Dann schnappte die Wirklichkeit mit einem fast hörbaren Ruck an ihren angestammten Platz zurück, und sie bedauerte ihre eigene Reaktion zutiefst.
»Sie hatten recht, Kapitän«, sagte sie mit einem verunglückten Lächeln, während sie sich umständlich aufrappelte und mit einer linkischen Geste ihren Mantel glatt strich. »Das ist wirklich kein Ort für eine Frau. Vor allem nicht für eine, die nicht weiß, wohin sie ihre Füße setzen soll.«
Die Worte waren ebenso unbeholfen, wie sie sich hilflos und erschrocken fühlte, und Maistowe sah sie auch nur weiter verstört an. »Ist ... wirklich alles in Ordnung?«
»Wirklich«, versicherte sie. Was für ein Unsinn! Nichts war in Ordnung. Sie zuckte mit den Schultern. »Vielleicht war doch alles ein wenig viel für mich. Aber es ist alles in Ordnung, wirklich.«
»Soll ich Sie zurück in die Pension bringen?«, fragte Maistowe. »Ich kann sicher einen Wagen finden.«
»Das ist eine gute Idee«, antwortete Bast. Sie deutete die Treppe hinauf. »Sobald wir hier fertig sind.«
Maistowe starrte sie mit offenem Mund an, und Bast ging mit schnellen Schritten an ihm vorbei und steuerte das obere Ende der Treppe an. Ihr Knie pochte noch immer so heftig, dass sie fast all ihre Kraft brauchte, um nicht zu humpeln, und der Schmerz trieb ihr die Tränen in die Augen. Nichts davon hätte passieren dürfen, nicht ihr, aber sie wusste zugleich auch nur zu gut, was all diese Symptome bedeuteten. Ihre Zeit lief ab. Sehr viel schneller, als sie befürchtet hatte.
Ein massiger Schatten trat ihr entgegen, als sie den Absatz am oberen Ende der Treppe erreichte, und stockte dann, und sie konnte seine Überraschung spüren, noch bevor sie den dazugehörigen Ausdruck auf seinem Gesicht sah.
»Hallo, Ben«, sagte sie. »Schön, Sie wiederzusehen. Wie geht es Ihnen?«
Der stoppelhaarige Riese starrte sie nur überrascht an, und Bast ging einfach an ihm vorbei und streckte die Hand nach der Türklinke aus, hielt aber dann mitten in der Bewegung inne und drehte sich herum, um auf Maistowe zu warten. Etwas regte sich in ihr; ein düsteres Wühlen und Verlangen, das sie immer schwerer unterdrücken konnte.
Maistowe hatte seine Verwirrung endlich überwunden und schloss nun mit schon fast übertrieben hastigen Schritten zu ihr auf. Der Türsteher maß auch ihn nur mit einem hilflosen Blick und rührte sich vorsichtshalber gar nicht, und Bast machte einen demonstrativen Schritt zurück und wies auf die Tür. Maistowe sah irgendwie unglücklich aus, griff aber gehorsam nach der Klinke und trat vor ihr ein.
Flackerndes rotes Licht und ein wahres Crescendo der unterschiedlichsten Gerüche und Sinneseindrücke schlugen ihr entgegen, und erneut wurde ihr schwindelig. Alles drehte sich um sie, und sie konnte spüren, wie der Boden unter ihren Füßen schwankte. Ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, streckte sie die Hand aus und ergriff Maistowes Unterarm, um sich daran festzuhalten. Sie registrierte auch seinen überraschten Blick, aber sie war nicht imstande, irgendetwas zu erwidern. Es war alles zu viel. Hunger. Sie war so unvorstellbar hungrig.
Wie durch einen blutgetränkten Nebel hindurch registrierte sie, dass die fette Frau so unverändert hinter ihrem zerschrammten Sekretär saß, als hätte sie sich seit der vergangenen Nacht keinen Zoll von der Stelle gerührt, und auch der Raum selbst hatte sich nicht verändert - mit einer Ausnahme: Auf der zerschlissenen Couch links der Tür saßen auch jetzt wieder drei Frauen - aufdringlich geschminkt, mit gefärbtem Haar und in billigem Mieder, aber sie hatten andere Gesichter. Und in der Luft lag derselbe, aufdringliche Geruch wie gestern, nach Lust und Alkohol und ungezügelten Sinnesfreuden und anderen, schlimmeren Dingen, und etwas in ihr ... explodierte.
»Was, zum Teufel ...?«, begann Maude, brach mitten im Satz ab und blinzelte, eindeutig überrascht. »Kapitän Maistowe?«
Bast sah kaum hin, aber Maistowes zunehmende Nervosität konnte ihr gar nicht entgehen. Dass er nicht vor Verlegenheit von einem Fuß auf den anderen trat, war auch schon alles. Er kam allerdings auch nicht dazu, auf Maudes Begrüßung zu antworten, denn in diesem Moment fiel der Blick der alten Vettel auf Bast, und ihr Gesicht verdüsterte sich schlagartig.
»Du schon wieder!«, zischte sie. »Ich dachte, ich hätte dir gesagt, dass du hier unerwünscht bist, Schätzchen.« Ihre Augen wurden schmal, während sie ihre tonnenförmige Figur schnaubend in die Höhe stemmte. Der kleine Sekretär ächzte unter ihrem Gewicht, als sie sich darauf abstützte. »Ben, du hirnloses Stück Scheiße! Ich habe dir gesagt, dass dieses Weibsstück hier nicht mehr reinkommt!«
»Nur die Ruhe, Maude!«, mischte sich Maistowe ein. Er klang beinahe noch nervöser, machte aber zugleich auch einen raschen Schritt zur Seite, um auf diese Weise den Blickkontakt zwischen ihnen zu unterbrechen und sich gleichzeitig schützend vor sie zu stellen. Bast fand das ziemlich mutig. Maude reichte ihm zwar kaum bis zur Brust, aber sie sah auch ganz so aus, als könne sie ihn einfach niederwalzen, wenn sie wollte. »Wir sind nur hier, um ...«
»Nur einen Moment, Jacob!«, fertigte ihn Maude ab. »Ich komme gleich zu Ihnen, sobald ich mit der Süßen hier fertig bin! Suchen Sie sich schon mal eines der Mädchen aus!« Sie versuchte vergeblich, sich an Maistowe vorbeizuschieben, und funkelte Bast dabei aus kampflustig zusammengekniffenen Augen an.
Bast war nicht in der Stimmung, auch nur darüber zu sprechen, aber sie merkte es sich für später, und sei es nur, um Maistowe damit aufzuziehen: Er bekam tatsächlich rote Ohren und bemühte sich plötzlich so krampfhaft, nicht in ihre Richtung zu sehen, dass es schon fast lächerlich war.
»Hier ... ähm ... liegt offensichtlich ein Missverständnis vor«, stammelte er. »Wir sind ... aus einem anderen Grund hier.«
»Ach?«, schnappte Maude. »Und aus welchem?« Sie blinzelte. »Wir?«
»Wir gehören zusammen«, bestätigte Maistowe. »Miss Bast ist eine gute Freundin von mir.«
»So? Dann verstehe ich nicht genau, was Sie hier wollen, Kapitän.« Maude stemmte kampflustig die Fäuste in die voluminösen Fettwülste, die die Stellen ihrer Hüften eingenommen hatten. »Wenn Sie eines der Mädchen wollen, gut. Aber der da habe ich gestern schon gesagt, dass wir hier kein Auskunftsbüro sind. Und wenn Sie und Ihre Freundin was anderes im Sinn haben, sind Sie hier falsch! Solche Schweinereien laufen hier nicht.«
Bast konnte sich keine Schweinerei vorstellen, die hier nicht lief, vorausgesetzt, der Preis stimmte, und sie setzte gerade zu einer entsprechend scharfen Antwort an, doch Maistowe kam ihr zuvor.
»Bitte, Maude!«, sagte er und hob besänftigend die Hände. Gleichzeitig warf er Bast einen raschen und beinahe beschwörenden Blick zu. »Das alles ist wirklich nur ein Missverständnis! Wir sind nur hier, weil ich gehofft hatte, Sie könnten uns behilflich sein. Selbstverständlich würden wir Sie für Ihren Aufwand und die Umstände entschädigen.«
Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss, als Ben - wenn auch mit gehöriger Verspätung - auf die keifende Stimme seiner Herrin reagierte und hereinkam. Bast blieb ungerührt, aber Maistowe wurde schlagartig noch nervöser, setzte dazu an, etwas zu Maude zu sagen, und wandte sich dann stattdessen an Bast.
»Wenn Sie vielleicht ... ich meine ... vielleicht würde es helfen, wenn ich einen Moment allein ...«
»Ich verstehe«, sagte Bast. Sie drehte sich nun doch zu Ben herum, schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln und begann dann scheinbar ziellos durch den großen, nur schummrig erleuchteten Raum zu schlendern. Maudes Blick folgte ihr unter misstrauisch zusammengekniffenen Augenlidern, aber wenigstens hatte sie aufgehört zu keifen, und sie machte auch keine Anstalten, ihren Schläger auf sie loszulassen. Bast war sehr erleichtert darüber; aber ein kleiner Teil von ihr bedauerte es auch.
Maistowe lenkte Maudes Aufmerksamkeit mit einer entsprechenden Geste wieder auf sich und begann mit gedämpfter Stimme auf sie einzureden, während Ben wie ein lebender Berg vor der Tür stehen geblieben war und sie mit vor der Brust verschränkten Armen blockierte. Trotz der beißenden Kälte draußen trug er nur eine zerschlissene Jacke und darunter ein schmuddeliges Unterhemd, das aus mehr Löchern als Stoff bestand, sodass sie seine gewaltigen Muskelpakete sehen konnte; eine ganz bewusste, wortlose Drohung, die ihre Wirkung auf sie nicht verfehlte - wenn auch in völlig anderer Hinsicht, als sich Ben auch nur träumen lassen mochte. Er musterte sie ausdruckslos, aber nicht unfreundlich, und Bast erwiderte seinen Blick nicht nur gelassen, sondern taxierte ihn auch ganz unverhohlen. Er war so groß wie sie und tatsächlich noch kräftiger gebaut, als ihr gestern aufgefallen war - vielleicht, weil sie ihn gestern nicht auf diese Weise angesehen hatte -, und obwohl sein Gesicht schmutzig war und einen brutalen Zug hatte, war doch zugleich etwas darin, was sie anzog. Er war ... stark.