»Was ist?«, fragte Faye alarmiert.
»Nichts.« Bast riss ihren Blick vom Fenster los. Die Dunkelheit dahinter kam ihr massiver vor als noch vor einem Moment; als hätte sie sich in etwas Stoffliches verwandelt, das lautlos gegen das Glas anrannte.
»Nichts«, sagte sie noch einmal. »Ich dachte, ich hätte etwas gehört, aber ich habe mich getäuscht.«
Faye wirkte nicht überzeugt. Sie sah ebenfalls zum Fenster und warf Bast dann einen weiteren, noch unsichereren Blick zu. Schließlich drehte sie sich wieder zum Herd, hängte das Tee-Ei in die Kanne und goss heißes Wasser darauf. Für eine Weile wurde es sehr still.
Als schlechte Köchin hatte sich Faye ja schon selbst bezeichnet, aber ihr Tee war nicht minder grausig; das Wasser war nicht heiß genug gewesen, und sie ließ ihn ungefähr drei Sekunden lang ziehen, bevor sie zuerst ihr und danach sich selbst einschenkte. Bast schluckte tapfer und ohne eine Miene zu verziehen, leerte ihre Tasse aber nur zu einem Drittel, damit Faye nicht etwa auf die Idee kam, ihr nachzuschenken. Die Dunkelheit vor den Fenstern wogte stärker.
»Eigentlich hast du recht«, sagte Faye unvermittelt.
»Womit?«
»Mit Onkel Munro«, antwortete Faye. »Meinem ... Gönner. Vielleicht hätte ich sein Angebot annehmen sollen. Dann wäre mir wenigstens dieser scheußliche Tee erspart geblieben.«
»Na ja, wenn du es schon selbst sagst«, antwortete Bast.
Faye machte ein übertrieben beleidigtes Gesicht, aber das hielt sie gerade einmal einen halben Atemzug durch, dann prustete sie vor Lachen heraus, und auch Bast konnte nicht mehr an sich halten und begann so schallend zu lachen, dass sie ihre Tasse mit beiden Händen festhalten musste. So komisch war die Bemerkung gar nicht gewesen, aber das Lachen löste die Spannung, und es dauerte lange, bis sich beide wieder halbwegs beruhigt hatten. Schließlich nahm ihr Faye kommentarlos die Tasse aus der Hand und stellte sie auf den Tisch. »Ich wollte dich nicht vergiften«, sagte sie. »Aber Hausarbeit hat mir noch nie gelegen.«
»Mir auch nicht«, antwortete Bast wahrheitsgemäß. Ebenso ehrlich fügte sie hinzu: »Ich hätte ihn wahrscheinlich auch nicht besser hingekriegt.«
Fayes Blick wurde nachdenklich, aber der stumme Vorwurf, den Bast bisher darin gesehen hatte, kam nicht zurück, als hätten sie - beide - ohne es zu merken eine Grenze überschritten und sich ein gutes Stück aufeinander zubewegt. »Du bist reich, hab ich recht?«
»Wie kommst du darauf?«, fragte Bast.
»Weil du so redest, wie du redest«, antwortete Faye. »Nur reiche Leute sprechen so. Außerdem ...« Sie machte eine entsprechende Kopfbewegung. »Dein Anhänger. Er ist aus Gold, habe ich recht?«
Bast hob instinktiv die Hand an den Ausschnitt, um den goldenen Skarabäus zu verdecken, dann aber besann sie sich eines Besseren, zog die Kette über den Kopf und hielt sie dem Mädchen hin. Faye starrte sie eine Sekunde lang aus ungläubig aufgerissenen Augen an, ehe sie mit einer fast ehrfürchtigen Bewegung danach griff.
»Das ... ist wunderschön«, murmelte sie. »Und so schwer. Das ist massives Gold, habe ich recht? Es muss wirklich sehr wertvoll sein.«
»Das ist es«, bestätigte Bast. »Aber das Gold stellt den geringsten Wert dar. Es ist uralt, weißt du? Und es befindet sich seit vielen Jahrhunderten im Besitz unserer Familie.« Außerdem war der goldene Skarabäus noch aus einem vollkommen anderen Grund unvorstellbar wertvoll, aber das behielt sie lieber für sich; ebenso wie die kleine Ungenauigkeit, dass es Jahrtausende und nicht Jahrhunderte waren.
Faye drehte den Anhänger noch einen Moment beinahe ehrfürchtig zwischen den Fingern, bevor sie ihn mit deutlichen Anzeichen des Bedauerns zurückgab und zusah, wie Bast die Kette wieder überstreifte.
»Und du meinst also, ich wäre leichtsinnig, weil ich mein Geld hier in der Kiste aufbewahre?«, fragte sie. »In einer Gegend wie dieser ist es auch ziemlich leichtsinnig, mit so etwas Wertvollem herumzulaufen. Willst du überfallen werden?«
Die ehrliche Antwort auf diese Frage hätte Ja gelautet, aber das konnte sie schlecht sagen. Statt überhaupt zu antworten, fragte sie ihrerseits: »Warum wolltest du wissen, ob ich reich bin?«
»Vielleicht weil mich interessiert, was jemand wie du in so einer Gegend sucht«, sagte Faye. »Du hast es nicht nötig, zu kochen, du willst mich nicht ... was suchst du hier?«
»Meine Freundin.«
»Patsy, ich weiß. Aber das ist nicht der einzige Grund, hab ich recht?« Sie schüttelte den Kopf. »Du musst darauf nicht antworten, aber ich habe recht, stimmt's?«
»Vielleicht«, antwortete Bast.
»Also ja«, sagte Faye triumphierend.
Bast gab innerlich auf. Statt zu antworten, wurde sie nun vollends ernst und sagte: »Du musst das hier nicht tun, das weißt du, nicht wahr?«
»Und wenn ich es will?«, gab Faye zurück.
»Willst du es denn?«
Faye dachte tatsächlich einen Moment ernsthaft über diese Frage nach, doch dann nickte sie. »Ich glaube schon. So groß ist die Auswahl für jemanden wie mich nicht. Und es ist besser als vorher.«
»Da hattest du keine Wahl«, antwortete Bast sanft. »Und es ist ein Unterschied, das weißt du.«
»Möglich.« Fayes Blick wurde wieder abweisend, aber diesmal nicht, weil sie zornig auf sie war, sondern weil sie nicht über das Thema reden wollte. »Aber es ist das Beste, was ich kriegen kann.«
»Und wenn es anders wäre?«
Faye legte den Kopf auf die Seite. »Wenn was anders wäre?«
»Du willst das hier noch ... wie lange machen?«
»Bis ich einundzwanzig bin«, antwortete Faye. »Wenn ich vorher irgendwo hingehe und sie mich erwischen, stecken sie mich sowieso nur in irgendein Loch und nehmen mir alles weg.«
»Das ist eine lange Zeit.«
»Nicht so lange wie die vier Jahre auf dem Gutshof«, antwortete Faye. »Was soll das? Warum stellt du mir all diese Fragen?«
»Weil ich nicht glaube, dass du es schaffst«, antwortete Bast geradeheraus. »Und weil ich es sehr schade fände, wenn du so enden würdest wie Liz oder Kate und die anderen. Glaubst du nicht, dass sie auch einmal so gedacht haben wie du? Ein paar Jahre, nur bis wir genug für ein besseres Leben zusammenhaben, und dann hören wir damit auf und fangen irgendwo anders neu an?« Sie schüttelte den Kopf. »Wie viele von ihnen haben es wohl geschafft?«
»Keine Ahnung«, antwortete Faye. »Ist mir auch egal. Ich werde es schaffen.« Sie funkelte sie an. »Was soll das? Wer bist du überhaupt? Eine von diesen Weltverbesserinnen, die rumlaufen, uns Moral predigen und dann wieder in ihre schönen reichen Häuser zurückgehen, wenn es ihnen zu viel wird? Jeden Tag eine gute Tat und so?«
»Meine gute Tat für heute habe ich schon hinter mir«, antwortete Bast lächelnd.
»Was soll dann die Fragerei? Willst du dein schlechtes Gewissen beruhigen?«
Die Wahrheit war so einfach wie selbst für sie überraschend. »Weil ich dich mag«, antwortete sie geradeheraus. »Nein, nicht so, wie du vielleicht meinst. Ich glaube nicht, dass du so bist wie Kate und Marie-Jeanette und die anderen. Aber irgendwann würdest du so sein wie sie, und das würde mir sehr leidtun.«
»Warum? Du kennst mich doch gar nicht.«
Aus demselben Grund, dachte Bast, aus dem Maistowe sich in den Kopf gesetzt hatte, ihr zu helfen, einer vollkommen Fremden, die sie ebenfalls kaum kannte. Weil Menschen so etwas nun einmal taten.
»Das hier ist nicht das Leben, das du führen willst«, sagte sie, statt Fayes Frage direkt zu beantworten. »Ich weiß, du glaubst, du könntest es für ein paar Jahre führen und dann einfach abstreifen, so wie ein schmutziges Kleid, das einem nicht mehr gefällt, und dann einfach ein anderes anziehen. Aber das funktioniert nicht, glaub mir. Das Leben ist zu kurz, um auch nur einen einzigen Tag davon zu verschenken.«
»Klingt ja toll«, sagte Faye spöttisch. »In welchem Buch hast du den Unsinn gelesen?«