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»Ich bin älter, als ich aussehe«, antwortete Bast ernst. »Ich habe es oft genug selbst gesehen.« Sie hob die Hand, als Faye sie unterbrechen wollte. »Du hast recht, weißt du? Ich bin reich. Sehr viel reicher, als du dir vorstellen kannst. Ich kann es mir leisten, mein Gewissen zu beruhigen, einfach so.« Ihr war klar, wie diese Worte klangen, und dass sie möglicherweise das genaue Gegenteil dessen bewirken würden, was sie sollten. Aber dieses Risiko musste sie eingehen; ebenso, wie sie ganz bewusst darauf verzichtete, Faye in ihrer Entscheidung zu beeinflussen. Es musste ihre Wahl sein. »Ich kann dir helfen, hier rauszukommen, wenn du willst. Aber du musst es wollen.«

»Und du?«, fragte Faye, misstrauischer denn je, aber auch ... verwirrt. »Was willst du? Du machst das alles doch nicht nur, weil du ein so guter Mensch bist. Was muss ich dafür tun?«

Natürlich würde sie ihre wahren Gründe nicht verstehen - und wie auch? Bast verstand sie ja selbst nicht wirklich. Sie nahm Zuflucht zu einer kleinen Notlüge. »Wie gesagt: Ich kann es mir leisten, ein guter Mensch zu sein. Außerdem verlangt es meine Religion von mir.«

»Was? Ein guter Mensch zu sein?« Faye lachte, aber es klang nicht echt.

»Anderen zu helfen. Mir wurde beigebracht, dass das Leben heilig ist, und dass wir es schützen müssen. Auch das eines Fremden.«

»Ich verstehe«, sagte Faye. »Mohammed und Allah und so. Du bist Muselmanin.«

»Muslima«, verbesserte sie Bast und schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin etwas ... Älteres.«

Faye schwieg einen Moment, dann noch einen und noch einen, und Bast konnte in ihrem Gesicht lesen, wie es in ihr arbeitete. Natürlich glaubte sie ihr nicht. Wie hätte sie das gekonnt? Sie witterte eine Falle oder fragte sich zumindest, welchen Preis sie wirklich für dieses vermeintlich großzügige Angebot bezahlen musste.

»Und wie ... soll das gehen?«, fragte sie zögernd. »Ich kann hier nicht einfach weg. Wo soll ich hin?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Bast ehrlich. »Aber wir werden eine Lösung finden. Ich bleibe nicht mehr allzu lange in diesem Land, aber so lange können wir gemeinsam darüber nachdenken.«

»Und dann?« Faye wirkte ... enttäuscht. Und trotzig. »Du fährst nach Hause in deinen Palast oder deine Oase, und ich bleibe hier und kann sehen, wie ich zurechtkomme?«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich die Verantwortung für dein Leben übernehme«, antwortete Bast sanft. »Aber ich kann dir helfen, es selbst zu lernen.«

»In einer Woche oder zwei?«

»Manchmal reicht dazu schon eine Stunde«, erwiderte Bast. »Und manche lernen es nie.« Sie seufzte übertrieben. »Bekomme ich noch eine Tasse von diesem scheußlichen Tee?«

»Willst du etwa behaupten, dass er dir schmeckt?«

»Nein«, antwortete Bast. »Aber er ist heiß, und draußen ist es ziemlich kalt.«

Faye tat ihr nicht den Gefallen, zu lächeln oder auch nur die Lippen zu verziehen, drehte sich aber zum Ofen und streckte die Hand nach dem Kessel aus; aber sie führte die Bewegung nicht zu Ende.

Etwas war draußen.

Bast hörte es - was beunruhigend genug war - nur den Bruchteil eines Atemzuges vor ihr, und im ersten Moment vermochte sie es nicht einmal zu identifizieren: Es war ein Schleifen und Klappern, vermutlich Schritte, aber ein Teil von ihr bestand darauf, dass es das Kratzen stahlharter Krallen auf Stein und das Rasseln eiserner Flügel wäre.

»Da ist jemand«, sagte Faye alarmiert, und die Worte verscheuchten die Gespenster. Es waren Schritte. »Jemand kommt - aber um diese Zeit?«

»Weiß irgendjemand, dass du hier wohnst?« Bast stand auf.

»Nur Kate. Aber sie war nur einmal hier, und warum sollte sie ausgerechnet heute ...?«

Bast fand noch Zeit, zu begreifen, dass es keineswegs die Schritte einer Frau waren, die sich der Tür näherten, und dass sie keineswegs vorsichtig waren, aber sie war nicht in der Verfassung, so schnell und vor allem richtig zu reagieren, wie sie es gewohnt war. Die Tür flog so wuchtig auf, dass Faye gerade noch zur Seite springen konnte, um nicht getroffen zu werden, und eine breitschultrige Gestalt erschien unter der Öffnung. Der Teekessel fiel zu Boden und verspritzte heißes Wasser in alle Richtungen. Faye stieß einen kleinen, spitzen Schrei aus, aber Bast konnte nicht sagen, ob vor Schmerz oder Schrecken, und sie selbst wich mit einer einzigen fließenden Bewegung an die Wand zurück und verschmolz mit den Schatten.

»Wo ist sie?«, lallte eine betrunkene Stimme. »Wo ist dieses schwarze Miststück? Ich weiß, dass sie hier ist!«

Es war Roy. Bast hätte ihn allein an seinem Gestank erkannt, aber er wankte in diesem Moment auch vollkommen herein, sodass sein Gesicht in den Lichtschein der kleinen Petroleumlampe geriet. Es war angeschwollen und unter dem linken Auge fast schwarz angelaufen - Bast konnte sich gar nicht erinnern, so hart zugeschlagen zu haben -, und er war so betrunken, dass seine Unterlippe herunterhing und glänzender Speichel über sein Kinn lief.

Aber er war trotzdem schnell. Faye überwand endlich ihren Schrecken und versuchte an ihm vorbei ins Freie zu stürmen, aber er packte sie mühelos und schleuderte sie auf das Bett, während er mit der anderen die Tür zuwarf.

»Nicht so schnell, Kleines«, lallte er. »Wo ist sie?« Sein Blick irrte unstet durch den Raum, blieb für einen winzigen Moment scheinbar direkt auf Basts Gesicht hängen und wanderte dann weiter, ohne sie zur Kenntnis genommen zu haben.

»Ich ... ich weiß nicht, was ...«, begann Faye und brach dann mit einem erschrockenen Keuchen ab, als Roy die Hand hob, wie um sie zu schlagen.

»Lüg mich nich' an, du kleine Schlampe«, grollte er. »Ich weiß, dass sie zusammen mit dir weggegangen ist! Ich habe mit Red gesprochen, und er hat gesagt, ihr wart ein Herz und eine Seele! Hast es mit ihr getrieben, was?«

Immerhin schlug er nicht zu. Faye hob trotzdem die Hände, um ihr Gesicht zu schützen, und kroch auf dem Bett ein kleines Stück vor ihm davon, und nun irrte auch ihr Blick fast verzweifelt durch das winzige Zimmer, und ein Ausdruck absoluter Fassungslosigkeit vertrieb für einen Moment sogar die Furcht von ihrem Gesicht, als sie Bast so wenig sah wie Roy zuvor.

»Sie ... sie ist nicht hier«, stammelte sie. »Ich weiß nicht, wo sie ist. Wirklich! Sie ... sie ist weg!«

»Aber ihr habt's miteinander getrieben, hab ich recht?«, lallte Roy. »Verdammtes schwarzes Weibsstück! Ich hoffe, sie ist auf ihre Kosten gekommen, denn das war das letzte Mal. Ich bring sie um, die blöde Sau!« Er versuchte in die Jackentasche zu greifen, schaffte es erst beim zweiten Mal und zog einen sechsschüssigen Revolver mit schon fast absurd langem Lauf heraus.

»Ich knall das schwarze Weib nieder, wenn ich sie erwische«, lallte er. »Oder dich, wenn du mir nicht sagst, wo sie hingegangen ist!« Er versuchte auf Faye zu zielen, hatte seine Bewegungen aber nicht mehr weit genug unter Kontrolle; vielleicht war die Waffe im Moment auch einfach zu schwer für ihn. Der Lauf schwankte wild umher und zielte überallhin, nur nicht auf sie.

Trotzdem kroch Faye ängstlich noch weiter von ihm weg. »Aber ich ... ich weiß es doch nicht!«, wimmerte sie. »Bitte! Sie war gerade noch hier, das schwöre ich! Noch vor einer Sekunde!«

»Ach, dann ist sie wohl an mir vorbei, ohne dass ich sie gesehen habe, wie?«, kicherte Roy. »Ja, sicher, so muss es gewesen sein. Schließlich ist sie ja schwarz wie die Nacht.«

»Aber ich weiß doch wirklich nicht, wo ...«

»Auch gut, dann knall ich eben zuerst dich ab«, lallte Roy. Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht, und noch mehr Speichel lief aus seinem Mund und tropfte an seinem Kinn hinab. »Aber zuerst zeigst du mir, was du von der schwarzen Schlampe gelernt hast.« Er begann an seinem Gürtel zu fummeln, aber seine betrunkenen Finger waren dieser komplizierten Aufgabe nicht gewachsen; was vielleicht auch daran lag, dass das handbreite Lederband durchgerissen und mit einem groben Hanfstrick ziemlich stümperhaft repariert worden war.