Bast riss ihren Blick von der hünenhaften Gestalt los und schlenderte weiter durch den Raum, wobei sie es sorgsam vermied, in Maistowes oder Maudes Richtung zu sehen; ihr entging trotzdem nicht, dass Maistowe inzwischen seine Brieftasche hervorgeholt hatte, in der sich ein erstaunlich dickes Bündel Geldscheine befand. Sie mied auch den Blickkontakt mit den drei Frauen, die auf der Couch neben der Tür saßen und sie ganz unverblümt neugierig - und auch ein bisschen feindselig - anstarrten und auf Kunden warteten, die in dieser Nacht wohl nicht mehr kommen würden.
Sehr viel mehr gab es allerdings auch nicht zu sehen. Der falsche Samt an den Wänden war noch immer so schäbig und zerschlissen wie gestern, und die billigen Ölgemälde kein bisschen weniger eindeutig und geschmacklos.
Dennoch hatte sich etwas verändert: Gestern hatten die Bilder sie nicht interessiert, und sie hatte sie bestenfalls hässlich gefunden. Heute stießen sie sie ab, und das beunruhigte sie, denn es bedeutete, dass sie sie berührten. Das hätten sie nicht gedurft. Ihre Abwehr begann zusammenzubrechen, und damit auch die Gewalt über das Ungeheuer, das sie so tief in sich eingesperrt hatte.
Sie wandte sich mit einem Ruck ab, runzelte die Stirn und drehte sich dann noch einmal herum, um eines der Bilder genauer zu betrachten.
Es war so dilettantisch und schlecht gemalt wie alle anderen und zeigte gleich drei unbekleidete Männer und Frauen bei einem ziemlich akrobatisch aussehenden Liebesspiel, das Bast schon aufgrund der dargestellten physiologischen Unmöglichkeiten nicht wirklich interessierte ... aber da war etwas anderes gewesen, das ihren Blick eingefangen hatte.
Es war das Gesicht einer der jungen Frauen. Die Ähnlichkeit war allerhöchstens oberflächlich, aber sie war da, und ...
»Wo ist das Mädchen?«, fragte Bast, während sie mit einem neuerlichen Ruck zu Maude und Maistowe herumfuhr. Maistowe hatte gerade dazu angesetzt, der alten Vettel einen nicht unerheblichen Teil seiner Barschaft auszuhändigen und sah schon wieder wie ein ertappter Sünder aus, und Maudes Augen wurden noch schmaler.
»Welches Mädchen?«, fragte sie. Dann ließ ihr Blick Basts Gesicht los und fiel auf das Bild hinter ihr, und ihre Miene hellte sich auf. »Oh, du hast das Bild gesehen. Ein richtiges Kunstwerk, nicht? Ich lasse sie extra nach meinen Mädels malen. Kosten mich eine Stange Geld, aber meinen Kunden ...«
»Die Kleine«, unterbrach sie Bast. »Wo ist sie?« Aus den Augenwinkeln registrierte sie, wie Ben die Arme herunternahm und plötzlich ein bisschen angespannt wirkte, während Maistowe sie einfach nur verständnislos anblinzelte.
»Wenn du Cindy meinst, die ist beschäftigt«, antwortete Maude herablassend. »Musst dich ein bisschen gedulden.«
»Beschäftigt? Wo?«
»Ich glaube nicht, dass dich das ...«, begann Maude, aber Bast hörte schon gar nicht mehr hin. Maudes Blick hatte sie verraten, und Bast fuhr auf dem Absatz herum und stürmte in Richtung der Tür, die sie ganz instinktiv angesehen hatte.
»He!«, keuchte Maude. »Was soll das? Bist du verrückt?«
Bast ignorierte sie, riss die Tür auf und eilte hindurch. Dahinter lag ein schmaler, nur von einer einzelnen rußenden Öllampe erhellter Gang, von dessen Wänden der Putz in großen Flecken abblätterte. Ein durchdringender Gestank nach Erbrochenem und noch anderen, sehr viel unangenehmeren Dingen lag in der Luft, und auch noch etwas, das sie im ersten Moment nicht richtig benennen konnte, aber über die Maßen alarmierte.
»He!«, brüllte Maude hinter ihr. »Komm sofort zurück! Ben! Wirf sie raus!«
Bast riss wahllos die erste Tür auf, an der sie vorbeikam. Der Raum dahinter war leer und dunkel und stank noch erbärmlicher als der Gang, und plötzlich hörte sie hinter sich schwere, stampfende Schritte, als Ben Maudes Befehl gehorchte und die Verfolgung aufnahm. Bevor er auch nur den Gang erreicht hatte, war sie bei der nächsten Tür, riss sie auf und stürmte, ohne zu zögern, hindurch. Hinter ihr begann Maistowe ihren Namen zu rufen, und nun konnte sie auch Maudes langsamere, aber ungleich schwerere Schritte hören. Nichts davon war wichtig. Etwas in ihr ... kreischte vor Zorn, und als sie mit einem gewaltigen Satz durch die Tür stürmte, gesellte sich noch ein zweiter, tausendmal gierigerer Schrei hinzu.
Dieses Zimmer war nicht leer. Ein halbes Dutzend Kerzen sorgten für flackernde gelbe Beleuchtung, und die gesamte Einrichtung bestand aus einem roh aus Brettern zusammengezimmerten Bett, auf dessen schmutzstarrendem Laken ein vielleicht fünfzigjähriger Mann, eine kaum halb so alte dunkelhaarige Frau und ein Knabe von allerhöchstens zwölf Jahren lagen. Alle drei waren nackt. Der Junge regte sich nicht und sah aus, als wäre er bewusstlos - wenn nicht tot -, obwohl die rechte Hand des Grauhaarigen seinen schlaffen Penis mit solcher Kraft umschloss, dass es ihm entsetzliche Schmerzen bereiten musste. Seine Linke lag auf der Brust des Mädchens und knetete sie kaum weniger grob. So viel zu Maudes Behauptung, sie dulde keine Schweinereien in ihrem Haus.
Aber das war es nicht, wonach sie gesucht hatte. Der Grauhaarige hörte für einen Moment auf, an seinen beiden Bettgenossen herumzukneten, die zusammengenommen gerade einmal halb so alt waren wie er, drehte den Kopf und sah sie fragend und ein bisschen überrascht - und kein bisschen schuldbewusst - an, und Bast fuhr auf dem Absatz herum und stürmte wieder auf den Flur hinaus.
Und um ein Haar in Ben hinein, dem die zwei oder drei Sekunden ausgereicht hatten, um sie einzuholen. Jedwede Freundlichkeit war aus seinem Gesicht verschwunden, und er kam ihr plötzlich noch größer und furchteinflößender vor als ohnehin - und er war eindeutig schneller, als sie es bei einem so großen und schweren Mann für möglich gehalten hätte. Ohne viel Federlesens ergriff er sie am Oberarm und zerrte sie so grob herum, dass sie einen zischenden Schmerzlaut ausstieß.
»Das reicht jetzt, Miss«, sagte er. »Sie gehen besser, bevor ich Sie wirklich rauswerfen muss.«
Bast riss sich los und wich einen Schritt zurück; aber das gelang ihr nur, weil er es zuließ. »Ich suche nur das Mädchen«, sagte sie.
»Tut mir leid, aber das kann ich nicht zulassen«, antwortete Ben. Er sprach nicht einmal laut, und ein einziger Blick in seine Augen machte Bast auch klar, dass er ihr ganz gewiss weder wehtun wollte, noch Freude daran empfunden hätte, wie es vielen erging, die seinen Beruf ausübten. Aber sie sah auch genau so deutlich, dass er es ohne zu Zögern tun würde, wenn sie ihn dazu zwang.
Hinter ihr erscholl ein gedämpftes Klatschen, gefolgt von einem schluchzenden Wimmern, das von einem zweiten, deutlich härteren Schlag zum Verstummen gebracht wurde. Ben sah für einen winzigen Moment auf, abgelenkt, und Bast schätzte ihn als viel zu stark und gefährlich und sich selbst im Augenblick als in viel zu schlechter Verfassung ein, um sich diese Chance entgehen zu lassen. So schnell, dass er den Schlag vermutlich nicht einmal kommen sah, schmetterte sie ihm die Handkante gegen den Kehlkopf und fuhr aus der gleichen Bewegung heraus herum. Noch während der Riese würgend und nach Luft ringend in die Knie sank und beide Hände um den Hals schlug, erreichte sie die Tür, hinter der sie das Wimmern gehört hatte, und sprengte sie kurzerhand mit der Schulter auf. Sie flog mit solcher Wucht gegen die Wand, dass sie in Stücke brach.