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»Ich fürchte, damit hast du recht«, seufzte Isis. »Aber er wird wohl auch der Erste sein, der es merkt.«

»Es könnte unser aller Untergang sein«, antwortete Bast so ernst, wie sie nur konnte. »Wir haben all die Jahrhunderte überlebt, weil niemand von unserer Existenz wusste. Wenn Horus diesen verrückten Krieg anfängt; dann könnte sich das ändern. Und wenn die Menschen erst einmal wissen, dass es uns gibt, dann ist es vorbei.« Ihre Stimme wurde leiser und nahm zugleich einen fast beschwörenden Ton an. »Komm mit mir, Isis.«

»Und wohin?«

»Zuerst einmal zurück in unsere Heimat, wo wir hingehören.«

»Wo wir hingehören«, wiederholte Isis spöttisch. Sie trank einen gewaltigen Schluck aus ihrem Bierkrug, obwohl Alkohol auf sie ebenso wenig Wirkung hatte wie auf Bastet oder irgendeinen anderen aus ihrer Familie. Sie schüttelte heftig den Kopf. »Wer hat dich geschickt? Amun oder Ra selbst?«

»Niemand hat mich geschickt«, antwortete Bast, ebenso nachdrücklich wie falsch. Tatsächlich hatten Ra und die anderen sie gebeten, Isis zurückzuholen, aber es wäre nicht nötig gewesen. Sie wäre auch von sich aus gegangen. »Aber sie haben recht. Du hast es selbst gesagt: Die Zeiten ändern sich. Wir sollten uns zurückziehen und warten, bis alles vorüber ist, wie wir es schon so oft getan haben.«

»Bis was vorüber ist?«

»Das alles hier«, antwortete Bast ernst. »Diese Kultur wird untergehen, wie alle anderen vor ihr. Willst du mit ihr untergehen?«

»Ich werde mich wenigstens nicht in einem Loch in der Wüste verkriechen und darauf warten, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt«, erwiderte Isis. »Und du irrst dich. Dieses Land wird nicht untergehen. Das Empire wird fallen, wie andere Reiche zuvor. Wie Rom, Babylon und das Reich der Inkas - die, so ganz nebenbei, wir gestürzt haben -, aber die Welt wird nie wieder so werden, wie sie war. Ich suche mir meinen eigenen Platz darin.«

»Wenn du wirklich recht hast«, sagte Bast traurig, »dann ist in dieser Welt kein Platz mehr für uns.«

»Das wird sich zeigen«, antwortete Isis ruhig. »Du hast den Weg umsonst gemacht, Bastet. Geh wieder nach Hause. Und hab keine Angst vor Horus. Ich rede mit ihm. Er wird dir nichts tun.«

»Aber dir vielleicht.«

Isis lachte. »Er wird mich nicht einmal finden, wenn ich es nicht will.«

»Ich habe dich auch gefunden.«

»Weil ich es zugelassen habe«, antwortete Isis ruhig.

Ein Gefühl lähmender Resignation begann sich in Bast breitzumachen. Ihr Zusammentreffen mit Isis verlief nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte mit Schwierigkeiten gerechnet - schließlich kannte sie Isis nun wirklich lange genug -, aber nicht mit dieser totalen Ablehnung. Was hatte Isis erlebt in den Jahren, die sie sich nicht gesehen hatten?

»Den Wandel der Zeit, Schwester«, antwortete Isis, und Bast begriff, dass sie abermals ihre Gedanken gelesen hatte.

»So wie wir alle.«

»Nicht so«, widersprach Isis. »Die Zeiten ändern sich, Bastet, sie haben sich schon geändert, und sie werden sich weiter ändern und schneller, als du es wahrhaben willst. Die Zeiten der Götter sind vorbei. Die Menschen brauchen uns nicht mehr. Vielleicht haben sie uns nie wirklich gebraucht.«

Sie stand auf. »Du wolltest mit mir reden, du hast mit mir geredet. Jetzt fahr wieder nach Hause und sag den anderen, dass ich nicht zurückkommen werde. Und versuche nicht noch einmal, mich zu finden.«

Und damit verschwand sie. Sie ging nicht etwa, sondern war von einem Blinzeln zum anderen einfach nicht mehr da, genau wie es Horus am Morgen getan hatte. Und genau wie bei ihm ärgerte sie diese billige Effekthascherei, aber bei ihr hatte es etwas ... Erniedrigendes, das sie fast wütend machte. Sie fühlte sich abgefertigt wie ein dummes Kind, und in diesem Fall tat es weh.

Und es weckte ihren Trotz. Isis glaubte, sie wäre nicht in der Lage, sie gegen ihren Willen zu finden?

Nun, das würde sich zeigen.

»Wo ist sie hingegangen?«

Bast fuhr aus ihren Gedanken hoch und blinzelte Faye verständnislos an. »Wer?«

»Patsy. Deine Freundin.« Die Leere war aus ihren Augen verschwunden, aber nun sah sie gleichermaßen verwirrt wie misstrauisch aus. »Das ... war sie doch, oder? Wo ist sie überhaupt so schnell hin?«

»Sicher, das war ... Patsy«, antwortete Bast hastig.

Der Anteil von Misstrauen in Fayes Blick nahm noch zu. »Ist nicht ihr richtiger Name«, vermutete sie.

»Ist Faye denn deiner?«

»Nein«, gestand Faye freimütig. »Aber ich versteh immer noch nicht ganz, wohin sie so schnell verschwunden ist. Ich habe gar nichts mitgekriegt. Bin ich eingedöst, oder was?«

»Nein«, antwortete Bast. »Aber du siehst aus, als würdest du es gleich. Patsy musste weg. Sie hat wohl noch eine Verabredung ... glaube ich.«

»Und dann lässt sie dich einfach hier sitzen, wo ihr euch so lange nicht mehr gesehen habt? Ihr scheint keine besonders guten Freundinnen zu sein.«

»Doch, das sind wir«, versicherte Bast hastig. »Aber ... Patsy ... war schon immer ein bisschen ...«

»Eigenwillig?«, half Faye aus. Sie lachte. »Ja, das klingt ganz nach Patsy Kline. Hat sie dir gesagt, dass sie wiederkommt ... morgen oder später?«

»Warum?«

»Weil du dich nicht wundern solltest, wenn sie nicht auftaucht«, antwortete Faye. »So ist es nun mal ... aber das weißt du ja bestimmt. Wo ihr euch doch schon so lange kennt.«

»Ja, sicher«, antwortete Bast. »Und du? Wie lange kennst du Patsy schon?«

»So lange wie die anderen«, antwortete Faye. »Ein gutes Jahr. Vielleicht ein bisschen länger.«

»So lange lebst du schon hier?«, vermutete Bast. »Und vorher?«

»Vorher?«

»Du musst doch irgendwo aufgewachsen sein. Was hast du vorher gemacht? Bevor du ...«

»Bevor ich als Hure gearbeitet hab?«, fiel ihr Faye ins Wort. Ihr Blick wurde hart. »Ja, ich bin woanders aufgewachsen. Auf einem Gutshof in Sussex. Meine Mutter war dort Magd, und wir hatten einen richtig noblen Herrn. Einen Gentleman, überall hoch angesehen und für seine Großzügigkeit bekannt. Ein richtiger Gentleman, und ein echter Mann. Muss er wohl gewesen sein - immerhin hat er meine Mutter fast jede Nacht in sein Schlafzimmer geholt ... wenigstens, bis ich zwölf war. Danach hat er immer mehr Geschmack an ihrer Tochter gefunden.«

»Das tut mir leid«, sagte Bast.

Sie meinte das ehrlich, aber Fayes Blick wurde eher noch verächtlicher. »Ach, tut es das?«, fragte sie böse. »Mir nicht. Ich habe jedenfalls schnell gelernt, wie das Leben so ist.«

»Und dann bist du hierhergekommen?«

»Warum nicht?«, schnaubte Faye verächtlich. »Wo ist der Unterschied? Früher hab ich die Beine nur für einen alten Bock breitgemacht und dafür Essen und ein winziges Zimmer bekommen, und manchmal sogar einen Penny, wenn er ganz besonders gute Laune hatte. Heute verdiene ich gutes Geld, und keiner macht mir Vorschriften.«

»Schon gut«, antwortete Bast. »Ich wollte dir keine Vorwürfe machen.«

»Die stehen dir auch nicht zu«, sagte Faye ernst, aber nicht mehr wirklich feindselig. Ihr Zorn verrauchte so schnell wie ein plötzlich aufgeflammter Schmerz, der ebenso rasch wieder erloschen war, und ihre Schultern sanken kraftlos nach vorne. »Entschuldige.«

»Da gibt es nichts zu entschuldigen«, antwortete Bast sanft. »Im Gegenteil. Ich muss mich entschuldigen. Du hast recht. Es steht mir nicht zu, über dich oder irgendjemanden hier zu urteilen.« Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Wahrscheinlich war ich nur enttäuscht.«

»Wegen Patsy?« Faye nickte, trank einen Schluck von ihrem Bier und schob den Krug dann mit angewidertem Gesicht demonstrativ von sich. »Euer Gespräch ist nicht so gelaufen, wie du gehofft hast, wie?«

»Nicht unbedingt«, gestand Bast. »Wie gesagt: Sie ist manchmal ein bisschen stur.« Sie machte eine Kopfbewegung auf Fayes Krug. »Möchtest du ein frisches?«