Bast antwortete mit einer Mischung aus einem Nicken und einem Kopfschütteln - was der Wahrheit auch ziemlich nahekam. Abgesehen von den hässlichen braunroten Flecken auf dem Tuch, unter dem sich deutlich die Umrisse eines menschlichen Körpers abzeichneten, stieg ihr mittlerweile ein deutlicher Blutgeruch in die Nase, und auf einer tieferen Ebene das nur langsam verblassende Echo brutal explodierender Gewalt und sehr großer Angst. Im Stillen bedankte sie sich noch einmal bei Roy. Ohne das, was er ihr gegeben hatte, wäre es vielleicht mehr gewesen, als sie ertragen konnte, und möglicherweise - wahrscheinlich - hätte sie etwas getan, das ... nicht gut war.
Abberline wartete einen Moment lang vergebens auf eine andere Antwort, dann ließ er sich erneut in die Hocke sinken und schlug das Tuch gerade weit genug zur Seite, dass sie das Gesicht darunter erkennen konnte.
»Kate«, murmelte sie. Seltsam - sie war nicht einmal überrascht. Nicht wirklich.
»Sie kennen diese Frau«, stellte Abberline fest. Er klang noch weniger überrascht.
»Das ist Kate, ja«, antwortete Bast. Sie war nicht überrascht, aber sie fühlte sich, als hätte ihr jemand ins Gesicht geschlagen. Und sie glaubte Horus' Blick geradezu zwischen den Schulterblättern zu spüren. Den Spott in seinen Augen.
»Catherine Eddowes, um genau zu sein, ja«, sagte Abberline. »Jeder hier in Whitechapel kennt Kate, genau wie ihre Freundinnen. Polly, Dark Anny, Liz, Marie-Jeanette und Faye. Wie es aussieht, sind nicht mehr viele von ihnen übrig. Wissen Sie, was ich mich frage, Bast? Woher kennen Sie diese Frauen? Soweit ich weiß, sind Sie erst seit zwei oder drei Tagen in diesem Land.«
»Ich kenne sie nicht wirklich«, antwortete Bast. »Eigentlich so gut wie gar nicht. Ich bin gestern kurz mit ihr und den anderen ins Gespräch gekommen, das ist alles.«
»Während Sie auf der Suche nach Ihrer Freundin waren«, nickte Abberline.
»Ja.«
»Waren Sie erfolgreich?«
»Ja und nein«, antwortete Bast ausweichend. »Ich habe sie gefunden, aber unser Gespräch ist leider nicht ganz so verlaufen, wie ich gehofft habe.« Sie runzelte die Stirn. »Was genau wird das, Inspektor? Ein Verhör?«
»Gäbe es denn einen Grund, Sie zu verhören?«, fragte Abberline.
»Sie glauben nicht ernsthaft, dass ich etwas mit diesen Morden zu tun habe, oder?«, fragte sie.
Abberline dachte eindeutig länger über diese Frage nach, als ihr lieb war, aber dann schüttelte er den Kopf. »Nein«, sagte er. »Es sei denn, Sie wären zu so etwas fähig.« Und damit schlug er mit einem Ruck das Tuch endgültig zur Seite.
Irgendwo hinter ihr schrie eine Frau entsetzt auf, und ein mehrstimmiges, erschrockenes Keuchen erklang. Selbst Bast gelang es nicht vollends, ein erschrockenes Zusammenzucken zu unterdrücken. Sie hatte in ihrem Leben eine Menge gesehen, und manches davon war schlimmer gewesen als das, was man Kate angetan hatte ... aber hier in dieser kalten, heruntergekommenen Gasse, umringt von Neugierigen, die aus keinem anderen Grund als dem gekommen waren, sich an dem schrecklichen Bild zu ergötzen und in dem festen Wissen, dass der Mensch, der für all das verantwortlich war, irgendwo ganz in der Nähe war und sie beobachtete, war der Anblick beinahe mehr, als sie ertragen konnte.
Kate war nicht einfach nur tot. Jemand hatte ihr die Kehle durchgeschnitten, aber das hatte ihm ganz offensichtlich noch nicht gereicht. Sie war regelrecht geschlachtet worden.
Und ihr Kopf und ihre Schultern lagen in einer Lache ihres eigenen, erst halb eingetrockneten Blutes, aber ein ungleich größerer, nass glitzernder roter See hatte sich unter ihrem Körper gebildet. Ihr Leib war vom Brustbein bis hinab zur Scham - und durch sie hindurch - säuberlich aufgeschlitzt worden, und so präzise und glatt dieser Schnitt auch war, war zumindest sein oberer Rand brutal ausgefranst, weil jemand die Wunde mit roher Gewalt auseinandergezerrt hatte, sodass der Blick ungehindert in Kates Bauchhöhle und auf ihre Gedärme und ihre inneren Organe und Unmengen von Blut und brutal zerfetztem Gewebe und Muskeln fiel. Bast spürte, wie sich bittere Galle unter ihrer Zunge zu sammeln begann, aber sie beging nicht den Fehler, sie herunterzuschlucken, was alles nur viel schlimmer gemacht hätte. Trotzdem begannen ihre Eingeweide immer heftiger zu rebellieren.
»Haben ... Sie das getan?«, fragte sie mit bebender Stimme.
»Um nachzusehen, was noch da ist?« Abberline schüttelte den Kopf. Er war noch immer sehr blass, aber Bast war jetzt nicht mehr sicher, ob es tatsächlich nur an seiner Müdigkeit lag. Aber ihr entging auch nicht, wie aufmerksam er sie trotz allem im Auge behielt. »Das war nicht notwendig, fürchte ich. Er hat ihre ... inneren Organe entnommen. Wenigstens einige. Welche und wie viele genau, wird uns morgen der Arzt sagen, aber das ist eindeutig seine Handschrift.« Er seufzte matt, schlug die Decke wieder über den schrecklich zugerichteten Leichnam und richtete sich mit einer Bewegung auf, die wie die eines uralten, gebrechlichen Mannes wirkte. »Was für ein Ungeheuer. Aber wenigstens hat er ihr vorher die Kehle durchgeschnitten. Sie dürfte nicht allzu viel gespürt haben.«
Bast schluckte den bitteren Speichel nun doch herunter, atmete hörbar ein und fragte dann mit belegter Stimme: »Warum zeigen Sie mir das, Inspektor?«
»Damit Sie sehen, womit wir es zu tun haben«, antwortete Abberline.
»Und warum sollte ich das sehen?«
»Ich dachte, es würde Ihnen vielleicht helfen, gewisse ... Entscheidungen zu treffen.«
»Was für Entscheidungen sollten das sein?«
Statt sofort zu antworten, wandte sich Abberline um und bedeutete ihr mit einer stummen Geste, ihm zu folgen.
Sie gingen nur wenige Schritte weit, bis sie vor einer brüchigen Ziegelsteinmauer stehen blieben. Abberline winkte einen Konstabler herbei - Bast registrierte beiläufig, dass es Stowe war - und wies ihn mit einer immer noch wortlosen Handbewegung an, seine Lampe einzuschalten und auf die Mauer zu richten. Der weiße Strahl war so gleißend, dass Bast im ersten Moment Mühe hatte, die mit präzisen weißen Kreidebuchstaben gemalten Worte zu entziffern, die jemand auf den nassen Stein geschrieben hatte.
Und als es ihr gelungen war, verstand sie sie nicht.
»›Die Juwes sind nicht die Menschen, die für nichts beschuldigt werden‹«, murmelte sie. »Was hast das zu bedeuten?«
Abberline hob die Schultern. »Ich hatte gehofft, dass Sie vielleicht eine Idee dazu haben könnten«, sagte er.
»Ich?«
»Nein, nicht dass ich auch nur im Entferntesten glauben würde, Sie hätten irgendetwas mit dieser schrecklichen Sache zu tun«, versicherte Abberline hastig; und sehr ehrlich, wie sie spürte. »Jacob Maistowe hat mir erzählt, dass Sie eine weit gereiste Frau mit einer großen Erfahrung in fremden Kulturen und arkanen Bräuchen sind. Bitte verzeihen Sie. Es war ... eine dumme Idee.«
Für Bast hörte es sich eher nach einer verzweifelten Idee an; was ihr wiederum eine Menge darüber sagte, wie sich Abberline wirklich fühlte. Sie wusste nicht viel über diesen Mann, aber er machte einen ehrlichen Eindruck, und sie vermutete, dass er unter alledem hier weit mehr litt, als er nach außen hin eingestand.
Immerhin konnte sie ihm den Gefallen tun, sich die kryptische Inschrift noch einmal anzusehen und nach irgendeinem verborgenen Sinn darin zu suchen. Aber sie fand ihn nicht.
»Es tut mir leid«, sagte sie ehrlich. »Aber für mich ergibt das keinen Sinn. Ich weiß nicht einmal, was das Wort Juwes bedeutet ... allerdings bin ich des Englischen auch nicht so mächtig, wie ich es gerne wäre.«
»Sie sprechen besser Englisch als die meisten Briten, die ich kenne«, versicherte Abberline lächelnd, wurde aber auch sofort wieder ernst und schüttelte den Kopf. »Außerdem kenne ich dieses Wort auch nicht.«
»Es könnte Jews heißen, Sir«, mischte sich Stowe ein. »Juden.«