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Die große Standuhr unten im Salon hatte bereits zwölf geschlagen, als sie das Geräusch einer Droschke hörte, die in die Straße einbog. Rasch verließ sie das Zimmer, eilte die Treppe hinab und kam gerade noch zurecht, um Stowes Sessel im Vorbeigehen einen kleinen Stupser zu versetzen, der ihn erschrocken hochfahren und sie im allerersten Moment verständnislos anblinzeln ließ. Als sie weiter zur Tür ging, hörte sie, wie er hinter ihr aufstand und sich mit den Händen über die Uniform fuhr, um die ärgsten Falten zu glätten.

Abberline sah genauso müde und übernächtigt aus wie alle anderen, aber sein Gesicht war zusätzlich noch von tiefen Sorgenfalten gezeichnet, die aller Schlaf der Welt nicht glätten konnte und die ihn um mindestens zehn Jahre älter erscheinen ließen, als er war. Als Bast ihm die Tür öffnete, bedankte er sich nur mit einem müden Lächeln und trat dann wortlos an ihr vorbei ins Haus. Bast warf einen raschen Blick auf die Straße hinaus und stellte fest, dass er nicht allein gekommen war. Sein Wagen war zwar deutlich dezenter als der, mit dem Stowe sie zurückgebracht hatte, aber direkt daneben hatte ein weiterer Bobby Aufstellung genommen und beobachtete die Straße in beide Richtungen. Mrs Walsh würde begeistert sein.

»Miss Bast«, sagte Abberline. »Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, aber ich hatte noch eine längere Unterredung mit meinem Vorgesetzten.«

»Sie war hoffentlich nicht zu unangenehm.«

Abberline verzichtete darauf, etwas dazu zu sagen und wandte sich stattdessen an Stowe. »Konstabler. Sie können jetzt Schluss machen. Bringen Sie den Wagen zurück zum Präsidium und gehen Sie nach Hause. Für den Rest des Tages haben Sie dienstfrei.«

Stowe bedankte sich mit einem Kopfnicken, klaubte seinen Helm vom Tisch und ging. Als er an ihr vorbeikam, schenkte er ihr ein stummes, aber sehr dankbares Lächeln.

»Stowe ist ein guter Mann, der ohnehin mehr tut, als er müsste«, sagte Abberline, nachdem er gegangen war. Er runzelte die Stirn, als er Maistowe und Mrs Walsh schlafend in ihren Sesseln entdeckte, sagte aber nichts dazu. »Ich wollte, ich hätte mehr Männer wie ihn.«

Er räusperte sich, streckte die Hand aus, wie um Maistowe an der Schulter zu berühren, tat es dann aber doch nicht und beließ es bei einem abermaligen, allerdings lauteren Räuspern, und Maistowe riss fast erschrocken die Augen auf. »Was ...?«

»Ich bin es nur, Jacob«, sagte Abberline rasch. »Ich wollte Sie nicht erschrecken. Verzeihen Sie.«

»Das haben Sie auch nicht«, log Maistowe. »Ich bin nur ... ich muss wohl kurz eingenickt sein.«

»Sie haben geschnarcht wie eine Säge, mein Lieber«, sagte Mrs Walsh, die ebenfalls aufgewacht war und mit wenig Erfolg versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken. Sie hatte zwar auch geschlafen - und zwar deutlich tiefer als Maistowe -, bewies aber ebenso viel Geistesgegenwart wie Würde, indem sie aufstand und sagte: »Dann werde ich uns einen frischen Tee aufbrühen, damit wir alle erst einmal richtig wach werden. Es war eine lange Nacht.«

»Ja, und ich ... ähm ... mache mich ein wenig frisch«, fügte Maistowe hinzu. Er stand so hastig auf, dass er schwankte und sich an der Sessellehne festhalten musste, fing sich aber auch sofort wieder und wandte sich mit einem nervösen Lächeln an Abberline. »Nehmen Sie doch Platz, Frederick«, sagte er. »Ich bin gleich zurück.«

»Nur keine Eile«, antwortete Abberline. »Gottlob habe ich jetzt auch endlich Feierabend.«

Maistowe verschwand, zwar nicht annähernd so würdevoll wie Mrs Walsh, aber dafür deutlich schneller, und Abberline ließ sich mit einem erschöpften Seufzer in den Sessel sinken, den er gerade freigegeben hatte. Bast zögerte einen Moment, seinem auffordernden Blick zu folgen, aber dann nahm sie doch ihm gegenüber Platz. Abberline wollte ihr irgendetwas sagen, das spürte sie, aber er fand entweder nicht die richtigen Worte oder traute sich nicht.

Sie machte es ihm leichter. »Was genau wollte Ihr Vorgesetzter von Ihnen, Inspektor?«, fragte sie.

»Es war in der Tat eine sehr aufregende Nacht im East End, Miss Bast«, antwortete Abberline. »Nicht nur wegen dieser beiden grässlichen Morde.«

»So?«, fragte Bast.

»Es kam zu ... etlichen Gewalttätigkeiten«, fuhr Abberline fort. Seine Stimme und sein Gesicht waren so müde wie zuvor, aber er sagte das nicht nur so. Sein Blick war plötzlich sehr aufmerksam.

»Ist das so außergewöhnlich in dieser Gegend?«, fragte Bast.

»Leider Gottes nicht«, gab Abberline zu. »Aber es war doch ... anders. Einer von Maude Frankeis Schlägern ist ziemlich übel verprügelt worden, wie man mir berichtet hat.«

»Ich kenne mich in diesem Milieu nicht besonders gut aus«, antwortete Bast, »aber fällt so etwas nicht unter den Begriff Berufsrisiko?«

»In gewissem Sinne ja.« Abberline lächelte matt und wurde sofort wieder ernst. »Leider Gottes war das nicht alles. Es gab noch einen weiteren Zwischenfall. Ein ... angesehener Gentleman wurde überfallen und aufs Schlimmste misshandelt und ausgeraubt.«

»Ein angesehener Gentleman?«

Abberline lächelte, hielt sie aber weiter aufmerksam im Auge. »Ich bin nicht befugt, seinen Namen zu nennen, aber es handelt sich um ein Mitglied des Parlaments. Ein Mann mit Familie und einem tadellosen Ruf.«

»Und ein solcher Mann treibt sich in einer Gegend wie dem East End herum?«, fragte Bast.

»Er hat wohl von diesem schrecklichen Mord gehört und wollte sich an Ort und Stelle davon überzeugen, dass die Polizei auch alles in ihrer Macht Stehende tut, um dieses grässliche Verbrechen aufzuklären«, antwortete Abberline. »Unglücklicherweise beging er den Fehler, einen Teil der Strecke zu Fuß zurücklegen zu wollen. Dabei wurde er überfallen - von zwei riesigen Kerlen, von denen einer vollkommen schwarz gekleidet gewesen sein soll, und angeblich auch schwarze Haut gehabt haben soll. Ihnen ist nicht zufällig ein solcher Mann aufgefallen?«

»Nein«, antwortete Bast. »Und der einzige Gentleman, den ich gesehen habe, trug nur seine Socken und war gerade damit beschäftigt, ein Kind zu verprügeln. Dabei kann es sich ja wohl kaum um denselben gehandelt haben, oder?«

»Gewiss nicht«, antwortete Abberline. »Verzeihen Sie die Frage. Sie war dumm. Ich bin anscheinend auch etwas müde. Und das Gespräch mit Monro war tatsächlich nicht gerade angenehm.«

»Monro?«, wiederholte Bast. Sie hatte das Gefühl, dass dieser Name ihr etwas sagen sollte, kam aber im ersten Moment nicht darauf.

»Mr James Monro«, bestätigte Abberline. »Ein Beamter des Innenministeriums. Allmählich zieht die Angelegenheit immer größere Kreise, fürchte ich. Noch nicht bis nach ganz oben, aber für meinen Geschmack weit genug. Man ist ... beunruhigt.«

»Warum?«, fragte Bast.

Abberline sah sie stirnrunzelnd an. »Warum?«

»Warum?«, bestätigte Bast. »Verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist gewiss nicht meine Meinung, aber bisher hatte ich das Gefühl, dass man sich in dieser Stadt keine allzu großen Sorgen um das Schicksal einiger Prostituierter macht.«

Abberline wirkte ein bisschen verletzt, doch bevor er antworten konnte, hörte Bast das Geräusch einer Tür, und Maistowes Stimme sagte: »Das ist auch so. Aber dafür umso mehr um die öffentliche Meinung und die Presse ... komme ich der Wahrheit damit einigermaßen nahe, Frederick?«

»Ich fürchte, ja«, gestand Abberline. »Vor allem die Presse macht uns zu schaffen. Seit diesen Briefen.«

»Was für Briefe?«

»Die Ripper-Briefe.« Maistowe ließ sich schwer in den letzten freien Stuhl am Tisch sinken. Er sah noch immer ziemlich erschöpft aus, aber sein Gesicht glänzte frisch und rosig, und seine Augen waren einigermaßen klar. »Aber das kann Frederick Ihnen vermutlich besser erklären.«