Выбрать главу

»Ja«, gestand Faye. »Du anscheinend nicht, wie?«

»Sollte ich das denn?«

»Weiß nicht«, antwortete Faye. »Eigentlich schon, aber irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass du überhaupt vor irgendetwas Angst hast ... hast du gehört, was gestern Nacht mit Roy und seiner Bande passiert ist?«

»Roy?«

»Der Bursche aus dem Ten Bells«, antwortete Faye. Bast war nicht ganz sicher, ob ihr fragender Blick tatsächlich echt war oder ob sich etwas Lauerndes dahinter verbarg. »Der, mit dem du dich um den Stuhl gestritten hast.«

»Nein«, sagte Bast. »Ich meine: Ich erinnere mich an ihn, aber was soll mit ihm sein?«

»Mit ihm nichts, aber seine Bande hat es ziemlich übel erwischt«, antwortete Faye. »Einer ist angeblich tot, und die anderen sind auch nicht viel besser dran. Angeblich sind sie mit einer anderen Bande aneinandergeraten, aber unter der Hand erzählt man sich, dass es nur ein einzelner Mann gewesen sein soll.« Sie lachte. Unecht. »Manche behaupten sogar, es wäre eine Frau gewesen.«

»Eine dunkelhäutige Frau in einem schwarzen Mantel?« Bast genoss für einen halben Atemzug das ungläubige Staunen, das sich auf Fayes Gesicht ausbreitete. Dann schüttelte sie den Kopf. »Wenn ja, muss es eine andere gewesen sein. Ich allein gegen fünf? Ich wollte, ich könnte so etwas ... aber jetzt weiß ich wenigstens, warum ich gestern Nacht unbehelligt nach Hause gekommen bin. Ehrlich gesagt war mir nicht unbedingt wohl auf dem Rückweg.«

»Roy und seine Schläger sind gleich nach dir gegangen«, bestätigte Faye.

»Und offenbar auf die Falschen getroffen«, fügte Bast hinzu. »Und? Bricht dir das das Herz?«

»Nicht unbedingt«, antwortete Faye. Sie klang, als hätte sie eigentlich etwas ganz anderes sagen wollen. Irgendwie ... enttäuscht.

»Der Droschkenstand«, erinnerte sie. Sie hatte nicht vor, eine Droschke zu nehmen, oder gar ins Westminster zurückzukehren. Ganz im Gegenteiclass="underline" Was sie suchte, befand sich in der entgegengesetzten Richtung; in der, aus der sie gerade gekommen waren.

»Oh ja, sicher.« Aus irgendeinem Grund wirkte Faye plötzlich verlegen; das naive Kind, das sie unter all der Schminke und aufdringlichem Rouge auch war, und das nicht wusste, was es sagen sollte. »Gleich am Ende der Straße und dann rechts. Da steht fast immer ein Wagen, sogar um diese Zeit.«

»Fast?«

»Immer«, verbesserte sich Faye hastig. »Aber du ... also ich meine, wenn du noch einen Moment mit reinkommen willst, dann mache ich uns noch einen heißen Tee. Der wird dir bestimmt guttun, so kalt, wie es ist.«

Bast sah sie einen Moment lang verwirrt an - und dann verstand sie. »Du musst das nicht tun«, sagte sie sanft.

Fayes Augen wurden schmal. »Was?«

»Ich komme gerne mit«, sagte Bast. »Auf einen Tee. Und um mit dir zu reden. Aber sonst nichts.«

»Sonst habe ich dir auch nichts angeboten, wenn ich mich richtig erinnere«, antwortete Faye spröde.

»Schon gut.« Bast hob beruhigend die Hand. »Du hast recht. Ein heißer Tee wäre wunderbar.«

Faye sah nicht überzeugt aus. Nicht, dass sie ihr kaum verhohlenes Angebot bedauerte, aber sie schien wohl begriffen zu haben, dass sie zu weit gegangen war, und nun war sie wütend - nicht auf sich selbst, sondern auf Bast. Sie war ein Kind.

Und es war genau diese Erkenntnis, die Bast dazu brachte, eine auffordernde Geste zur anderen Straßenseite zu machen, statt auf dem Absatz herumzufahren und zu gehen, was in diesem Moment das einzig Vernünftige gewesen wäre.

Faye sah eine Sekunde lang so aus, als wolle sie sie jetzt davonjagen, aber ihr Zorn erlosch so schnell wieder, wie er gekommen war, und machte - nicht einmal echtem - kindlichem Trotz Platz. Mit einem ärgerlichen Schulterzucken, das sie sich selbst schuldig zu sein schien, und zu einem dünnen Strich zusammengepressten Lippen fuhr sie herum und überquerte mit schnellen Schritten die Straße. Bast musste sich beeilen, um sie in der Dunkelheit der Toreinfahrt nicht aus den Augen zu verlieren.

Unter ihren Stiefelsohlen klapperte nebelfeuchtes Kopfsteinpflaster, und irgendetwas klimperte hörbar, als Faye einen Schlüsselbund aus ihrem Beutel kramte. Selbst für Basts Augen war sie kaum mehr als ein zerfließender Schatten in der Dunkelheit, während sie sich an einer noch dunkleren Tür vor sich zu schaffen machte.

Und war sie wirklich mehr?, fragte sich Bast. Mehr als ein Schatten, der flüchtig im endlosen Strom der Zeit aufblitzte und wieder verschwunden sein würde, noch bevor die Welt ihn auch nur wirklich zur Kenntnis nehmen konnte?

Wahrscheinlich nicht. Nur ein Kind, dem das Schicksal von Anfang an keine Chance eingeräumt hatte, und das vielleicht voller Träume und Illusionen war, aber ohne irgendeine Zukunft. Die Welt würde nicht reicher werden ohne sie ... aber auch ganz gewiss nicht ärmer. Da war nichts von Bedeutung in ihr. Nichts außer der warmen, so jungen und gerade deshalb so kräftig brennenden Flamme des Lebens in ihr. Eine Wärme, die sie so dringend brauchte ...

Bast presste die Kiefer so fest zusammen, dass ihre Zähne hörbar knirschten und ein heftiger Schmerz durch ihren Schädel schoss, und es half, vielleicht ein allerletztes Mal. Das Ungeheuer zog sich noch einmal zurück, und der Schatten wurde wieder zu Faye. Etwas klackte, und dann verschwand sie in der noch tieferen Dunkelheit jenseits der Tür. Bast ballte die Hände zu Fäusten, aber es gelang ihr zumindest, ihre Kiefermuskeln zu entspannen. Sie schmeckte ihr eigenes Blut, und das bittere Kupferaroma machte sie fast wahnsinnig.

»Einen Moment nur«, drang Fayes Stimme aus der Dunkelheit. »Ich mache Licht.«

In der Dunkelheit hinter der Tür begann ein leises Rascheln und Klappern - Schwefelhölzer in einer Schachtel, wie ihr das Geräusch verriet -, aber auch hinter ihr waren plötzlich Laute ... ein Schleichen und Anpirschen, das erneut und diesmal ungleich stärker von dem Gefühl begleitet wurde, angestarrt und belauert zu werden. Etwas kam.

Hinter der Tür flammte ein Streichholz auf und wurde nur einen Augenblick später zum ruhig brennenden Licht einer Petroleumlampe. Der gelbe Schein trieb die Gespenster in die Nacht zurück, und Bast trat mit einem raschen Schritt und gebeugt unter dem niedrigen Türsturz hindurch.

Das Zimmer war winzig, aber geschmackvoll, wenn auch einfach, eingerichtet und sauber. Es gab ein Bett, einen Stuhl und einen winzigen Tisch und den Ofen, von dem Faye gesprochen hatte, und unter dem schmalen Fenster sogar etwas wie eine improvisierte Waschgelegenheit. Es war bitterkalt. Die papierdünnen Wände und das gesprungene Fenster konnten die Kälte nicht wirklich draußen halten. Schon jetzt konnte sie ihren eigenen Atem als grauen Dampf vor ihrem Gesicht erkennen. Im Winter musste es hier drinnen schlichtweg unerträglich sein.

»Setz dich«, sagte Faye, während sie bereits in die Hocke ging, um mithilfe einer zusammengeknüllten Zeitung und einiger Holzspäne den Ofen anzufachen. Sie stellte sich nicht besonders geschickt dabei an, fand Bast. Aber sie sagte nichts dazu, sondern ließ sich auf den niedrigen Hocker sinken und sah sich weiter unverblümt neugierig um. Die einzige andere Sitzgelegenheit, das Bett, wäre bequemer gewesen, aber sie hatte Angst, Faye damit etwas zu signalisieren, was sie ganz bestimmt nicht wollte.

Aber eigentlich wollte sie auch nicht hier sein.

»Der Tee kommt gleich«, sagte Faye. »Ich muss nur noch Wasser holen. Aber bis ich zurück bin, ist das Feuer wahrscheinlich richtig in Gang.«

»Mach dir keine Umstände ...«, begann Bast, aber Faye schnitt ihr nur mit einem Kopfschütteln das Wort ab, klaubte einen verbeulten Teekessel von der Ofenplatte und war aus der Tür verschwunden, bevor sie sie wirklich zurückhalten konnte. Bast wartete, bis sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, dann stand sie rasch auf, ließ sich vor dem Ofen in die Hocke sinken und öffnete die Klappe. Das winzige Flämmchen dahinter drohte allein dadurch beinahe wieder zu erlöschen. Das Feuer war nicht ungeschickt, sondern geradezu dilettantisch aufgeschichtet und würde sich allerhöchstens selbst ersticken, wenn sie nichts tat. Bast fragte sich kopfschüttelnd, wie sie eigentlich den letzten Winter überstanden hatte.