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»Wenn du noch das eine oder andere mit ihm vorhast, kann ich auch gern wieder gehen«, sagte Faye schnippisch.

Bast bedachte sie zur Antwort nur mit einem eisigen Blick und forderte sie mit einer ebenso wortlosen Geste auf, ihr dabei zu helfen, Roy wieder anzuziehen. Er wurde nicht wach und gab noch nicht einmal einen Laut von sich, und Faye hörte zwar nicht auf, sie mit einer Mischung aus Verachtung und stummer Empörung anzusehen, wirkte aber zugleich auch immer besorgter. Bast erging es - fast zu ihrem eigenen Erstaunen - nicht anders, und schließlich legte sie die flache Hand auf Roys Stirn und lauschte einen Moment lang konzentriert in ihn hinein. Roys Herz schlug so langsam und schwach, dass sie sich konzentrieren musste, um seinen Puls überhaupt noch zu spüren. Er lebte, aber wie lange noch? Die Flamme war fast erloschen.

Und dann tat sie etwas, was sie selbst vielleicht am allerwenigsten verstand: Sie gab Roy ein wenig von der geraubten Kraft zurück. Nicht viel; nicht einmal annähernd so viel, wie sie genommen hatte, aber doch genug, um aus dem erlöschenden Funken wieder eine Flamme zu machen, die weiter brennen würde.

Roy gab ein halblautes, seufzendes Stöhnen von sich und bewegte den Kopf, wachte aber nicht auf, und Faye sah sie aus großen Augen an. »Was hast du gemacht?«

»Nichts«, antwortete Bast ebenso abweisend wie wenig überzeugend. »Aber ich schätze, dass er bald aufwacht. Weißt du irgendeine stille Ecke, wo wir ihn ablegen können?«

Faye nickte. »Ja, aber ...«

»Dann geh hinaus und sieh nach, ob die Luft rein ist«, fiel ihr Bast ins Wort. »Bevor es hell wird.«

Faye wirkte zwar beinahe noch verärgerter, wandte sich aber gehorsam zur Tür und verschwand für einen Moment auf dem Hof. Als sie zurückkam, wirkte sie besorgt, gab ihr zugleich aber auch mit einem wortlosen Nicken zu verstehen, dass alles in Ordnung war.

»Dann hilf mir.« Bast hätte Roy ohne Probleme allein tragen können, aber Faye war auch so schon misstrauisch genug. Gemeinsam trugen sie ihn aus der Wohnung und über den kleinen Innenhof, wo Faye ihr für einen Moment Roys Gewicht allein überließ, um einen weiteren, sichernden Blick auf die Straße hinauszuwerfen.

»Alles ruhig«, sagte sie, als sie zurückkam. »Aber beeilen wir uns trotzdem lieber. Es wird gleich hell.«

Und es war auch nicht annähernd so ruhig, wie Faye glaubte. Hinter den meisten Fenstern brannte bereits Licht - zum allergrößten Teil Petroleum - und auch ein paar vereinzelte Gaslampen, nicht der flackernde Kerzenschein, der die ärmlichen Wohngegenden kennzeichnete -, und Bast spürte das erwachende Leben überall ringsum. Und sie spürte auch, dass ihnen zumindest ein Augenpaar ebenso überrascht wie misstrauisch folgte. Aber daran konnte sie nichts ändern. Und vielleicht war der Anblick eines bewusstlosen Mannes, der aus dem Haus getragen wurde, in diesem Viertel ja nicht so außergewöhnlich.

Bevor sie die Toreinfahrt verließen, bedeutete sie Faye, Roy auf die Füße zu stellen und sich seinen Arm um die Schulter zu legen; sie selbst ergriff seinen anderen Arm und legte die freie Hand so um seine Hüften, dass sie den allergrößten Teil seines Gewichts stützen konnte. Sollte jetzt jemand aus dem Fenster sehen oder unversehens in die Straße einbiegen, dann würde er nur zwei Frauen erblicken, die einen Betrunkenen nach Hause brachten. Bast tadelte sich selbst im Stillen dafür, nicht gleich auf diesen Gedanken gekommen zu sein.

»Dort drüben.« Faye machte eine Kopfbewegung zur anderen Straßenseite. Die Häuser dort lagen noch in vollkommener Dunkelheit da - seltsamerweise brannte hinter keinem einzigen Fenster dort drüben ein Licht -, aber sie erspähte eine schmale Gasse, die Faye nun ansteuerte. Wie Faye gesagt hatte, war die Straße vollkommen leer, aber sie spürte eine allgemeine Unruhe, die wie eine knisternde Spannung in der Luft lag.

Sie erreichten ihr Ziel unbehelligt. Faye, die bereits unter Roys Gewicht wankte, obwohl Bast den allergrößten Teil davon trug, wollte ihn unverzüglich zu Boden sinken lassen, doch Bast schüttelte nur den Kopf und deutete tiefer in die Gasse hinein. Selbst ihre scharfen Augen erkannten dort nichts außer vollkommener Schwärze, aber sie hörte das erschrockene Pfeifen einer Ratte und dann das hastige Davonhuschen winziger Pfoten.

Die Gasse erwies sich als kaum meterbreite Baulücke zwischen zwei Häusern, die nach einem knappen Dutzend Schritte vor einer windschiefen Bretterwand endete. Faye ließ Roys Arm mit einem hörbaren Seufzer von der Schulter rutschen und sank selbst zitternd gegen die Mauer, während Bast Roy wenig sanft zu Boden sinken ließ und sich fragte, ob die Ratte wohl zurückkommen und sich an der unerwarteten Mahlzeit gütlich tun würde.

»Und ... jetzt?«, fragte Faye atemlos.

»Jetzt gehst du nach Hause«, antwortete Bast, »und ich auch. Mach dir keine Sorgen«, kam sie Fayes nächster Frage zuvor. »Er wird sich an nichts erinnern, wenn er aufwacht.« Wenn er aufwachte. Ganz sicher war sie immer noch nicht.

»Und du?« Faye sah unsicher auf den bewusstlosen Roy hinab. »Ich meine: Kommst du zurück?«

»Ganz bestimmt«, versicherte Bast. »Ich muss immer noch mit Patsy reden.«

»Du hast mit ihr geredet.«

»Aber sie nicht mit mir«, antwortete Bast. »Jedenfalls nicht so, wie ich es mir vorgestellt hätte. Ich muss sie finden und mich eingehend mit ihr unterhalten - und nicht nur für fünf Minuten.« Sie schnitt Faye mit einer Handbewegung das Wort ab, als sie widersprechen wollte. »Geh jetzt. Ich finde dich schon.«

Das war ganz offensichtlich nicht das, was Faye hatte hören wollen, aber Bast gab ihr keine Gelegenheit, noch einmal zu widersprechen, sondern wandte sich rasch um und ging, blieb aber schon nach zwei oder drei Schritten wieder stehen und wandte sich noch einmal zu ihr um. »Wo finde ich einen Wagen?«

»Gleich rechts in der Goulsten Street«, antwortete Faye, »aber ...«

Bast ging weiter, ohne hinzuhören, bog nach rechts ab und gleich an der nächsten Kreuzung abermals nach rechts - und blieb wie angewurzelt wieder stehen. Einen Moment lang überlegte sie ernsthaft, ob sie sich verirrt hatte, oder sie ihre Erinnerungen narrten, denn der Anblick unterschied sich kaum von dem, der sich ihr gestern Abend geboten hatte. Am anderen Ende der Straße hatte sich ein regelrechter Menschenauflauf gebildet. Fackeln und der hektisch hin und her tastende Lichtschein zahlreicher Karbidlampen verhalfen dem Morgen zu einer vorzeitigen Dämmerung, und selbst die kleine Flotte aus Fuhrwerken und Droschken war wieder da, als hätte sie jemand genommen und in exakt gleicher Konstellation hier abgestellt: Jeweils zwei quer gestellte Wagen blockierten die Straße vor und hinter der Menschenmenge, und wer vielleicht diese Barrikade passieren wollte, musste an mindestens zwei von einem guten Dutzend Bobbys vorbei, die peinlich genau seine Personalien notierten, bevor sie ihn gehen ließen; was übrigens längst nicht immer der Fall war. Einer der zahlreichen Wagen war eine massive vierspännige Kutsche mit vergitterten Fenstern, hinter denen sie die Umrisse von mindestens zwei Männern ausmachte, und drei oder vier weitere standen ein Stück abseits und wurden von einer gut doppelt so großen Anzahl missmutig dreinblickender Bobbys bewacht. Anscheinend war es an diesem Abend wirklich nicht ratsam, das East End aufzusuchen, ob mit oder ohne gültige Ausweispapiere.

Zumindest nicht für sie. Bast war ebenso beunruhigt wie neugierig, was dort passiert war, aber sie hatte nicht vergessen, wie es ihr am vergangenen Abend ergangen war, und sie konnte kaum damit rechnen, abermals in letzter Sekunde Beistand von unerwarteter Seite zu bekommen. Etwas war da geschehen, was mindestens genau so schlimm zu sein schien wie der Mord an Liz, wenn nicht schlimmer, und der Anblick dieses gewaltigen Polizeiaufgebotes und der nervösen Menschenmenge beunruhigte sie ebenso sehr, wie er schlicht und einfach ihre Neugier weckte - aber ihre Vorsicht und ihre Instinkte rieten ihr auch nachdrücklich, auf der Stelle kehrtzumachen und zu verschwinden. Und vermutlich hätte sie auch auf ihre innere Stimme gehört, wäre nicht in diesem Moment über den Köpfen der Menschenmenge ein grelles, kalkweißes Licht aufgeflammt; ein gleißender Blitz, der im gleichen Sekundenbruchteil auch schon wieder erlosch, in dem er die Nacht endgültig verjagte, alle Farben auslöschte und die Zuschauer zu tiefenlosen schwarzen Silhouetten werden ließ.