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Sie ging. Bast wartete, bis Marie-Jeanette und sie außer Hörweite waren, dann wandte sie sich in vorwurfsvollem Ton an Isis. »Warum hast du sie nicht zurückgehalten?«

Warum sollte ich? Welche Rolle spielt es schon, ob sie jetzt stirbt oder in dreißig Jahren? Laut sagte sie: »Sie hat völlig recht. Heute Nacht kommt er bestimmt nicht zurück. Es wimmelt von Polizei und Neugierigen. Und solltest du moralische Bedenken haben ... die findet heute Nacht auch bestimmt keinen Kunden mehr.«

»Aber sie würden ...«, begann Faye, und Isis wiederholte ihre winzige Handbewegung. Faye verstummte mitten im Satz und schien für einen Moment nicht mehr zu wissen, wo sie war, dann wurden ihre Augen trüb. Sie griff nach ihrem Bierkrug, trank aber nicht, sondern hielt ihn nur mit beiden Händen fest und starrte aus blicklosen Augen hinein.

»Keine Sorge«, sagte Isis. »Sie hört nichts mehr. Wir brauchen uns nicht zu verstellen.«

»Warum tust du das?«, fragte Bast vorwurfsvoll. »Du weißt, dass es nicht richtig ist.«

»Was?« Isis' Stimme wurde spöttisch. »Den freien Willen eines Menschen zu missachten?« Sie lachte, aber es klang einfach nur hässlich. »Nein, meine Frage von vorhin war vollkommen überflüssig. Sachmet würde einen solchen Unsinn nicht reden. Du bist Bastet. Noch.«

Bast streifte Faye mit einem nervösen Blick, aber es war so, wie Isis gesagt hatte: Ihr Gesicht und ihre Augen waren leer. Sie war bei Bewusstsein, aber zugleich auch gefangen in einer eigenen, isolierten Welt, in die nichts hinein- oder herausdrang. Der Anblick stimmte sie traurig. Ganz egal, was Isis sagte und ob sie recht hatte oder nicht - es war nicht richtig.

»Also, was willst du hier?«, fragte Isis plötzlich.

»Ich habe dich gesucht.«

»Ja, und jetzt hast du mich gefunden.« Sie zog eine Grimasse. »Aber du erwartest nicht, dass ich dir vor Freude um den Hals falle, oder? Ich dachte, ich hätte mich gut genug vor dir und den anderen versteckt, aber das war wohl ein Irrtum.«

»Horus ist hier«, sagte Bast.

Isis zog zweifelnd die linke Augenbraue hoch, aber Bast spürte zugleich auch nicht die leiseste Überraschung. »Hier? In London?«

»Ich habe ihn gesehen«, bestätigte Bast. »Heute Morgen erst. Ihn und Sobek.«

»Und du lebst noch? Mein Kompliment!«

»Er würde mir nie etwas antun«, sagte Bast überzeugt. »Du kennst seinen Standpunkt.«

»Oh ja, der gute Horus und seine Ehre!« Isis machte ein abfälliges Geräusch. »Wir töten einander nicht, nicht wahr? Aber wir sehen zu, wie andere das für uns erledigen. Ja, das klingt ganz nach meinem Gatten, wie er leibt und lebt. Was will er?«

»Das hat er nicht gesagt«, antwortete Bast, »aber ich nehme an, dasselbe wie ich. Er sucht dich!«

»Und deshalb bist du gekommen - um mich vor ihm zu warnen?«, vermutete Isis. Ihre Miene verdüsterte sich. »Du erwartest doch keine Dankbarkeit, oder?«

»Wir wollen, dass du zurückkommst«, antwortete Bast ruhig. »Nicht nur ich. Die anderen auch ... jedenfalls die meisten.«

»Warum?«

»Warum?«

»Warum«, bestätigte Isis. »Was stört es euch, wo ich lebe oder wie?«

»Weil du nicht hierher gehörst«, antwortete Bast überzeugt. »Nicht in dieses Land, und schon gar nicht ...«, sie machte eine ausholende, angewiderte Geste, »... hierher.«

»Ja, jetzt kommt tatsächlich die gute alte Bastet wieder zum Vorschein, wie wir sie alle kennen und lieben, nicht wahr?«, fragte Isis. Sie lachte, aber ihre Augen schienen sich plötzlich in Stein zu verwandeln. »Wie schade nur, dass du bei dir selbst nicht dieselben Maßstäbe anlegst.«

Bast schluckte, als hätte sie sie unversehens geohrfeigt. Und irgendwie hatte sie das auch. »Faye und die anderen haben mir erzählt, dass du ...«

»Dass ich hier arbeite? Stimmt«, unterbrach sie Isis. »Nur dann und wann, und nicht unbedingt aus denselben Gründen wie sie. Hast du ein Problem damit?«

»Ich nicht, aber vielleicht deine Kunden.«

Isis lachte leise. »Bis jetzt hat es noch jeder überlebt, keine Sorge. Ich weiß, wie weit ich gehen kann. Ganz im Gegensatz zu dir.«

»Was soll das heißen?«

»Man erzählt sich hier eine interessante Geschichte über Roy und seine Bande«, antwortete Isis lächelnd. »Wie es aussieht, hat ihnen jemand ziemlich übel mitgespielt. Ich nehme nicht an, dass du etwas darüber weißt? Wie man hört, sollst du gestern Abend einen ziemlich heftigen Streit mit ihnen gehabt haben.«

»So schlimm war es nun auch wieder nicht«, antwortete Bast achselzuckend. Sie wollte nicht über Roy und seine Schlägerbande sprechen. Sie wollte dieses Gespräch überhaupt nicht führen, nicht so. Alles begann ihr zu entgleiten.

»Schlimm genug, wie man sich erzählt«, sagte Isis. »Einer der Kerle ist tot, und die drei anderen werden wohl so schnell nicht aus dem Hospital kommen. Roy ist der Einzige, der einigermaßen ungeschoren davongekommen ist. Da frage ich mich, warum.«

»Vielleicht hatte er einfach Glück«, antwortete Bast spröde. »Oder wer immer ihn und seine Bande aufgemischt hat, wurde gestört ... was weiß ich.« Sie machte eine unwillige Handbewegung. »Aber ich bin nicht hier, um über Roy zu reden.«

»Sondern?«

»Über dich, Isis«, antwortete Bast ernst. »Komm zurück! Ich weiß nicht, warum Horus und Sobek wirklich hier sind, aber ich habe kein gutes Gefühl dabei.«

»Du meinst, ich wäre in Gefahr?« Isis lachte leise. »Nicht doch, Schwesterchen. Du hast mir doch gerade selbst gesagt, dass er niemals die Hand gegen einen von uns erheben würde. Und schon gar nicht gegen seine Geliebte.«

Allein die Art, auf die sie dieses Wort betonte, ließ Bast schon wieder unmerklich zusammenfahren. Verdammt, ja, sie hatte sich mit Horus eingelassen, und es war nicht nur eine Enttäuschung gewesen, seither war kaum ein Tag vergangen, an dem sie es nicht bereut hatte. Und es war so lange her!

»Ich dachte, du hättest mir verziehen«, sagte sie. »Mehr als dich um Verzeihung bitten kann ich nicht.«

»Verzeihung?« Isis spielte perfekt die Überraschte. »Da gibt es nichts zu verzeihen. Von mir aus kannst du Horus haben und irgendwo auf der Welt eine Dynastie mit ihm gründen. Er ist mir vollkommen egal - und das war es auch schon, bevor du dein Interesse an ihm entdeckt hast, Schwester.«

»Vielleicht sieht er das ja nicht so«, antwortete Bast. Sie klang plötzlich ebenso spröde und abweisend wie Isis, aber insgeheim war sie erleichtert. Isis' Worte waren aufrichtig gemeint; ganz bewusst verletzend vielleicht, aber ehrlich. »Und selbst wenn doch ... du solltest nicht hierbleiben. Ich bin nicht ganz sicher, ob sie mir das alles nicht nur vorgespielt haben, um mich zu provozieren, aber wenn nicht ...« Sie hob die Schultern. »Du kennst Horus besser als ich. Ich fürchte, Sobek und er befinden sich auf irgendeinem verrückten Kreuzzug.«

»Jetzt übernimmst du schon ihren Wortschatz«, sagte Isis spöttisch. »Aber dann solltest du das auch richtig tun. Sie waren es, die die Kreuzzüge gegen uns geführt haben, nicht umgekehrt.«

»Du weißt, wovon ich rede.«

»Ja. Von Horus und seiner alten Lieblingsidee, dass sie kein Recht haben, unsere Geschichte zu plündern. Irgendwie kann ich das nachvollziehen. Warst du schon einmal im Britischen Museum?«

»Heute, ja«, antwortete Bast. Sie behielt Isis' Gesicht bei diesen Worten aufmerksam im Auge, aber wenn sie wusste, was heute Morgen wirklich geschehen war, so hatte sie sich meisterhaft in der Gewalt.

»Dann weißt du, dass er recht hat«, sagte Isis. »Horus ist nicht der Einzige, der nicht glücklich darüber ist, die heiligsten Stätten unseres Volkes entweiht zu sehen, aber keine Sorge ...«, sie hob rasch die Hand, »... ich halte ihn für genau so verrückt wie du. Die Zeiten wandeln sich.«

»Horus ist nicht verrückt, er ist gefährlich«, erwiderte Bast ernst. »Für uns alle. Auch für dich. Er kann diesen Krieg nicht gewinnen.«