»Haben sie dich im St. Catherine's nicht aufgenommen?«, erkundigte sie sich, während sie sich nach ihrem Kleid bückte.
»Das St. Catherine's House ist nur für Frauen, die keine Wohnung haben«, antwortete Faye. »Aber sie haben mir einen heißen Tee gemacht, und ich konnte ein paar Stunden bleiben. Sie hätten mich noch länger bleiben lassen, aber ich war in Sorge um dich.«
»Also bist du zurückgekommen.« Bast schlüpfte in ihr Kleid, strich es mit beiden Händen glatt und verzog angewidert das Gesicht, als ihre Finger durch schmierige Nässe glitten. Blut? Seltsam - sie hatte eine Menge mit Roy angestellt, aber sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er dabei geblutet hatte ... dann wurde ihr klar, dass es eher von Bens zertrümmertem Nasenbein stammte. Ein flüchtiges Gefühl von Bedauern überkam sie, als sie an den hässlichen Zwischenfall vom vergangenen Abend zurückdachte. Ben hatte letztlich nur getan, wofür er bezahlt wurde, und irgendwie ... war er kein wirklich übler Kerl. Sie hoffte, dass sie ihn nicht allzu sehr verletzt hatte.
Rasch und ohne dass Faye es bemerkte, wischte sie sich die Hände an ihrem Gewand ab und fuhr fort, als wäre nichts geschehen: »Und was hättest du getan, wenn ich in Gefahr gewesen wäre? Ihn niedergeschlagen?«
»Wohl kaum«, schnappte Faye. »Aber ich hätte dir ... ach, verdammt, ich weiß es nicht, aber ich hätte versucht, irgendwas zu tun. Aber das war ja nicht nötig, nicht wahr?«
»Nein, war es nicht«, antwortete Bast kühl. Ganz plötzlich, von einem Atemzug auf den nächsten, ging ihr Fayes Benehmen auf die Nerven. Was fiel diesem dummen Kind ein? Sie benahm sich, als wäre sie ihre Mutter, die sie mit dem Kohlenmann im Bett erwischt hatte!
Ärgerlich wandte sie sich um, ging zur Kommode und wusch sich mit dem abgestandenen Wasser in der Schüssel Hände und Gesicht. Es war eiskalt und schon nicht mehr sauber gewesen, als sie gestern Nacht gekommen war, aber an ihren Fingern klebte jetzt wenigstens kein Blut mehr, das Faye Anlass zu weiteren dummen Fragen geben würde.
»Nein, das war wirklich nicht nötig!«, schnaubte Faye. »Verdammt noch mal, was hast du eigentlich mit ihm gemacht? Der Kerl ist ja fast tot!«
»Mit ihm gemacht? Möchtest du Einzelheiten wissen, Kleines, oder ...« Wieso fast? Bast starrte das dunkelhaarige Mädchen eine halbe Sekunde lang verständnislos an, dann fuhr sie herum, war mit einem einzigen Schritt neben dem Bett und beugte sich über die reglose Gestalt darauf.
Roy lag noch immer in vollkommen unveränderter Haltung da, mit offenen Augen und leerem Blick, und sein Atem ging so flach, dass man schon sehr genau hinsehen musste, um überhaupt zu sehen, dass er noch atmete.
Aber er atmete, und das hätte er eigentlich nicht gedurft.
Bast beugte sich weiter vor, zog die Decke zurück und legte die flache Hand auf Roys Brust. Sein Herz schlug sehr langsam, vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig Mal in der Minute, aber es schlug, und seine Haut war warm.
»Er ... lebt?«, murmelte sie.
»Natürlich lebt er ... so gerade noch!«, sagte Faye. »Hast du was anderes erwartet?« Sie kam zornig näher. »Aber hättest du vorher gesagt, was du vorhast, dann hätte ich Miete für das Zimmer verlangt!« Sie klang wütend, so viel wütender, als selbst angesichts dieser Situation erklärbar schien, dass Bast überrascht aufsah. Sie erkannte dieselbe Wut auf ihrem Gesicht, die auch in ihrer Stimme zu hören war, aber darunter verbarg sich auch ein nur noch mühsam beherrschter Schrecken. Sie lachte nervös. »He, einen Moment lang hast du wirklich gedacht, er wäre tot, wie? Also wenn ich es nicht schon vorher gewusst hätte, dass Patsy wirklich deine Freundin ist, dann würd ich dir spätestens jetzt glauben.«
»Wieso?«, fragte Bast. Sie hatte fast Mühe, dieses einzelne Wort auszusprechen. Roy war ganz eindeutig am Leben ... aber das hätte er nicht gedurft! So hungrig, wie sie gewesen war, hätte sie sich nicht einmal mehr gewundert, wenn sie Roy wirklich aufgefressen hätte!
»Warum? Sag nicht, du weißt nichts von Patsys Todesküssen.«
»Patsys ... Todesküssen?«
»Es heißt natürlich nur so«, beeilte sich Faye zu versichern.
Anscheinend war der Schrecken, den dieses Wort Bast eingejagt hatte, deutlich in ihrer Stimme zu hören gewesen. »Ein paar von den Jungs haben es so genannt.«
»Was?«
»Patsy macht das nicht oft, nur wenn sie einen Kerl nicht leiden kann ... oder er ganz besonders aufdringlich ist. Aber ich hab's einmal gesehen. Der Bursche wollte einfach keine Ruhe geben, bis Patsy ihm nicht wenigstens einen Kuss geben würde. Und dann hat sie ihn geküsst.« Sie hob die Schultern. »Der Kerl ist zusammengebrochen wie vom Blitz getroffen. Hat kaum noch geatmet, und es hat über eine Stunde gedauert, bis er wieder zu sich gekommen ist ... und mehr als zwei, bis er auch nur wieder so weit auf den Beinen war, um nach Hause zu wanken. Hab den Kerl seither nie wieder hier im East End gesehen.«
»Ja, das klingt ganz nach ihr«, murmelte Ben.
»Bringst du mir den Trick bei?«, fragte Faye. »Damit könnte ich hier ganz groß rauskommen.« Als sie keine Antwort bekam, beugte sie sich tiefer über Roy, sah ihm aufmerksam ins Gesicht und tastete schließlich mit den Fingerspitzen nach seiner Halsschlagader, wie um sich davon zu überzeugen, dass er auch tatsächlich noch lebte.
»Ich muss jetzt gehen«, sagte Bast. »Es wird schon bald hell.«
»Und du musst vor Tagesanbruch wieder zu Hause sein, weil Sonnenlicht für dich tödlich ist«, vermutete Faye. »Was bist du - so 'ne Art Vampyr?«
»Nein«, antwortete Bast ernst. »Woher kennst du dieses Wort?«
»Stell dir vor, ich kann lesen«, antwortete Faye schnippisch. »Ich liebe diese deutschen Schauergeschichten. Aber ich glaube nicht, dass es so was wirklich gibt.«
»Und damit hast du auch recht«, antwortete Bast. »Aber ich muss jetzt wirklich gehen. Ich bin schon viel zu lange hier. Ich habe meiner Zimmerwirtin versprochen, mich um etwas zu kümmern.«
»Und den lässt du hier ...«, Faye machte eine Kopfbewegung auf Roy, »... damit ich mich mit ihm amüsieren kann, wenn er wach wird?«
»Natürlich nicht!« Bast riss die Decke endgültig herunter und gab Faye zugleich mit einer Kopfbewegung zu verstehen, sich nach Roys Kleidern zu bücken, die überall im Zimmer herumlagen - genauer gesagt, seine Jacke, das zerschlissene Hemd und seine Schuhe. Socken und Hose hatte er nicht mehr ausbekommen, bevor sie ihn auf das Bett hinabgezerrt hatte. Sie schlabberte um seine Knöchel, was einigermaßen lächerlich aussah ... was allerdings auch schon fast alles war, was lächerlich an ihm wirkte. Dass Roy ein außergewöhnlich großer und kräftiger Bursche war, hatte sie schon vorgestern auf den ersten Blick gesehen, aber so, wie er jetzt dalag, vollkommen entspannt ohne den brutalen Ausdruck, den er anscheinend bewusst auf sein Gesicht zwang, war er durchaus gut aussehend und überdurchschnittlich gut gebaut, in jeder Hinsicht.
Bast lauschte einen Moment lang in sich hinein, aber alles, woran sie sich - flüchtig - erinnerte, war seine kurze, aber unerwartet kräftige Umarmung und das unendlich erleichternde Gefühl, ihn zu nehmen, seine Kraft aus ihm herauszureißen und ihr eigenes, immer schneller schwindendes Reservoir damit aufzufüllen. Roy - ohne Roy in seinem Kopf - wäre vielleicht gar kein so übler Kerl gewesen; wäre er in einer anderen Stadt, unter anderen Bedingungen oder in einer anderen Zeit geboren, vielleicht wäre er sogar zu jemandem geworden, den sie hätte mögen können. Für einen Moment empfand sie nichts als Mitleid beim Anblick seines kräftigen Körpers und des entspannten Gesichts, und für denselben Moment sah sie beinahe den Mann vor sich, der er hätte werden können, nicht der, zu dem ein teilnahmsloses Schicksal ihn gemacht hatte.