»Wie üblich«, bestätigte Maistowe.
»Dann nehmen Sie noch einen guten Rat von mir an und gehen Sie dorthin zurück, zusammen mit Ihrer Begleitung«, sagte Abberline. »Das hier ist im Moment keine gute Gegend für eine Frau. Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Die Pflicht ruft. Miss Bast.«
Er drehte sich um und ging, und Maistowe blickte ihm kopfschüttelnd nach. »Nicht nur jetzt, fürchte ich«, murmelte er, allerdings mehr an sich selbst gewandt als an Bast.
Ein greller, von einem zischenden Laut begleiteter Blitz loderte hinter ihnen auf, und Bast fuhr auf dem Absatz herum, duckte sich und hob abwehrend die Hände vor die Brust. Aber nichts war geschehen. Abgesehen von einem sonderbar unangenehmen Geruch, der mit einem Mal in der Luft lag, hatte sich das Bild nicht verändert.
»Miss Bast, was haben Sie?«, fragte Maistowe. »Das war nur ein Blitzlicht! Der Photograph, sehen Sie?«
Basts Blick folgte seiner deutenden Geste. Gleich neben Abberline und den drei oder vier Constablern, die neben ihm standen und allesamt ein bisschen hilflos aussahen, stand ein kleinwüchsiger Mann mit Schnauzbart, der einen würfelförmigen Holzkasten auf einem metallenen Dreibein vor sich aufgebaut hatte. In seiner Vorderseite war eine gläserne Linse in einem Messingring angebracht, und in der rechten Hand hielt er einen Stab mit einem T-Stück aus Eisen an seinem oberen Ende, von dem beißender Rauch aufstieg.
»Photograph?«, wiederholte sie fragend.
»Eigentlich arbeiten sie für die Zeitung«, bestätigte Maistowe, »aber Abberline hat eine private Vereinbarung mit einigen von ihnen. Er lässt ihnen dann und wann ein paar Informationen zukommen, und sie machen dafür Photographien von Tatorten für ihn. Er ist ein ... sehr moderner Polizeibeamter. Er glaubt, dass ihm diese Bilder helfen, den Täter zu überführen.« Er lachte gutmütig. »Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, wie eine Photographie dabei helfen sollte, einen Mord aufzuklären, aber das ändert nichts daran, dass ich Abberline für einen sehr fähigen Polizisten halte. Wenn jemand diesen Kerl erwischen kann, dann er.«
»Wie meinen Sie das?«
Bevor Maistowe antwortete, ergriff er sie mit einer freundschaftlichen Bewegung an der Schulter und zog sie mit sich, während er weiterging. »Das ist eine hässliche Geschichte«, sagte er. »Jemand tötet Frauen, hier in Whitechapel. Nicht, dass das etwas Besonderes wäre ... ich muss leider sagen, dass ein Menschenleben in dieser Gegend nicht besonders viel wert ist. Aber dieser Irre ...«
»Er«, sagte Bast. Maistowe warf ihr einen fragenden Blick zu, und Bast sagte: »Sie haben Abberline gerade gefragt, ob er es war.«
»Er«, bestätigte Maistowe. »Er tötet nur Dirnen. Frauen, die ihren Körper für Geld feilbieten. Und er tötet sie nicht nur auf besonders grausame Weise, sondern brüstet sich mit seinen Morden. Er schreibt Briefe an die Zeitungen, und er schreibt auch Briefe an die Polizei, um sie zu verspotten. Abberline ist nicht besonders glücklich darüber. Aber er wird ihn kriegen. Abberline ist wirklich gut.«
Sie hatten sich ein gutes Dutzend Schritte entfernt und blieben jetzt wieder stehen. Bast sah zurück und hatte für einen winzigen Moment das Gefühl, ein bekanntes Gesicht zu sehen ... Aber als sie genauer hinsah, war dort nichts.
Dafür hatte sie erneut das Gefühl, die ganze Welt würde sich um sie drehen. Es verging so schnell wie beim ersten Mal.
Maistowe hatte von alledem nichts mitbekommen und plapperte fröhlich weiter. »In einem Punkt hat Abberline allerdings recht: Whitechapel ist kein guter Platz für eine Frau, und jetzt vielleicht noch weniger als sonst. Sie sollten nicht hier sein. Schon gar nicht allein und nachts.«
»Ich kann auf mich aufpassen«, versicherte Bast.
»Das weiß ich«, antwortete Maistowe hastig und mit einem fast verlegenen Lächeln. »Ich meine: Wer wüsste es besser als ich? Aber es ist möglicherweise selbst für Sie nicht ungefährlich. Die Kerle, die Sie gestern Nacht überfallen haben, sind immer noch hier. Und sie haben Freunde.«
Bast sah ihn einen Moment lang abschätzend an, aber dann musste sie fast gegen ihren Willen lächeln. »Sie meinen das ernst, nicht wahr?«
»Natürlich.« Die Frage schien Maistowe zu verwirren.
»Und warum?«
»Warum?«
»Warum tun Sie das?«, fragte sie. »Gestern Abend wären Sie fast getötet werden, und jetzt belügen Sie einen Mann, den Sie als Ihren Freund bezeichnen, um mich zu schützen. Warum tun Sie das?«
»Sie waren Passagier auf meinem Schiff«, antwortete Maistowe ernsthaft. »Und ich war es, der Sie in Mrs Walshs Pension geschickt hat.« Er hob die Schultern. »Ich fühle mich für Sie verantwortlich.«
»Und sonst interessiert Sie nichts an mir?«, fragte sie lächelnd.
Maistowe wirkte plötzlich noch verlegener und sah plötzlich überall hin, nur nicht in ihre Richtung.
»Sind Sie denn sicher, dass Sie der Richtigen helfen?«, fuhr sie spöttisch fort. »Sie wissen nichts über mich, Kapitän. Ich könnte eine der Bösen sein.«
»Sie?« Maistowe schüttelte heftig den Kopf »Niemals. Obwohl ... eine Frage hätte ich schon, wenn Sie gestatten.«
»Und welche?«
»Warum sind Sie aus dem Fenster gestiegen, statt die Tür zu benutzen?«
Das konnte er gar nicht wissen, dachte Bast. Das durfte er gar nicht wissen. Er hätte tief und fest schlafen müssen und sich an rein gar nichts erinnern dürfen! »In meiner Heimat haben die Häuser keine Türen«, antwortete sie. »Wir steigen immer aus den Fenstern. Hier ist das anders, ich weiß, aber Sie wissen ja, wie schwer man alte Angewohnheiten wieder loswird.«
Maistowe sah für einen Moment so hilflos aus, dass er ihr beinahe leidtat, und sie fügte kopfschüttelnd und mit einem Lachen hinzu: »Nein, das war natürlich ein Scherz. Die Wahrheit ist, dass ich Mrs Walsh und Sie nicht wecken wollte. Ich war nicht sicher, ob Sie schon schlafen, aber dafür umso sicherer, dass Sie sich Sorgen machen würden, wenn Sie hören, dass ich noch einmal weggehe.«
»Womit Sie vollkommen recht haben«, bestätigte Maistowe. »Warum nehmen Sie meine Hilfe nicht an, Bast? Ich weiß, dass ich Ihnen in vielerlei Hinsicht eher lästig als von Nutzen bin, aber glauben Sie mir, ich kenne mich hier einigermaßen aus, und ich kann Ihnen sicher helfen, Ihre Schwester zu finden.«
Bast resignierte. Er hatte ja recht. »Und was genau schlagen Sie vor?«, fragte sie.
»Es gibt jemanden, der vielleicht wissen könnte, wo sie sich aufhält. Und wie es der Zufall will, ist er mir noch einen Gefallen schuldig.«
»Wie es der Zufall will.«
»In der Tat.« Maistowe hob die Schultern und ging langsam weiter. »Ich bin allerdings nicht sicher, ob es nicht bereits zu spät ist. Selbst hier haben die meisten Lokale inzwischen geschlossen, und ...« Er unterbrach sich, wusste für einen kurzen Moment anscheinend nicht wohin mit seinem Blick und deutete dann zurück in die Richtung, aus der sie gerade erst gekommen waren. »Vielleicht wäre es besser, wenn Sie hier warten, während ich mit meinem ... ähm ... Kontaktmann rede«, sagte er zögernd. »Ich bin sicher, dass Inspektor Abberline sich Ihrer annehmen wird.«
Bast verzichtete darauf, überhaupt etwas dazu zu sagen; zum Beispiel, dass Abberline im Moment ganz gewiss Besseres zu tun hatte, als das Kindermädchen für sie zu spielen. Er würde sie zum Teufel jagen.
Statt auch nur irgendetwas zu sagen, ging sie einfach weiter. Maistowe setzte zu einem schwachen Protest an, seufzte aber dann nur resignierend und machte ein paar rasche Schritte, um wieder zu ihr aufzuschließen.
Angesichts der fortgeschrittenen Stunde brannte noch in erstaunlich vielen Häusern Licht; selbst aus dem Ten Bells am anderen Ende der Straße drangen noch gedämpfte Stimmen und Gelächter und das Klirren von Gläsern, obwohl die Sperrstunde längst vorüber war. Sie stellte Maistowe eine entsprechende Frage, auf die sie aber nur ein Kopfschütteln und einen fast mitleidigen Blick erntete.