»Er war ja schon weg«, antwortete Faye.
»Ja, weil er so große Angst vor dir hatte, nicht wahr?«, versetzte Kate böse. Sie schüttelte den Kopf. »So was Dämliches! Wenn er nicht weggelaufen wäre, dann wärst du jetzt auch tot. Warum schneidest du dir nicht gleich selbst die Kehle durch? Das geht schneller als das, was der Kerl mit dir machen würde!«
»Lass sie in Ruhe«, mischte sich Marie-Jeanette ein. »Sie zittert ja jetzt noch vor Angst. Ich finde, was sie getan hat, war sehr mutig.« Direkt an Faye gewandt und mit einem leisen Lächeln fügte sie hinzu: »Ist schon gut, Kleines. Mach dir keine Vorwürfe. Du hättest nichts tun können. Und Liz hat bestimmt nichts gemerkt. So was geht ganz schnell.«
Bast hätte ihr sagen können, dass das nicht stimmte. An einer durchschnittenen Kehle zu sterben war ein leiser Tod, aber gewiss kein schneller. Wenn Liz Glück gehabt hatte, dann hatte der Schock sie das Bewusstsein verlieren lassen, aber sehr viel wahrscheinlicher war sie an ihrem eigenen Blut erstickt, qualvoll und über zwei oder drei Minuten hinweg, eine Ewigkeit, in der sie ihren Schmerz nicht einmal hatte hinausschreien können.
Trotzdem sagte sie: »Das stimmt. Wahrscheinlich hat sie gar nichts gespürt.«
»Na, du musst es ja wissen!«, schnaubte Kate und tauschte schon wieder einen jener eigenartigen Blicke mit Marie-Jeanette und der Fremden neben sich. »Ich finde, du stellst eine Menge Fragen für jemanden, der in dieser Gegend angeblich niemanden kennt und hier auch nicht herpasst!«
Bast ignorierte die kaum noch verhohlene Feindseligkeit in Kates Blick und wandte sich wieder direkt an Faye. »Hast du der Polizei erzählt, was du gesehen hast?«
»Es war doch nur ein Schatten.«
»Der Polizei?« Kate lachte hässlich. »Schätzchen, du hast wirklich keine Ahnung, wie das hier läuft, wie? Als ob die uns beschützen würden: Sie hätten Faye mitgenommen und erst mal ins Loch geworfen, und vielleicht würden sie sie nach einer Woche wieder gehen lassen - nachdem sie alle ihren Spaß mit ihr gehabt haben, heißt das.«
Bast spürte, wie bitterernst diese Worte gemeint waren, aber es fiel ihr trotzdem schwer, sie zu glauben. Ganz egal, was Maistowe auch von Abberlines Fähigkeiten als Polizist zu halten schien, er war ein grundehrlicher Mann, der seinem Beruf aus Überzeugung nachging. Sie schüttelte den Kopf und setzte zu einer entsprechenden Entgegnung an, doch Kate kam ihr abermals zuvor.
»Du hast wirklich nicht die geringste Ahnung, aber du stellst eine Menge Fragen, finde ich. Suchst du eigentlich immer noch nach Patsy, deiner Freundin? Ich meine: Sie ist doch deine Freundin, oder?«
Bast nickte. »Sicher. Warum fragst du?«
»Ich wundere mich nur ein bisschen«, antwortete Kate. »Weil, wenn sie wirklich deine Freundin ist, dann ist es schon irgendwie komisch, dass du sie nicht mal erkennst - wo sie doch die ganze Zeit neben mir sitzt.«
Bast starrte sie einen halben Atemzug lang einfach nur verwirrt an, dann wandte sie mit einem Ruck den Kopf und blickte in ein Gesicht, das ihr vertraut war wie ihr eigenes Spiegelbild.
»Hallo Bastet«, sagte Isis.
Bast hörte die Worte kaum. Sie konnte Isis nur anstarren, dieses so unendlich vertraute, nachtschwarze Gesicht unter einer ungebändigten dunkelroten Haarpracht, das einfach nicht zu übersehen war, und das sich selbst jetzt ihrem Erkennen nur deshalb nicht entzog, weil Isis es zuließ.
»Schön, dich nach so langer Zeit wiederzusehen«, fuhr Isis fort. »Und ich dachte schon, du willst mich nicht erkennen.« Sie legte den Kopf schräg. Das Lächeln blieb auf ihrem Gesicht, aber in ihren Augen erschien ein nachdenklicher, fast schon lauernder Ausdruck. »Bastet ist doch richtig, oder? Oder sollte ich Sachmet sagen?«
Wieder spürte Rast das Herannahen einer Woge saugender Schwäche, aber sie war plötzlich nicht einmal mehr sicher, ob diese Mattigkeit tatsächlich aus ihr selbst kam, oder ob da etwas - jemand - war, der ihr die Kraft stahl.
Dieser Verdacht beleidigt mich, Schwester, erklang Isis' Stimme hinter ihrer Stirn. So etwas würde ich niemals tun, du solltest das eigentlich wissen.
»Hör ... auf damit«, murmelte Bast stockend. »Du weißt, dass ich das nicht mag.«
»Womit?« Kate runzelte die Stirn, und auch Marie-Jeanette blickte fragend von ihr zu Isis und wieder zurück.
Dann tu etwas dagegen, fuhr Isis lächelnd fort. Oder kannst du das nicht mehr?
»He, was ist hier los?«, erkundigte sich Kate misstrauisch. »Ihr beide kennt euch also doch?«
»Natürlich«, antwortete Isis, ohne dass ihre Augen Basts Blick losließen. »Aber ich nehme es ihr nicht übel, dass sie mich nicht sofort erkannt hat. Wir haben uns sehr lange nicht mehr gesehen. Wie lange war es noch genau?« Zweihundert Jahre? Oder sind es schon dreihundert? Die Zeit vergeht so schnell, dass ich mich manchmal frage, wo die Jahre geblieben sind.
Bast versuchte vergeblich, die lautlos flüsternde Stimme zwischen ihren Schläfen zum Verstummen zu bringen. Isis' Gesicht ... Nein, es veränderte sich nicht wirklich vor ihren Augen. Sie erkannte es nur plötzlich nicht mehr, als säße sie einer vollkommen Fremden gegenüber, keiner Frau, mit der sie die Jahrtausende geteilt hatte.
Bitte hör damit auf!
Ganz wie du willst. Aber du solltest dir endlich selbst eingestehen, in welch schlechtem Zustand du bist. Du brauchst ...
»Ich weiß selbst, was ich brauche!«, fauchte Bast laut. Isis - die nun wieder Isis war, wenn auch vermutlich nur für sie selbst, nicht für Kate oder Marie-Jeanette oder Faye oder irgendeinen anderen hier drinnen - lächelte nur verzeihend und ließ ihren Blick endlich los, und die Schwäche rollte endgültig heran und drohte sie zu übermannen. Isis streckte rasch den Arm über den Tisch und ergriff ihre Hand, und die Dunkelheit zog sich fast erschrocken zurück, als eine Woge unsichtbarer, warmer Kraft durch ihren Körper strömte.
Siehst du, Schwester? Ich weiß es sehr wohl.
»Kann es sein, dass ihr beide uns auf den Arm nehmen wollt?«, fragte Kate. »Was soll das Theater? Ich ...«
»Es ist schon gut, Kate.« Isis machte eine winzige, kaum sichtbare Bewegung mit den Fingern der freien Hand, und etwas in Kates Blick erlosch. Für die Dauer von zwei oder drei Atemzügen wirkte sie einfach nur verwirrt und hilflos, dann atmete sie hörbar ein und stand mit einem plötzlichen Ruck auf.
»Na ja, dann lasse ich euch zwei Turteltäubchen mal ein bisschen allein«, sagte sie, irgendwie schleppend. »Ihr habt euch nach so langer Zeit bestimmt eine Menge zu erzählen.«
»Was hast du vor?«, fragte Faye alarmiert. Isis zog ihre Hand zurück, und der Strom erquickender Stärke erlosch. Was blieb, war ein täuschendes Gefühl von Sicherheit, und das Wissen, dass es nur geliehene Kraft war, und dass sie einen vielleicht zu hohen Preis dafür zahlen würde.
»Na was schon?«, antwortete Kate. »Die Nacht ist noch jung, Süße. Liz war genauso meine Freundin wie deine, aber um sie zu trauern, macht keinen von uns satt, weißt du? Ich muss sehen, dass ich was Warmes in den Bauch bekomme.« Sie grinste anzüglich. »So oder so.«
Deine Freundin, spöttelte Isis lautlos. Glaubst du immer noch, dass es schade um sie ist?
»Aber du kannst doch jetzt nicht arbeiten!« Faye klang eindeutig entsetzt. »Was ist denn, wenn er noch da draußen ist?«
»Aber du hast doch selbst gesagt, dass es nicht der Ripper war«, antwortete Kate. »Außerdem kommt der Kerl ganz bestimmt nicht wieder. Nicht heute Nacht, mach dir keine Sorgen. Schließlich hast du ihn ja verjagt!« Sie setzte dazu an, sich herumzudrehen und zu gehen, hielt aber dann mitten in der Bewegung noch einmal inne und wandte sich mit einem fragenden Blick an Maire-Jeanette.
»Ihr seid verrückt«, murmelte Faye, als auch Kates blonde Freundin aufstand und sich zum Gehen wandte.
»Möglich. Aber morgen früh ganz bestimmt nicht so hungrig wie du, Süße«, antwortete Kate.