!
»Ma'am«, sagte der Konstabler. »Haben Sie nun Ihre Papiere oder nicht?«
»Ich ... ähm ... sofort.« Bast kramte weiter in ihrem Beutel, zog das Erstbeste hervor, was ihr in die Finger fiel - es war das entwertete Billet vom Vormittag -, und reichte es ihm. Der Mann warf einen raschen Blick darauf und runzelte die Stirn noch tiefer.
»Das ist eine Eintrittskarte für das Britische Museum, Ma'am«, sagte er.
»Nein, das ist es nicht«, antwortete Bast. Was ... geschah hier?
»Ich fürchte, doch«, erwiderte er, plötzlich in hörbar kühlerem Ton. »Und ich fürchte, ich muss Sie jetzt wirklich ...«
»Was gibt es denn hier, Konstabler Stowe?«
Bast fuhr zum zweiten Mal binnen weniger Augenblicke erschrocken herum und blickte ins Gesicht eines vielleicht vierzigjährigen, schlanken Mannes in Anzug und Pelerine, der in Maistowes Begleitung zurückgekommen war. Er machte einen durchaus gutmütigen Eindruck, wirkte zugleich aber zumindest im Moment gereizt und ungeduldig.
»Inspektor.« Der Bobby berührte seinen Helm mit den Fingerspitzen. »Diese Lady hier ...«
»Ist mir bekannt«, unterbrach ihn der Neuankömmling. »Das geht in Ordnung. Sie können weitermachen, Konstabler. Gute Arbeit.«
Der Konstabler widersprach zwar nicht, aber er sah mit einem Male ziemlich unglücklich aus, und einen weiteren Moment lang blickte er noch unglücklicher auf die Eintrittskarte hinunter, von der Bast vergeblich versucht hatte, ihm weiszumachen, es wäre ihr Pass. Der Blick des Inspektors folgte der Bewegung, dann nahm er ihm das Billett aus der Hand und betrachtete es stirnrunzelnd.
»Gehört das Ihnen, Ma'am?«, fragte er.
Bast nahm ihm die Karte ab und ließ sie in ihrem Beutel verschwinden. »Ja.«
»Sie waren im Museum, gnädige Frau?«
Die Art, auf die er diese Frage stellte, gefiel Bast nicht. Sie versuchte zu ergründen, warum das so war, aber es gelang ihr nicht.
»Das Museum«, mischte sich Maistowe ein, »ist ein höchst interessanter Ort - vor allem für jemanden, der zum ersten Mal in London ist.« Er deutete mit übertriebener Gestik zuerst auf Bast, dann auf den Dunkelhaarigen. »Das ist Miss Bast, eine gute Freundin. Bast - Inspektor Abberline. Ich habe von ihr erzählt.«
»Es freut mich, Sie kennen zu lernen«, sagte Abberline.
»Ganz meinerseits«, erwiderte Bast. Sie hatte das Gefühl, allmählich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Was geschah mit ihr?
»Sie waren also im Museum, Miss Bast«, fuhr Abberline fort. »Nun, ich hoffe, es hat Ihnen gefallen. Darf ich fragen, wann Sie dort gewesen sind?«
»Heute Nachmittag«, antwortete Maistowe, rasch und noch bevor sie es tun konnte. Bast konnte gerade noch den Impuls unterdrücken, ihm einen überraschten Blick zuzuwerfen. »Der Genuss wurde nur ein wenig gestört, weil dort eine ziemliche Aufregung geherrscht hat. Sie wissen nicht zufällig, was dort vorgefallen ist?«
Abberline starrte sie weitere endlose Sekunden lang durchdringend an, aber dann lächelte er plötzlich. Zugleich sah er allerdings wieder sehr ungeduldig aus. »Nein, leider nicht«, antwortete er. »Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, Jacob. So gerne ich noch ein wenig mit Ihnen und Ihrer reizenden Begleitung reden würde, ist meine Zeit im Moment doch knapp, fürchte ich.«
»Ein weiterer Mord?«, vermutete Maistowe.
Abberline nickte, und Maistowe fügte in nun eindeutig besorgtem Ton hinzu: »War er es wieder?«
»Das kann ich noch nicht sagen«, antwortete Abberline. »Ihr wurde die Kehle durchgeschnitten und sonst nichts, was auf den ersten Blick dagegenspricht, aber ich kann noch nichts Genaues sagen. Vielleicht morgen, wenn ...«, ein Schatten huschte über sein Gesicht, »... die Post durch ist.«
»Schlimme Sache«, bestätigte Maistowe.
»Ja.« Abberline seufzte. »Und nun entschuldigen Sie mich bitte, Kapitän. Wenn es meine Zeit erlaubt, besuche ich Sie vielleicht morgen, um mit Ihnen zu reden: Sie wohnen wieder in der Pension Westminster, nehme ich an?«