»Bitte, Roy!«, wimmerte Faye. »Wir hatten nie Streit, und ...«
»Haben wir auch jetzt nicht«, griente Roy. »Vielleicht lass ich dich ja sogar am Leben, wenn du hübsch brav die Beine breitmachst.«
»Das reicht!«
Bast trat mit einem lautlosen Schritt aus dem Schatten hervor und maß Roy mit einem eisigen Lächeln. Er erwiderte ihren Blick blöde und schien gar nicht zu begreifen, was er sah, aber Fayes Augen quollen vor Unglauben und Entsetzen schier aus den Höhlen, und ihr Gesicht verlor auch noch das allerletzte bisschen Farbe. »Lass sie in Ruhe, Roy. Du willst doch gar nichts von ihr. Oder hast du es wirklich nötig, dich an Kindern zu vergreifen?«
Roy blinzelte, und in seinen Augen dämmerte allmählich die Erkenntnis, dass irgendetwas hier nicht so war, wie es sein sollte. Er versuchte die Pistole zu heben, aber er wackelte auch jetzt nur wüst damit hin und her, und allem Anschein nach hatte er jetzt sogar Mühe, zu stehen. Bast beging trotzdem nicht den Fehler, ihn zu unterschätzen. Eine versehentlich abgefeuerte Kugel war genauso tödlich wie ein gezielter Schuss, wenn sie traf. Außer wenn sie wirklich sehr großes Pech hatte, würde sie auch eine Pistolenkugel nicht töten oder auch nur nennenswert aufhalten - aber da war immer noch Faye, und niemand konnte sagen, wozu Roy in diesem Zustand fähig war.
»Nimm die Pistole runter, Roy«, sagte sie ruhig. »Ich bin nicht hier, um Streit mit dir anzufangen.«
Roy ließ gehorsam den Arm sinken, und nun erschien ein Ausdruck vollkommener Verblüffung auf seinem verquollenen Gesicht. Vielleicht begann er sich allmählich zu fragen, wo sie überhaupt herkam ... aber wahrscheinlich wunderte er sich einfach, warum seine rechte Hand nicht tat, was er von ihr wollte.
»Steck das Ding weg«, sagte sie. Roy gehorchte. Aus seiner Verwirrung wurde ... Angst?
»Irgendwie ist die Sache zwischen uns von Anfang an nicht gut gelaufen«, fuhr Bast fort, während sie langsam auf ihn zuschlenderte. »Ich schätze, es war von Anfang an ein großes Missverständnis.«
Roy wollte etwas sagen, aber das ließ sie nicht zu, so wenig, wie sie die Ketten lockerte, an denen das Ungeheuer in ihr zerrte und heulte. Noch nicht. Aus dem verwirrten Staunen in Roys Augen wurde blankes Entsetzen.
»Aber ich glaube, ich weiß jetzt, was du wirklich willst«, fuhr sie lächelnd fort. »Warum hast du das nicht gleich gesagt? Das hätte uns beiden eine Menge Ärger erspart.«
Roy starrte sie einfach nur weiter an. Selbst wenn sie seinen Willen losgelassen hätte, wäre er wahrscheinlich nicht imstande gewesen, auch nur ein einziges Wort zu sagen - aber sie hütete sich natürlich, das zu tun.
»Faye, weißt du, wo Kate wohnt?«, fragte sie. »Oder Marie-Jeanette?«
»Im ... St. Catherine's House«, antwortete Faye stockend. »Warum?«
»Weißt du, wo das ist?«
»Nicht weit von hier, ja, aber ....«
»Dann geh dorthin und frag sie, ob du heute Nacht bei ihnen bleiben kannst«, unterbrach sie Bast, während sie ihren Mantel abstreifte. »Roy und ich haben etwas zu ... besprechen.«
VIERTES Kapitel
Obwohl die Tür geschlossen war und vor dem schmalen Fenster noch immer vollkommene Dunkelheit herrschte, drangen gedämpfte Laute und ein gelegentliches Aufblitzen von gelbem Licht nicht nur durch das Fenster, sondern auch durch ihre geschlossenen Lider, sonderbarerweise aber nicht ganz in ihr Bewusstsein. Sie fühlte sich beobachtet und auf eine unangenehme Weise sowohl schwere-, als auch körperlos. Und auf eine grässliche Weise isoliert und so einsam wie nie zuvor. Etwas - jemand? - schien alles, was sie ausmachte, in einen bodenlosen schwarzen Abgrund gestoßen zu haben, in dem nichts anderes Bestand hatte als Einsamkeit. Und da war immer noch das Gefühl, angestarrt zu werden. Auf eine wirklich nicht angenehme Art.
Bast versucht die Augen zu öffnen, aber nicht einmal das gelang ihr im allerersten Moment. Sie fühlte sich ... benommen, aber auf eine sonderbare, schon lange nicht mehr erlebte Art. Matt, aber nicht erschöpft. Aber sehr matt. Wie nach einer ... Unsinn!
Der bloße Ärger über ihre eigenen, vollkommen unsinnigen Gedanken gab ihr die Kraft, die Augen zu öffnen und einen Anblick zu genießen, der fast noch absurder war als das, was sie gerade gedacht hatte: Ein schmales Gesicht, das irgendwie zugleich einer reifen Frau wie einem zornigen Kind zu gehören schien und sie missmutig musterte. Was für ein verrückter Traum!
Wenn es denn ein Traum war.
»War es das, was du wolltest?«, fragte Faye. Bast verstand nicht, was sie meinte.
Jedenfalls nicht, bis sie den Kopf in den zerschlissenen Kissen drehte und in ein feistes, auf einer Seite unförmig angeschwollenes Gesicht blickte, das sie aus halb geöffneten und vollkommen leeren Augen ansah.
Bast fuhr mit einem so plötzlichen Ruck hoch, dass ihr prompt schwindelig wurde und das ganze Zimmer rings um sie herum zu schwanken begann.
Vielleicht war sie es auch, die wankte.
Schlaftrunkenheit war etwas, das sie praktisch nicht kannte; vielleicht empfand sie sie daher als umso schlimmer. Aber vielleicht lag es auch nur an ihrer Schwäche. Wie viel auch immer sie von Roy hatte nehmen können, es konnte kaum gereicht haben, um ihren Hunger auch nur halbwegs zu stillen. Aber immerhin hatte es Schlimmeres verhindert.
Seltsamerweise fühlte sie sich nicht hungrig und auch nicht schwach.
Bast lauschte in sich hinein, aber der wühlende Hunger war nicht mehr da. Er war nicht vollkommen verschwunden, aber er war auch längst nicht mehr so unerträglich und qualvoll wie vergangene Nacht.
Wenn es denn überhaupt schon die vergangene Nacht war.
Sie schüttelte die Benommenheit ab, so gut sie konnte, und setzte sich noch weiter auf. Die dünne Decke, unter der sie aufgewacht war, rutschte endgültig von ihren Schultern und fiel zu Boden, und sie spürte erst jetzt, wie eisig es hier drinnen war. Das Feuer in dem kleinen Ofen war längst erloschen, und es war nicht nur kalt, sondern auch feucht, was es besonders unangenehm machte. Sie war in Roys Arm aufgewacht, der von ihrer Schulter geglitten war, als sie sich aufrichtete, und ihr Oberschenkel berührte noch immer sein Bein, aber auch seine Haut war kalt und fühlte sich so unangenehm an wie nasser Ton.
Vor dem Fenster lastete noch immer vollkommene Schwärze, was bedeutete, dass die Dämmerung noch mindestens eine halbe Stunde entfernt war, aber manchmal brach sich ein vereinzelter Lichtstrahl auf dem gesprungenen Glas, und sie hörte noch immer Stimmen und andere, gedämpfte Geräusche. Rings um sie herum erwachte die Stadt.
»Du hast mir nicht geantwortet.«
Bast drehte mühsam den Kopf und blickte ins Fayes Gesicht - in der ersten Sekunde vollkommen verständnislos, und dann umso erschrockener, als sie erstens begriff, dass Faye schon die ganze Zeit neben dem Bert gestanden und sie angestarrt hatte, und zweitens, dass sie es einfach vergessen hatte, wenigstens für diesen Moment.
»Und ich habe dir beinahe geglaubt«, fuhr Faye fort. »Dieses ganze moralische Gequatsche und dass ich meine Zukunft selbst bestimmen und darauf achten soll, meine Seele nicht zu verletzen, und weißt du was? Beinahe hätte ich dir sogar geglaubt! Dabei willst du auch nichts anderes als all die anderen, die hierherkommen.«
Bast verstand die Bitterkeit in ihrer Stimme nicht, aber sie war eigentlich auch noch viel zu benommen, um wirklich darüber nachzudenken. Schlaftrunken schwang sie die Beine von der schmalen Liege, schauderte sichtbar, als ihre Fußsohlen die eisigen Dielen berührten und reckte sich dann ungeniert und ausgiebig. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Faye ihren Körper ebenso ausgiebig - und ebenso ungeniert - betrachtete, aber sie empfand keine Scham. Ganz gleich, was sie wirklich sein mochte, spätestens seit dem vergangenen Abend war Faye für sie ein Kind und würde das wahrscheinlich auch immer bleiben, und wenn sie eines Tages achtzig sein würde.