Das Zimmer ähnelte dem, in dem sie gerade gewesen war, wie eine genaue Kopie: flackerndes Kerzenlicht und ein grob zusammengeschustertes Bett mit schmutzigen Laken, auf denen allerdings nur eine einzelne, angstvoll zusammengekauerte Gestalt lag. Das Mädchen von gestern Abend, nur dass sie das Haar jetzt offen trug und nackt war, sodass Bast erkennen konnte, dass sie gerade dabei war, vom Kind zur Frau zu werden. Sie hatte die Beine an den Leib gezogen und beide Knie mit den Händen umschlungen Obwohl ihr das Haar weit ins Gesicht fiel, konnte Bast sehen, dass ihre linke Wange gerötet war und das Auge zuzuschwellen begann.
Der Mann, der ihr das angetan hatte, stand unmittelbar neben ihr und hatte offensichtlich gerade zu einem weiteren Schlag ausgeholt, war aber jetzt mitten in der Bewegung erstarrt und glotzte aus ungläubig aufgerissenen Augen abwechselnd sie und die zerborstene Tür an. Bast schätzte ihn auf vielleicht vierzig Jahre, und obwohl er im Moment nichts weiter als knöchellange baumwollene Unterhosen trug, wirkte er trotzdem auf eine schwer zu greifende Weise ... elegant.
Und zumindest im Augenblick ziemlich aufgebracht. »He!«, fauchte er. »Was fällt dir ein?«
Jedenfalls nicht, auf seine Frage zu antworten. Bast stürmte an ihm vorbei zum Bett, und der Kerl beging den Fehler, nach ihr greifen zu wollen. Bast schmetterte ihm den Handrücken mit solcher Gewalt ins Gesicht, dass er gegen die Wand geschleudert wurde und das Bewusstsein verlor, noch bevor er zu Boden fiel.
»Keine Sorge, mein Kleines«, sagte sie, während sie sich über das Bett beugte und die Arme nach Cindy ausstreckte. Das Mädchen krümmte sich nur noch weiter zusammen und begann leise zu schluchzen, aber seine Willenskraft reichte offensichtlich nicht einmal mehr, um von ihr wegzukriechen. Bast ließ sich auf die Bettkante sinken und schloss es so behutsam in die Arme, als bestünde es aus hauchdünnem zerbrechlichem Glas. »Keine Angst, mein Kleines«, flüsterte sie. »Niemand tut dir mehr etwas. Jetzt nicht mehr, das verspreche ich dir.«
Cindy hörte nicht auf zu zittern, und ihr Schluchzen wurde sogar noch lauter; und dann noch einmal, als Maistowe hereingestürmt kam, dicht gefolgt von einer lebenden Lawine, die nur rein zufällig die Gestalt einer gerade einmal fünf Fuß großen, aber unglaublich fetten Frau angenommen hatte. Maistowe riss ungläubig die Augen auf und schien dann mitten im Schritt zur Salzsäule zu erstarren, während Maude die Situation mit einem einzigen Blick zu erfassen schien und hastig zu dem bewusstlosen Freier eilte, um neben ihm niederzuknien.
»Sie Wahnsinnige!«, keuchte sie. »Was haben Sie getan? Wissen Sie, wer das ist? Sie haben ihn umgebracht!«
Der Mann war nicht tot; wahrscheinlich nicht einmal schwer verletzt, und Bast machte sich nicht einmal die Mühe, zu ihm hinzusehen. Behutsam hob sie Cindys Kinn an und zwang sie, ihr ins Gesicht zu sehen, und was sie erblickte, schürte ihren Zorn nur noch mehr. Cindys Gesicht schwoll so rasch an, dass man beinahe dabei zusehen konnte. Ihr linkes Auge war fast vollkommen geschlossen, doch was Bast in ihrem Blick las, war ... nichts. Ihre Augen waren so leer wie gestern Abend. Aber plötzlich wurde ihr klar, warum das so war. Und jetzt erkannte sie auch den Geruch, der im Raum hing.
»Sie haben ihr Opium gegeben«, sagte sie leise.
»Seit wann ist das verboten?«, fauchte Maude. »Und was geht dich das überhaupt an? Ben! Ben, verdammt noch mal!«
Bast sah nun doch auf und glitt mit einer raschen Bewegung von der Bettkante und in die Höhe, als Ben tatsächlich unter der aus den Angeln gerissenen Tür erschien. Er war kurzatmig und wankte leicht, und die Atemnot hatte sein Gesicht puterrot anlaufen lassen, aber er war ganz eindeutig zäher, als sie erwartet hatte - und was ihm im Augenblick vielleicht an Kraft fehlte, das machte er durch Wut mehr als wett. In seinen Augen loderte die blanke Mordlust.
Bast trat ihm scheinbar ruhig entgegen, sah, wie sich seine Schultermuskeln spannten, duckte sich mühelos unter dem gewaltigen Schwinger weg, den er in ihre Richtung abschoss, und der scheinbar so plumpe Riese überraschte sie ein weiteres Mal, indem er ihr die andere Faust mit solcher Wucht in den Leib rammte, dass ihr die Luft aus den Lungen getrieben wurde und sie ein Stück weit zurücktaumelte.
Bast trat ihm mit aller Gewalt vors Knie und spürte, wie irgendetwas darin nachgab. Ben grunzte vor Schmerz, aber nicht einmal dieser Tritt vermochte einen Koloss wie ihn zu stoppen. Er stürmte einfach weiter, trieb sie mit seiner bloßen Masse vor sich her und rammte sie mit solcher Gewalt gegen die Wand, dass ihr schwarz vor Augen wurde. Dennoch rammte sie ihm die versteiften Finger der rechten Hand in die Rippen; dicht unterhalb des Herzens und mit solcher Gewalt, dass sie spüren konnte, wie ihm abermals die Luft wegblieb und fast alle Kraft aus seinem Körper wich.
Leider nur fast. Und bei einem Koloss wie ihm reichte selbst der verbliebene Rest aus, um sie nicht nur weiter gegen die Wand zu pressen, sondern auch beide Hände um ihren Hals zu legen und erbarmungslos zuzudrücken. Wahrscheinlich sogar, um ihr das Genick zu brechen.
Jetzt hatte sie keine andere Wahl mehr.
Sie schloss die Augen, entspannte sich, soweit es in ihrer unglückseligen Lage überhaupt möglich war, und griff nach der unsichtbaren Flamme, die in seinem Inneren brannte.
Es war schwer, ungeheuer schwer, nicht sofort alles zu nehmen. Ihre Gier erwachte zur lodernden Wut einer explodierenden Sonne. Alles in ihr schrie danach, das Leben mit einem einzigen, brutalen Ruck aus ihm herauszureißen und nichts als eine leere, sterbende Hülle zurückzulassen. Aber das durfte sie nicht. Nicht bei ihm und nicht, so lange Maistowe und Maude und das Mädchen dabei waren, denn das hätte bedeutet, dass sie auch sie töten musste.
Irgendwie gelang es ihr, das Ungeheuer noch einmal zu bändigen, auch wenn es sie so unvorstellbare Überwindung kostete, dass sie fast zu körperlicher Qual wurde. Die Bestie in ihr heulte vor Wut und Enttäuschung noch lauter auf, aber statt sein Leben einfach im Bruchteil eines Augenblickes aus ihm herauszureißen, nahm sie nur gerade so viel, um ihn weiter zu schwächen. Sein Würgegriff lockerte sich, nicht weit genug, um sie wieder atmen zu lassen, aber genug, um ihr Spielraum für einen harten Kopfstoß gegen sein Gesicht zu gewähren. Ein helles, deutlich hörbares Knacken erscholl, als sein Nasenbein brach. Bens Blick verschleierte sich vor Schmerz, und er stöhnte leise, während hellrotes Blut aus seiner Nase schoss und sein Gesicht besudelte. Er ließ immer noch nicht los, und der Blutgeruch war beinahe mehr, als sie ertragen konnte.
Mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung sprengte sie seinen Griff, stieß ihm die flachen Hände vor die Brust und trat ihm wuchtig unter das Kinn; hart genug, um ihn quer durch den Raum an die gegenüber liegende Wand zu schleudern, wo er bewusstlos zusammenbrach, aber nicht hart genug, um ihn zu töten. Ben schlug mit einem Geräusch auf den Boden auf wie ein mit Mehl gefüllter Sack, den man vom Fockmast eines Schiffes auf das Deck herunterfallen lässt, und Bast taumelte zur Seite und musste dann einen weiteren, hastigen Schritt machen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und ebenfalls zu stürzen. Für einen Moment rauschte das Blut so laut in ihren Ohren, dass es jedes andere Geräusch übertönte, und alles, was sie sah, waren rote Nebel und tanzende Schatten, die vergeblich versuchten, sich zu Formen zusammenzufügen.
Der Schwächeanfall verging so rasch wie der, der sie draußen auf der Treppe getroffen hatte, aber diesmal blieb etwas wie ein schlechter Geschmack auf ihrer Seele zurück. Sie machte einen weiteren Schritt und taumelte noch einmal, und diesmal so sehr, dass Maistowe hastig die Hand ausstreckte, um sie zu stützen. Maude und er mochten annehmen, dass sie vor Schwäche wankte, und das war auch gut so, aber der Schwächeanfall war längst vorüber. Was sie taumeln ließ war das Gefühl, innerlich in Stücke gerissen zu werden. Das Wenige, was sie von Ben genommen hatte, war längst nicht genug gewesen, um ihren Hunger zu stillen, sondern schien ihn fast im Gegenteil eher noch angestachelt zu haben. Sie hütete sich, Maistowes Angebot anzunehmen und sich auf ihn zu stützen. Sie wusste nicht, was passieren würde, wenn sie ihn berührte.