Abberline sah nicht so aus, als wäre er erbaut über diese ungefragte Hilfe, aber er dachte trotzdem einen Moment angestrengt über diese Möglichkeit nach. Anschließend sah er noch weniger begeistert aus.
»Dann ergäbe es wenigstens so etwas wie einen Sinn«, sagte er düster. »Aber dann hätten wir ein noch größeres Problem, fürchte ich.«
»Wieso?«
Statt zu antworten, dachte Abberline einen weiteren Augenblick lang angestrengt nach, bevor er sich - plötzlich sehr entschlossen - direkt an Stowe wandte. »Holen Sie einen Lappen und entfernen Sie diese Schmiererei, Konstabler«, sagte er.
Stowe riss ungläubig die Augen auf. »Aber Sir! Das ist ...«
»Habe ich mich irgendwie unklar ausgedrückt, Konstabler?«, fiel ihm Abberline ins Wort. Plötzlich klang seine Stimme schneidend.
»Nein, Sir«, antwortete Stowe. »Es ist nur, weil ...«
»Dann tun Sie, was ich gesagt habe, und entfernen Sie das«, unterbrach ihn Abberline erneut. »Und danach nehmen Sie einen Wagen und bringen Sie diese Lady nach Hause. Miss Bast - ich bringe das hier zu Ende und komme dann zu Ihnen. Ich möchte Sie bitten, solange in der Pension auf mich zu warten.«
Insgeheim war sie doch froh gewesen, nicht allein und zu Fuß zur Pension zurückgehen zu müssen; nicht weil sie Angst davor gehabt hätte, allein durch die Straßen dieser verrufenen Gegend zu gehen, oder gar Angst vor der Dunkelheit oder etwas noch Alberneres, sondern weil sie sich schlichtweg selbst nicht traute. Dass die quälende Gier in ihrem Inneren nicht mehr zu spüren war, bedeutete ganz und gar nicht, dass das Ungeheuer auch tatsächlich schlief. Sie wagte nicht zu sagen, was passiert wäre, wäre sie im Morgengrauen einem einsamen Wanderer begegnet.
Was ihr weniger gefiel, war die Art, auf die Stowe sie zurück in Mrs Walshs Obhut brachte - zwar tatsächlich mit einem Wagen, wie Abberline es ihm aufgetragen hatte, aber nicht mit irgendeinem, von denen nun wahrlich genug zur Auswahl standen, sondern mit einem Gefängniswagen, einem der beiden klobigen schwarzen Monster mit den vergitterten Fenstern, die sie vorhin schon bewundert hatte. Zumindest hatte er darauf verzichtet, die Tür von außen zu verriegeln.
Damit hörte seine Rücksichtnahme dann aber auch schon auf.
Bast hatte ihn gebeten, eine Straße vorher anzuhalten, um ihr die Peinlichkeit zu ersparen, in Begleitung eines uniformierten Bobbys aus einem Gefangenentransporter zu steigen, aber er tat nichts dergleichen, sondern lenkte den Wagen ganz im Gegenteil bis unmittelbar vor den Eingang der Pension, und als wäre das allein noch nicht genug, begleitete er sie noch bis zur Tür.
»Das war sehr freundlich von Ihnen, Konstabler«, sagte sie. Sie rührte keinen Finger, um die Tür zu öffnen, obwohl sie wusste, dass sie unverschlossen war. »Aber von hier aus finde ich den Weg allein.«
»Daran zweifle ich nicht, Ma'am«, antwortete Stowe unbehaglich. Er wich ihrem direkten Blick aus. »Aber Inspektor Abberline hat mir ausdrücklich aufgetragen, Sie ... ähm ...«
»Zu bewachen«, half Bast aus, als er nicht weitersprach, sondern plötzlich etwas ungemein Interessantes auf seinen Schuhspitzen entdeckt zu haben schien. »Wozu genau? Um mich vor irgendetwas zu beschützen, vor dem ich nicht beschützt werden muss, oder um sicherzugehen, dass ich nicht verschwinde?«
»Das hat er nicht gesagt, Ma'am«, erwiderte Stowe kühl. »Mein Befehl lautet nur, hier bei Ihnen zu warten, bis der Inspektor nachkommt.«
Bast dachte einen ganz kurzen Moment lang daran, ihn trotzdem fortzuschicken. Sie hätte es gekonnt, ohne die geringste Mühe - aber damit hätte sie nicht nur Abberlines Misstrauen neue Nahrung gegeben, sondern auch Stowe Schwierigkeiten bereitet, und beides wollte sie nicht.
Die Tür ging auf, und Mrs Walsh, die offensichtlich jedes Wort gehört hatte, sagte kühclass="underline" »Dann sollten Sie Ihre Pflicht auch tun, Konstabler. Aber tun Sie auch mir einen Gefallen und parken Sie dieses schreckliche Gefährt nicht direkt vor meiner Tür. Meinen Gästen dürfte das nicht gefallen, und ich möchte auch kein Gerede in der Nachbarschaft.«
Stowe wirkte für einen Moment unentschlossen und fast ein wenig hilflos, dann aber drehte er sich schon beinahe hastig um und eilte davon, um den Wagen anderswo zu parken.
»Wir müssen uns unterhalten, meine Liebe«, sagte Mrs Walsh kühl. »Jacob und ich haben Ihnen zwar unsere Hilfe angeboten, aber ich fürchte, Sie legen dieses Angebot ein wenig zu großzügig aus.«
»Das mit dem Konstabler tut mir leid«, sagte Bast. »Es lag nicht in meiner Absicht ...«
»Das meine ich nicht«, antwortete Mrs Walsh. Sie trat einen Schritt zurück und zog die Tür dabei weiter auf, um Bast an sich vorbeizulassen, und sie gehorchte schweigend.
In dem kleinen Salon brannte Licht, obwohl es draußen mittlerweile hell geworden war, und im Kamin brannte ein behagliches Feuer. Der kleine Tisch davor war verwaist, aber das Teeservice darauf bewies, dass Maistowe und Mrs Walsh in dieser Nacht offenbar ebenso wenig Schlaf gefunden hatten wie sie. Mrs Walsh geleitete sie wortlos zum Tisch, bedeutete ihr mit einer fast befehlenden Geste, Platz zu nehmen und verschwand mit schnellen Schritten in der Küche, um einen Augenblick später mit einer sauberen Tasse zurückzukommen.
»Wie geht es Cindy?«, fragte Bast.
Mrs Walsh hob die Teekanne, sah sie fragend an und ignorierte Basts ablehnendes Kopfschütteln, indem sie ihr dennoch einschenkte. Erst dann antwortete sie: »Das Mädchen, meinen Sie? Es schläft. Es war nicht leicht, es zu beruhigen, aber am Ende ist es mir schließlich gelungen. Jacob ist jetzt oben bei ihr und passt auf.« Sie seufzte. »Wir hätten Sie früher zurückerwartet, meine Liebe.«
»Ich weiß, und es tut mir auch leid«, sagte Bast. »Ich wollte Kapitän Maistowe und Ihnen bestimmt keine Schwierigkeiten bereiten, aber ich ... wurde aufgehalten.«
»Ja, das scheint mir auch so.« Mrs Walsh warf einen bezeichnenden Blick zur Tür. »Hat Sie dieser Gentleman wegen des Mädchens begleitet?«
»Cindy?« Bast schüttelte den Kopf. »Nein. Keine Sorge, Mrs Walsh. Es hat nichts damit zu tun. Ich fürchte, es hat einen weiteren Mord gegeben.«
»Ich weiß«, antwortete Mrs Walsh. »Jacob hat mir davon erzählt.«
»Nein, das meine ich nicht«, sagte Bast. »Noch einen Mord. Vor vielleicht einer Stunde.«
»Einen zweiten Mord? Den zweiten in nur einer Nacht?« Mrs Walsh riss die Augen auf. »Großer Gott! In was für Zeiten leben wir nur? Aber, wenn Sie mir die Frage verzeihen, was haben Sie damit zu tun?«
»Nichts«, versicherte Bast hastig. »Vielleicht kam es Inspektor Abberline einfach nur seltsam vor, dass er mich zweimal in einer Nacht getroffen hat, noch dazu unter solchen Umständen. Aber es wird sich alles aufklären, keine Sorge. Der Inspektor hat versprochen, noch vorbeizukommen.«
»Das will ich hoffen«, sagte Mrs Walsh ernst. »Es tut dem Ruf meines Hauses nicht gut, wenn die Polizei hier ein- und ausgeht.«
Das Klappen einer Tür hielt Bast davon ab, zu antworten. Sie sah zur Treppe und erblickte Maistowe, der mit hängenden Schultern die Stufen herunterkam. Er sah müde aus und sehr erschöpft, und Bast erschrak ein bisschen. Manchmal vergaß sie, dass normale Menschen regelmäßig in jeder Nacht Schlaf brauchten.
»Ah, Bast, da sind Sie ja.« Er sparte es sich, ein endlich hinzuzufügen, aber es klang trotzdem so, als hätte er es getan.
»Wie geht es der Kleinen?«, fragte Bast rasch und stand auf, doch Maistowe schüttelte den Kopf und hob die Hände, während er mit schleppenden Schritten weiter die Treppe herunterkam.
»Sie schläft jetzt, und Sie sollten sie auch schlafen lassen«, sagte er. »Es war nicht leicht.«
»Das Opium?«, fragte Bast. Maistowe schüttelte den Kopf, und sie sah aus den Augenwinkeln, wie Mrs Walsh die Stirn runzelte und plötzlich noch besorgter aussah; und auch ein wenig verärgert. Offensichtlich hatte Maistowe ihr alles erzählt.