Eine davon war nicht die eines Menschen.
Es war der Schatten eines riesigen Vogels, schwarz, grausam, mit gewaltigen, schimmernden Flügeln, einem grausamen Schnabel und fürchterlichen Fängen, die ...
Das grelle Licht erlosch, und die Dinge wurden wieder zu dem, was sie waren. Der unheimliche Schatten verschwand, aber so unendlich kurz der Moment auch gewesen sein mochte - Bast wusste, was sie gesehen hatte.
Aus ihrem unguten Gefühl wurde Gewissheit, und auch wenn die warnende Stimme ihrer Vernunft keinen Deut leiser geworden war, setzte sie ihren Weg nun doch fort; statt kehrtzumachen und sich zurückzuziehen, bevor irgendjemand auf sie aufmerksam wurde. Sollte das geschehen, würde sie eben zu anderen Mitteln greifen müssen.
Ihr Blick tastete aufmerksam über die zusammengelaufene Menschenmenge, während sie - langsamer werdend - näher kam. Es war genau die Zusammenstellung, die sie erwartet hatte: Männer in derben Kleidern und mit müden Gesichtern, die auf dem Weg zur Arbeit hier vorbeigekommen waren, Neugierige, die der Lärm und die Aufregung angelockt hatten, ein paar übrig gebliebene Zecher oder Freier aus den nahe gelegenen Etablissements und die üblichen Gaffer, die aus den umliegenden Häusern herbeigeeilt waren ... es gab anscheinend nichts, was Menschen mehr erschreckte und zugleich anzog als Gewalt und Tod; vorausgesetzt, sie stießen anderen zu.
Was sie nicht sah, war die unheimliche Gestalt von gerade. Wären die Umstände nur ein bisschen anders gewesen, hätte sich Bast möglicherweise eingestanden, einer simplen Täuschung erlegen zu sein. Auch ihre Sinne waren nicht unfehlbar, und sie hatte wahrlich jeden Grund, nervös zu sein. Sie räumte sogar die Möglichkeit ein, sich tatsächlich getäuscht und in Wahrheit einen Menschen gesehen zu haben, statt eines riesigen Falken; einen Mann in einem schwarzen Mantel und mit Turban und Schwert, aber auch von einem solchen war keine Spur zu sehen.
Bast blieb stehen und lauschte mit allen Sinnen und so konzentriert, wie sie nur konnte, doch alles, was sie empfing, war eine nervöse Mischung aus Entsetzen und morbider Faszination, nur hier und da vielleicht eine Spur von echtem Mitgefühl oder Trauer, aber nicht das, worauf sie wartete.
Das bedeutete nichts. Noch vor wenigen Tagen hätte sie über die bloße Vorstellung gelacht, aber Horus hatte ihr bewiesen, dass er unmittelbar vor ihr stehen konnte, ohne dass sie imstande war, hinter seine Maske zu blicken. Sie wussteeinfach, dass er da war.
»Miss?«
Bast war so sehr in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie den Bobby nicht einmal bemerkt hatte, der sich ihr von hinten genähert hatte. Und es verging noch eine weitere, geschlagene Sekunde, bis sie ihn erkannte.
»Oh, hallo, Konstabler ... Stowe?« Der Bobby nickte, und Bast fuhr mit einem perfekt geschauspielerten nervösen Lächeln fort: »Es tut mir leid, Konstabler, aber ich fürchte, ich habe meine Papiere noch immer nicht ...«
»Darum geht es nicht, Ma'am«, unterbrach Stowe sie höflich, aber entschieden. »Wenn Sie mich freundlicherweise begleiten würden?«
»Begleiten? Wohin?« Für einen Moment überkam sie beinahe so etwas wie Panik. Was um Ras willen wollte Stowe von ihr? Woher wusste sie überhaupt, dass er Stowe war? Was, wenn ...
»Der Inspektor würde Sie gerne sprechen, Ma'am«, antwortete er. Gleichzeitig machte er eine Handbewegung hinter sich, von der Bast nicht sagen konnte, ob sie nun einfach erklärend war oder sich ein Befehl dahinter verbarg. So oder so deutete er auf Abberline, der nur ein kleines Stück entfernt dastand und sich gerade über etwas beugte, das mit einem weißen Tuch abgedeckt war. Es hätte der hässlichen, dunkelbraun eingetrockneten Flecken darauf nicht bedurft, um Bast zu sagen, was sich darunter verbarg.
»Inspektor Abberline?«, erkundigte sie sich überflüssigerweise - und aus keinem anderen Grund als dem, Zeit zu gewinnen. Ihre Gedanken rasten. Irgendetwas stimmte hier nicht. Irgendetwas war hier ganz und gar nicht so, wie es zu sein vorgab. Sie wusste nicht, was, aber eines wusste sie mit jeder Sekunde mehr: Sie sollte nicht hier sein.
»Ich fürchte, er wird darauf bestehen, Ma'am«, antwortete Stowe. »Also kommen Sie bitte mit!«
Bast fragte sich flüchtig, was er wohl tun würde, wenn sie sich weigerte, mit ihm zu kommen, dachte diesen Gedanken aber vorsichtshalber nicht zu Ende. Weder Stowe noch sein Dutzend Kollegen stellten irgendeine Bedrohung für sie dar - nicht mehr, wo ihre Schwäche überwunden und sie nahezu im Vollbesitz ihrer Kräfte war -, aber sie war nicht hierhergekommen, um einen Kleinkrieg mit ihm und der kompletten Londoner Polizei zu beginnen ... und außerdem war sie schlicht und einfach neugierig, was Abberline von ihr wollte. Sie wartete vielleicht noch einen Atemzug länger, als gut war, aber dann nickte sie. »Ganz wie Sie wünschen, Konstabler.«
Stowe starrte eine Sekunde lang verständnislos auf die Hand, die sie ihm hinhielt, dann zuckte er mit den Schultern und wandte sich um, um vorauszugehen. Bast fragte sich, ob er das genaue Gegenteil eines typischen englischen Gentlemans war oder schlichtweg Angst hatte, sie zu berühren. Zu seinen Gunsten nahm sie Letzteres an.
Immerhin sorgte die Autorität seiner Uniform dafür, dass die Gaffer ihnen Platz machten. Die Vorstellung, einen von ihnen auch nur zu berühren, wäre ihr im Moment schon beinahe unerträglich gewesen.
Abberline richtete sich ächzend auf, als sie näher kamen, und drehte sich mit einer unendlich müde wirkenden Bewegung herum. Er sah erschöpft aus, unendlich müde und am Ende seiner Kräfte, nicht nur in körperlicher Hinsicht. Unter seinen Augen lagen schwere, fast schwarze Ringe, und sein Haar war stumpf geworden und hing ihm in Strähnen in die Stirn.
»Miss Bast«, sagte er müde.
»Bast reicht«, antwortete Bast. »Das Miss klingt so offiziell.«
»Bast, gut«, sagte Abberline müde. »Ich fürchte jedoch, dass wir uns leider auch ganz offiziell hier sehen. Ich dachte, Jacob wollte Sie zurück in die Pension begleiten?«
»Das hatte er auch vor«, antwortete Bast. »Aber ich wurde ... aufgehalten.«
»So lange?«
Bast hob zur Antwort nur die Schultern, und zu ihrer Überraschung gab sich Abberline mit dieser Antwort sogar zufrieden; wenigstens für den Moment. Zwei oder drei Atemzüge lang starrte er sie nur an, genauer gesagt einen Punkt ungefähr zwei Handbreit unterhalb ihres Gesichts, und einen Moment lang fragte sie sich ganz ernsthaft - auch wenn das eigentlich nicht zu ihm passte -, ob er ihre Brüste anstarrte.
Dann wurde ihr klar, was es wirklich war.
»Sie sehen recht, Inspektor«, sagte sie kühl. »Das ist Blut. Aber nicht meines.«
»Es stammt von Ben, ich weiß«, unterbrach sie Abberline. Er klang beinahe noch müder. »Maudes Rausschmeißer.«
»Sie sind gut informiert«, sagte Bast anerkennend.
»Das ist mein Beruf«, antwortete Abberline. »Hier im East End geschieht nicht viel, von dem ich nicht weiß. Außerdem kommt es nicht jeden Tag vor, dass jemand dem stärksten Burschen des ganzen Viertels eine blutige Nase verpasst - und das noch dazu mit bloßen Händen. So etwas spricht sich schnell herum.« Er seufzte noch einmal, und noch tiefer, und etwas in seinem Blick ... änderte sich. Bast konnte nicht sagen, was, aber es gefiel ihr nicht.
»Wie gesagt: Sie sind gut informiert«, wiederholte sie.
»Leider nicht gut genug«, erwiderte Abberline. »Sie wissen, was hier passiert ist?«