»Nein«, antwortete Maistowe »Die Wirkung hat schon vor Stunden nachgelassen. Danach wollte sie unbedingt weg.«
»Weg?«
»Zurück zu Maude«, seufzte Maistowe. »Man mag es kaum glauben.«
»Dann möchte ich sie trotzdem sehen«, sagte Bast entschieden. »Keine Sorge - ich wecke sie nicht auf. Ich möchte sie nur sehen.«
»Um was zu tun?«, fragte Mrs Walsh. »Verzeihen Sie, meine Liebe, aber ich halte es trotzdem für besser, wenn wir uns zuerst einmal unterhalten.«
Bast zögerte zwar noch einen Moment, nahm dann aber wieder Platz. Sie würde es spüren, wenn Cindy erwachte, auch durch die geschlossene Tür hindurch. Auch Maistowe setzte sich und griff mit einer leicht zitternden Hand nach seiner Teetasse, und Mrs Walsh sah sie mit einer Mischung aus Sorge und leisem Vorwurf an.
»Ich nehme an, Sie wollen zu ihr, um sie von ihrem närrischen Entschluss abzubringen, wieder in dieses grässliche Haus zurückzugehen.« Mrs Walsh machte eine unwillige Geste, obwohl Bast gar nicht hatte widersprechen wollen. »Ich bin ziemlich sicher, dass Sie Mittel und Wege haben, auch wenn ich mir nicht einmal vorzustellen vermag, wie ... und es ehrlich gesagt auch gar nicht will. Ich will Ihnen auch gar keine Vorwürfe machen. Jacob hat mir alles erzählt. Ich an Ihrer Stelle hätte vielleicht dasselbe getan - wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre, natürlich, heißt das. Aber wie soll es nun weitergehen mit diesem Mädchen? Ich meine: Haben Sie darüber nachgedacht, was nun mit ihr geschehen soll?«
Die ehrliche Antwort auf diese Frage lautete nein, und Bast sagte das auch.
»Ja, das dachte ich mir.« Mrs Walsh seufzte tief und kam ihrem Widerspruch mit einem abermaligen Kopfschütteln zuvor. »Um es noch einmal zu sagen: Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Aber die Lage ist leider sehr kompliziert. Natürlich mussten Sie das arme Kind da wegholen, kein Zweifel, aber was soll nun mit ihr geschehen?«
»Ich hatte gehofft, dass sie erst einmal hierbleiben könnte«, antwortete Bast.
»Das kann sie selbstverständlich«, antwortete Mrs Walsh. »Aber für wie lange? Dies ist ein anständiges Haus. Ich bin gerne bereit, mich ein paar Tage um sie zu kümmern und sie ein wenig zu bemuttern und aufzupäppeln. Aber irgendwann ...« Sie machte eine hilflose Geste.
»Ich verstehe«, seufzte Bast. »Sie kann nicht auf Dauer hierbleiben, das ist mir klar.«
»Nein«, bestätigte Mrs Walsh. »Ich fürchte nicht. Zumindest nicht auf unbegrenzte Zeit. Für ein paar Tage vielleicht ... aber nicht auf Dauer, nein.«
»Sie müssen Gloria verstehen, Bast«, sagte Maistowe. »Sie ist keineswegs herzlos oder egoistisch, aber sie ist ...«
»... eine anständige Frau, die versucht, ein anständiges Leben zu führen«, fiel ihm Mrs Walsh ins Wort. »Ich weiß, dass die Welt da draußen schlecht ist, Miss Bast, und ich tue, was in meinen bescheidenen Kräften liegt, die Schlechtigkeit einzudämmen. Aber ich kann mein Haus nicht auch noch zu einem Heim für gefallene Mädchen machen, deren unsittlicher Lebenswandel vielleicht erzwungen sein mag, aber ...«
»Schon gut«, unterbrach sie Bast. »Sie haben vollkommen recht, Mrs Walsh. Ich habe nicht nachgedacht. Mein Fehler. Es tut mir leid.«
Mrs Walsh lächelte milde. »Das muss es nicht. Wie gesagt: Ich an Ihrer Stelle hätte wahrscheinlich nicht anders gehandelt, aber ...«
Die Tür ging auf, und Konstabler Stowe kam herein. Mrs Walsh brach mitten im Wort ab und sah beinahe verärgert aus, aber Bast war über das plötzliche Auftauchen des Bobbys geradezu erleichtert.
Maistowe hatte sich überrascht von seinem Stuhl erhoben. »Konstabler?«
»Konstabler Stowe - Kapitän Maistowe.« Bast machte eine erklärende Geste. »Sie kennen sich ja bereits.«
»Ja, sicher«, antwortete Maistowe verstört. »Aber ...«
»Der Konstabler war so freundlich, mich nach Hause zu begleiten«, erklärte Bast. »Anscheinend war Inspektor Abberline der Meinung, dass es so sicherer sei.« Sie winkte Stowe herbei, stand auf und bot ihm aus der gleichen Bewegung heraus ihren Platz an, während sie sich zugleich wieder an Mrs Walsh wandte. »Lassen Sie uns später darüber reden. Wir sind alle müde und könnten etwas Schlaf gebrauchen ... sobald Inspektor Abberline wieder gegangen ist, heißt das.«
»Abberline?«, fragte Maistowe überrascht.
»Wir warten auf ihn«, bestätigte Bast. »Er wollte nachkommen, sobald seine Untersuchungen abgeschlossen sind, und ich vermute, es wird auch nicht mehr allzu lange dauern.« Sie warf Stowe einen fragenden Blick zu, auf den dieser allerdings nur mit einem hilflosen Schulterzucken reagierte. Er rührte sich jedoch auch nicht von der Stelle, um ihrer Einladung zu folgen.
»Inspektor Abberline kommt her?«, fragte Maistowe.
Bast gab keine weitere Erklärung ab, sondern trat im Gegenteil nur vollends vom Tisch zurück und wandte sich zur Treppe. »Konstabler Stowe, seien Sie doch so freundlich und erklären Sie Kapitän Maistowe, was passiert ist. Ich möchte nach dem Mädchen sehen und ein wenig ausruhen. Bitte rufen Sie mich, wenn der Inspektor eintrifft.«
Abberline kam erst kurz vor Mittag, aber damit hatte Bast insgeheim auch gerechnet. Sie war auch nicht überrascht gewesen, als ihre feinen Sinne ihr verraten hatten, dass Mrs Walsh und nur eine kleine Weile später auch Maistowe friedlich in ihren Sesseln vor dem Kamin eingeschlafen waren; vielleicht schon etwas mehr, als gar nicht lange danach auch Stowe der behaglichen Wärme und Stille erlag und wegzudämmern begann - schließlich war auch er nur ein Mensch und die ganze Nacht auf den Beinen gewesen.
Sie selbst schlief nicht, sondern hielt die ganze Zeit neben Cindys Bett Wache, obwohl es nicht einmal nötig gewesen wäre. Sie hatte tatsächlich getan, was Mrs Walsh ihr unterstellt hatte, und nicht nur dafür gesorgt, dass Cindy ihren Wunsch vergaß, in Maudes Bordell zurückzukehren, sondern auch dafür, dass sie mindestens bis zum Abend durchschlafen würde. Aber sie war sehr behutsam dabei vorgegangen. Statt dem Mädchen die Erinnerungen an die letzten drei oder vier Monate komplett zu nehmen - was sie gekonnt hätte, aber mit dem Risiko, ihm einen ernsthaften geistigen Schaden zuzufügen -, hatte sie nur dafür gesorgt, dass sie ein wenig verblassten und so verschwommen wie die an einen vielleicht schlimmen, aber überstandenen Albtraum wurden, und selbst das nicht auf Dauer. Aber wenn sie erst einmal ein wenig Abstand gewonnen und Zutrauen zu Mrs Walsh und ihr gefasst hatte, dann würde sie auch mit dieser schrecklichen Episode fertig werden. In diesem Punkt kam es ihr zugute, dass sie noch ein Kind war. Kinder waren sehr verwundbar, aber zugleich unglaublich stark. Bast nutzte die Zeit, um ebenfalls ein wenig zu entspannen - Schlaf brauchte sie nicht. Sie fühlte sich nach der Nacht mit Roy so erfrischt und stark und konnte Tage, wenn es sein musste Wochen ohne Schlaf auskommen - und über ihr begonnenes Gespräch mit Mrs Walsh nachdenken. So ungern sie es zugab: Mrs Walsh hatte recht. Sie hatte nicht eine Sekunde lang darüber nachgedacht, was mit dem Mädchen geschehen sollte, wenn sie sie erst einmal Maudes Zugriff entzogen hatte. Sie konnte nicht hierbleiben; das hätte sie nicht einmal gekonnt, wenn Mrs Walsh sich so vehement gegen diese Idee gewehrt hätte. Sie selbst würde in wenigen Tagen oder spätestens Wochen nicht mehr hier sein, um sie zu beschützen, und das East End war keine halbe Stunde zu Fuß entfernt. Selbst wenn Maistowe dort nicht bekannt gewesen wäre, wäre die Gefahr einfach zu groß, dass irgendjemand sie zufällig sah und Maude oder einem ihrer Handlanger davon erzählte. Bast erwog einen Moment lang den Gedanken, die alte Vettel zu töten und damit zumindest ein Problem aus der Welt zu schaffen, entschied sich aber dann dagegen. Sie konnte Maude beseitigen, nicht aber das Problem. Wenn sie nicht mehr da war, würde sofort jemand anders Maudes Platz einnehmen. Vielleicht ein Schlimmerer.