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»Nicht alles, was man sich in Ihrer Heimat über London erzählt, entspricht auch den Tatsachen«, sagte er. »So wenig wie das, was man sich hier über Ihre Heimat erzählt.« Er hob die Schultern. »Das mit der Sperrstunde ist schon richtig, aber die Leute hier ... haben sich mit der Obrigkeit arrangiert.«

Bast verstand sehr wohl, was er meinte, aber sie war dennoch ein wenig erstaunt. Natürlich gab es Viertel wie diese auch in Kairo - oder nahezu jeder anderen Stadt auf der Welt. Aber sie hatte noch nie erlebt, dass es so offen geschah, und schamlos. Nicht nur unter den Augen der Obrigkeit, sondern ganz eindeutig mit deren Duldung. Die Briten waren schon ein sonderbares Volk.

»Sind Sie jetzt schockiert?«, fragte Maistowe. Anscheinend war es in diesem Moment nicht besonders schwer, in ihrem Gesicht zu lesen. Sie schüttelte - aus einem vollkommen anderen Grund, als Maistowe annehmen mochte - beinahe erschrocken den Kopf.

»Nicht schockiert. Nur ... überrascht. Ich dachte immer, das Empire wäre ganz besonders sittenstreng.«

»Das ist es auch«, antwortete Maistowe ernsthaft. »Und Viertel wie diese sind der Grund, aus dem das System funktioniert. Nicht alle Bürger des Empire sind Blaustrümpfe oder presbyterianische Priester, wenn Sie ... ähm ... verstehen, was ich meine.«

»Ich glaube schon«, antwortete Bast spöttisch. »Wenn ich mich ein wenig anstrenge.«

Maistowe sah sie einen halben Atemzug lang irritiert an und rettete sich dann in ein verlegenes Grinsen. »Nun ja«, fuhr er fort. »Manchmal entsteht eben ein gewisser ...«

»Druck?«, schlug Bast vor.

»... Druck, genau«, bestätigte Maistowe. »Und er braucht ein Ventil. Ohne diese Frauen hier ... gäbe es vielleicht Probleme. Es könnte zu ... schlimmen Dingen kommen.«

Bast sah demonstrativ über die Schulter zurück.

»Noch schlimmeren Dingen«, sagte Maistowe hastig. »Schließen Sie nicht von einem einzelnen Verrückten auf alle, Bast. Die meisten Männer, die hier verkehren, sind ganz normal.«

So wie du, dachte Bast spöttisch. Allerdings hütete sie sich, diese Antwort laut auszusprechen, oder auch nur irgendetwas zu sagen. Allmählich begann ihr Maistowes Geschnatter auf die Nerven zu gehen. Es wurde Zeit, dass sie ihn loswurde.

Sie war nur nicht ganz sicher, ob sie es noch konnte. Ihre Unfähigkeit, Konstabler Stowe zu beeinflussen, erschreckte sie noch immer, und sie hatte bisher nicht den Mut aufgebracht, darüber nachzudenken, warum das so gewesen war. Und sie hatte ihn auch jetzt nicht. Es gab tausend mögliche Gründe, und nicht einer davon war so schlimm wie der eine, vor dem sie sich fürchtete.

Maistowe stockte plötzlich. Er blieb nicht stehen, aber er wurde spürbar langsamer, und sein Blick irrte nach rechts und eine steile hölzerne Treppe hinauf, die zu einer von zwei trübe glimmenden roten Gaslaternen flankierten und von einem Koloss von Mann bewachten Tür emporführte.

»Kapitän?«

Maistowe räusperte sich unbehaglich. »Ich ... bin nicht ganz sicher«, antwortete er unbeholfen. »Aber der Beschreibung nach ... könnte dies das Haus sein.«

Bast zog fragend die linke Augenbraue hoch.

»Der Mann, mit dem ich gesprochen habe«, sagte Maistowe. »Er ... meint, dass ich hier vielleicht etwas über Ihre Freundin erfahren könnte.«

»So?«, fragte Bast. Sie lauschte konzentriert. Ihre besonderen Sinne ließen sie nach wie vor im Stich, was sie allmählich wirklich zu ängstigen begann, aber ihr Gehör und Geruchssinn waren trotzdem weitaus schärfer als die Maistowes. Hinter dieser Tür gab es niemals eine Sperrstunde, und im Moment geschah dort ganz genau das, womit Maude und ihre Mädchen ihr täglich Brot verdienten. Der Gedanke erregte sie aber auf eine Art, die sie nicht wollte. Nicht jetzt, und schon gar nicht, solange Maistowe dabei war. Aus einem vollkommen absurden Grund heraus, den sie selbst nicht benennen konnte, wäre es ihr peinlich gewesen.

»Jedenfalls hat man es mir so gesagt«, versicherte Maistowe hastig. Er war ein wirklich erbärmlicher Lügner. »Die Beschreibung stimmt.«

»Nun, dann sollten wir vielleicht dort nachfragen«, schlug Bast vor. »Oder?«

»Sicher«, sagte Maistowe rasch. »Es ist nur so, dass ...« Er fuhr sich nervös mit dem Handrücken über das Kinn. »Das dort oben ist wirklich nicht der passende Ort für eine Dame, und ...«

»... es wäre Ihnen lieber, wenn ich hier warten und Sie allein dort hinaufgehen ließe«, unterbrach ihn Bast. »Hier unten, ganz allein und mitten in der Nacht und in einem Viertel, in dem ein wahnsinniger Mörder herumschleicht, der Frauen abschlachtet.«

Sie seufzte übertrieben. »Was würde Mrs Walsh wohl zu diesem Vorschlag sagen?«

»So war das gewiss nicht gemeint ...«

»Kapitän Maistowe, machen Sie es nicht für uns beide schwerer, als es ist«, unterbrach ihn Bast, zwar weiterhin in gutmütig-spöttischem Ton, aber auch ganz bewusst eine Spur schärfer. »Gehen wir hinauf und reden mit Maude.«

»Maude?«, wiederholte Maistowe verdutzt.

»Ich war schon einmal hier«, antwortete Bast lächelnd. »Aber sie war nicht besonders kooperativ, um es vorsichtig auszudrücken. Wer weiß - vielleicht sagt sie Ihnen ja mehr als mir.«

Maistowe starrte sie an. Bast konnte für einen Moment nicht sagen, ob er ertappt oder sogar wütend aussah. Aber das war ihr auch gleich. Sie hatte schon zu viel Zeit verloren, und eine Menge davon aus keinem anderen Grund als dem, dass er hier war.

Was er ganz und gar nicht gedurft hätte.

»Hören Sie mit dem Unsinn auf, Kapitän«, sagte sie sanft. »Es ist mir vollkommen gleich, ob Sie hier verkehren oder mit wem und wie oft. Und ich werde auch Mrs Walsh gegenüber ganz bestimmt nichts sagen, wenn das Ihre Sorge sein sollte.« Sie machte eine ärgerliche Geste die Treppe hinauf. »Wenn Sie wirklich glauben, dass Maude Ihnen mehr verrät als mir, dann lassen Sie uns dort hinaufgehen. Und wenn nicht, dann kehren Sie um und gehen in die Pension zurück und lassen mich allein weitermachen.«

Maistowe starrte sie nicht nur aus weit aufgerissenen Augen an und wirkte wie das personifizierte schlechte Gewissen, er sah zugleich auch so verletzt aus, dass Bast ihre eigenen Worte schon wieder bedauerte, aber sie schluckte alles herunter, was ihr auf der Zunge lag, und sah Maistowe nur kühl an, und schließlich fuhr er sich abermals mit dem Handrücken über das Kinn und nickte abgehackt.

»Wie Sie wünschen.« Maistowe drehte sich mit einem Ruck herum und steuerte die Treppe an. Bast folgte ihm nach kurzem Zögern, beschleunigte ihre Schritte aber dann und versuchte ihn auf halber Höhe der Treppe einzuholen, und ganz zweifellos wäre es ihr auch gelungen ...

... hätte nicht jemand plötzlich das Licht ausgeschaltet.

Es dauerte kaum eine Sekunde, und es kam ihr tatsächlich ganz genau so vor: Von einem Lidzucken auf das nächste wurde ihr schwarz vor Augen, und ihre Beine waren mit einem Mal nicht mehr imstande, das Gewicht ihres Körpers zu tragen. Sie stolperte, streckte instinktiv die Hand nach dem Geländer aus und griff daneben. Ihr Fuß verfehlte die nächste Stufe, und sie schlug so schmerzhaft mit dem Knie auf die Kante, dass ein Gewitter grellroter Blitze die Schwärze vor ihren Augen zerriss.

Als sie verblassten, war auch der Schwächeanfall vorüber. Sie fiel, fing ihren Sturz aber im letzten Moment mit ausgestreckten Händen ab und verwandelte ihn eher in ein ungeschicktes Stolpern.

Trotzdem fuhr Maistowe über ihr herum und hetzte so hastig zu ihr zurück, dass er nun seinerseits um ein Haar das Gleichgewicht verloren hätte und sich im buchstäblich allerletzten Moment an dem wackeligen Geländer festhielt, um nicht kopfüber die Treppe herunterzustürzen.

»Miss Bast, um Himmels willen!«, stieß er dennoch hervor. »Was haben Sie?«

»Nichts!« Bast fegte seine hilfreich ausgestreckte Hand mit einer zornigen Bewegung beiseite und stemmte sich aus eigener Kraft hoch. Ihr linkes Knie pochte. Alles drehte sich um sie.