»Wenn ich das wollte, würde ich es nicht hier bestellen«, antwortete Faye ernsthaft. »Bisher konnte es keiner beweisen, aber es geht das Gerücht, dass Red in seine Fässer pinkelt, um das Bier zu strecken. Keine Ahnung, ob es stimmt, aber das schmeckt jedenfalls so.«
»Wir können woanders hingehen«, schlug Bast vor.
»Hier, in dieser Gegend?« Faye lachte leise. »Du bist wirklich fremd hier. Außer dem Ten Bells hat nichts mehr auf. Jedenfalls nichts, was du kennen möchtest.«
Sie schien auf Widerspruch zu warten. Als er nicht kam, zuckte sie nur mit den Schultern und begann mit ihrem Krug zu spielen. »Außerdem habe ich schon genug getrunken. Die Kerle mögen es nicht, wenn dein Atem nach Bier oder Schnaps stinkt.«
Bast sah sich demonstrativ zweifelnd um, und Faye schüttelte heftig den Kopf. »Doch nicht die hier. Von denen würd ich keinen mit der Kneifzange anfassen.«
»Nicht deine Preisklasse?«, vermutete Bast.
»Ich nicht ihre«, antwortete Faye. »Unter einer Guinee rührt mich keiner an. Und selbst dafür gibt's noch lange nicht alles.«
Bast bezweifelte, dass die meisten von denen, die sich momentan hier drinnen aufhielten, so viel in der Woche verdienten. »Hier?«, fragte sie.
»Du würdest dich wundern, wie viele feine Herrschaften sich in diese Gegend verirren, sobald die Sonne untergegangen ist. Musst dir nur mal die Kutschen ansehen, die hier manchmal stehen. Bei denen kriegen manchmal die Pferde besseres Essen als wir. Ich kenne eine Menge von ihnen.«
»Pferde?«
»Die feinen Herren aus den Kutschen. Manche sind gar nicht mal so übel. Nicht alle, aber manche. Einer hat mich sogar einmal mit in sein Haus genommen. Ein richtiger Palast. Hat mir angeboten, ganz bei ihm zu bleiben, aber ich wollte nicht ... obwohl es wirklich ein richtiger Palast war.«
Aus dem Munde jeder anderen hätte diese Behauptung einfach nur angeberisch geklungen, aber Bast glaubte ihr. Fayes Kleider waren so provozierend und schäbig wie die der anderen, ihre Schminke entschieden zu aufdringlich und ihre Frisur nichts anderes als billig - aber sie hatte etwas Kindliches, das selbst jetzt, müde und verschreckt wie sie war, durch all das hindurchschimmerte.
Aber wie lange noch?
»Wie alt bist du?«, fragte sie.
»Zwanzig«, behauptete Faye. »Warum?«
»Sechzehn«, vermutete Bast. »Habe ich recht?«
»Aber nur noch zwei Wochen, dann werde ich zwanzig.«
»Und das die nächsten drei Jahre lang.«
»Mindestens fünf«, verbesserte sie Faye. »Wahrscheinlich sogar mehr.«
»Und dann?«, fragte Bast, zwar lachend, aber trotzdem nun wieder in verändertem Ton.
»Dann gibt es nicht«, antwortete Faye überzeugt. »Ich spare. Kate und die anderen geben das meiste gleich wieder aus, für Gin und Bier oder Opium, aber ich habe schon ein hübsches Sümmchen zusammen. In ein paar Jahren kann ich von hier weggehen und mir irgendwo ein kleines Haus kaufen. Vielleicht sogar einen eigenen Laden. Hab noch nicht genau darüber nachgedacht.«
Bast schwieg dazu. Faye würde kein eigenes Geschäft besitzen und auch kein eigenes Haus. Oh, sie glaubte an diesen Traum, wie es alle getan hatten, als sie hierhergekommen waren, und Bast glaubte ihr auch, dass sie gut verdiente und auch das meiste davon für ihren Traum sparte. Aber was Isis vorhin zu ihr gesagt hatte, das galt auch - und noch viel mehr - für Faye. Die Zeit blieb nicht stehen. Faye war trotz der aufdringlichen Schminke und ihrer provozierenden Kleider noch ein Kind, ein Mädchen im Körper einer Frau, aber mit der unschuldigen Ausstrahlung eines Kindes, und das war es, was all die feinen Gentlemen an ihr faszinierte, nicht ihr wunderschönes Gesicht und ihre durchaus ansehnliche Figur.
Aber wie lange noch, bis dieses zweifelhafte Geschenk, das ihr die Natur gemacht hatte, verbraucht war, oder eine andere, jüngere und unverbrauchtere Faye kam? Bald würde sie anfangen, weniger zu sparen, und irgendwann würden ihre Freier weniger werden und vielleicht nicht mehr ganz so spendabel und großzügig sein, und irgendwann, in gar nicht allzu ferner Zukunft, würde sie neben Kate und Marie-Jeanette und den anderen stehen und sich für ein paar Pennys feilbieten, und ihren mühsam zusammengesparten Traum Stück für Stück für etwas anderes ausgeben; falls er ihr nicht vorher gestohlen wurde, oder irgendjemand sie umbrachte.
»Hab ich was Falsches gesagt?«, fragte Faye.
Bast schüttelte hastig den Kopf und zwang sich zu einem Lächeln. Faye war eine gute Beobachterin - oder man sah ihr ihre Gedanken deutlicher an, als sie wahrhaben wollte. Sie lauschte in sich hinein und stellte fest, dass die von Isis geliehene Kraft beinahe aufgebraucht war. Sie war nicht überrascht, aber alarmiert. Sie stand kurz vor dem Zusammenbruch, und wenn er kam, dann würde er schnell, brutal und endgültig sein. Sie würde töten, wenn sie bis dahin keine Lösung fand. Vielleicht Faye.
»Nein«, antwortete sie. »Es ist nur ... spät geworden. Ich muss allmählich an den Rückweg denken.«
»Ich auch«, sagte Faye. »Aber ich hab's nicht so weit wie du. Gehen wir noch ein Stück zusammen? Ist nicht sehr weit, nur ein paar Straßen ... und in der Nähe ist ein Droschkenplatz. Mit ein bisschen Glück bekommst du dort sogar noch einen Wagen.«
Letzten Endes waren es dann nicht ein paar, sondern fünf Straßen, und sie brauchten gut zwanzig Minuten, obwohl es bitterkalt war und Faye, die statt einer Jacke nur einen dünnen Netzschal übergeworfen hatte, ein forsches Tempo anschlug. Sie redeten wenig, was ebenfalls an der Kälte lag. Bast hatte nicht mehr genug Kraft, um sich dagegen zu schützen, und schon lange bevor sie ihr Ziel erreichten, waren ihre Fingerspitzen und Zehen und Lippen taub vor Kälte und prickelten.
Immerhin bewegten sie sich nicht tiefer ins East End hinein, sondern näherten sich seinem Rand. Die Straßen und Gebäude waren hier noch immer alles andere als vornehm oder auch nur vertrauenerweckend - Bast nahm schon auf halbem Wege alles zurück, was sie je über Mrs Walsh und das Westminster gedacht hatte; verglichen mit dieser Gegend hatte Maistowe sie geradezu königlich untergebracht -, aber immerhin brannte hier nicht nur jede dritte Straßenlaterne, und allein auf dem kurzen Weg begegneten ihnen zwei Bobbys, die ihre Runden zwar alles andere als aufmerksam machten, aber sie machten sie, und das allein hatte schon etwas Beruhigendes.
Dabei hätte es das nicht haben sollen. Ganz im Gegenteil. Das nun wirklich Allerletzte, was sie in dieser Nacht gebrauchen konnte, war der möglicherweise einzige wirklich aufmerksame Streifenbeamte der Stadt, der seine Runden drehte und im falschesten aller Augenblicke auftauchte.
»Wir sind gleich da«, sagte Faye plötzlich und deutete auch auf eine niedrige Toreinfahrt auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Die beiden zweistöckigen Gebäude, die sie flankierten, lagen in vollkommener Dunkelheit da, und der Hof, auf den sie führte, erst recht. Nicht einmal Basts scharfe Augen vermochten die absolute Dunkelheit dahinter zu durchdringen.
»Ich hab nur ein kleines Zimmer«, fuhr das Mädchen fort, »keine richtige Wohnung. Aber es gehört mir allein. Ich muss es mit niemandem teilen, und ich hab sogar einen eigenen Ofen, um einzuheizen oder mir etwas zu kochen.«
Sie waren stehen geblieben, und Faye stampfte ob der Kälte mit den Füßen auf und blies in die zusammengelegten Hände. »Danke, dass du mich begleitet hast«, sagte sie. »Ehrlich gesagt ...«
»Hattest du Angst, allein nach Hause zu gehen«, unterbrach sie Bast. »Das verstehe ich.«
»Normalerweise begleiten wir uns immer gegenseitig«, gestand Faye leicht verlegen. »Aber heute ist alles irgendwie ... anders. Solange sie den Ripper nicht geschnappt haben ...«
»Ich verstehe«, sagte Bast. »Ihr habt Angst.«