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»Der ›Ripper‹«, hakte Bast nach. Irgendwo hatte sie dieses Wort schon gehört. »Das ist der Mann, der die vier Frauen getötet hat?«

»Vielleicht noch mehr«, seufzte Abberline. »Genau wissen wir das noch nicht.«

»Und wieso nennt man ihn den Ripper?«

»Er nennt sich selbst so«, antwortete Abberline. »Und vor allem nennt ihn die Presse so ... aber vielleicht auch nur die Presse.«

Bast sah zuerst Maistowe, dann ihn fragend an, und Abberline hob abermals die Schultern und fuhr sich mit einer müden Handbewegung durch das Gesicht.

»Das britische Empire ist zu Recht stolz auf die Freiheit seiner Presse, Miss Bast - aber manchmal ist sie auch ein Fluch. Sie hatten gerade völlig recht, als Sie meinten, dass der Tod einer Prostituierten aus dem East End leider Gottes nichts Außergewohnliches ist. Um ehrlich zu sein, ist es leider fast schon an der Tagesordnung. Aber diese Ripper-Morde sind etwas Besonderes.«

»Wieso?«

»Weil der Kerl Briefe an die Polizei und die Presse geschickt hat, in denen er sich mit seinen Untaten brüstet«, antwortete Maistowe an Abberlines Stelle.

»Und nicht nur das«, fügte Abberline düster hinzu. »Nach dem Mord an Dark Annie hat er mir ein Päckchen zukommen lassen, in dem sich ein Teil einer menschlichen Niere befand. Angeblich stammt sie von Annie, und in diesem Brief behauptet er, er hätte die andere Hälfte gebraten und verspeist.«

»Das ist grässlich«, murmelte Bast.

»Das ist nicht grässlich, meine Liebe«, sagte Mrs Walsh, die in diesem Moment mit einer Kanne frisch aufgebrühtem Tee und einer einzelnen sauberen Tasse aus der Küche kam, »das ist obszön. Ich möchte so etwas in meinem Hause nicht hören, Inspektor!«

»Verzeihen Sie, Mrs Walsh«, sagte Abberline.

»Was haben Sie gerade gemeint, als Sie sagten, dass ihn vielleicht nur die Presse so nennt?«, fragte Bast rasch, bevor Mrs Walsh antworten konnte.

»Weil ich nicht sicher bin, ob es diesen Kerl wirklich gibt«, antwortete Abberline. »Und wenn, ob er diese Briefe wirklich geschrieben hat.«

»Wer sonst?« Mrs Walsh goss ihnen allen Tee ein und kam Maistowe zuvor, indem sie sich selbst einen Stuhl heranzog und Platz nahm.

»Vielleicht irgendein Journalist, der eine besonders zugkräftige Schlagzeile braucht und diese Briefe schlichtweg erfunden hat«, antwortete Abberline. »Es gibt in diesen Briefen gewisse ... Unstimmigkeiten. Ich kann es nicht beweisen, und ich werde mich hüten, mich mit der Presse anzulegen, aber ich werde den Eindruck nicht los, dass der Verfasser dieser sogenannten Ripper-Briefe nicht mit dem wirklichen Mörder identisch ist.«

»Wieso?«

»Nun, er weiß offensichtlich eine Menge«, antwortete Abberline, »aber ebenso offensichtlich nicht alles. Ich will jetzt nicht ins Detail gehen, aber in dem einen oder anderen Punkt ... weichen die Tatsachen und die Briefe voneinander ab. Es ist entweder jemand, der sehr viel über den Ripper weiß, aber eben nicht alles, oder ...« Er zögerte. »Oder es gibt zwei Mörder.«

»Zwei?«, wiederholte Mrs Walsh zweifelnd.

»Warum nicht?« Abberline hob die Schultern und blies in seinen Tee. »So grausam es klingt, Mrs Walsh, aber solche Verbrechen stiften leider oft genug zur Nachahmung an. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich so etwas erlebe.«

»Und deshalb versuchen Sie nun mit aller Kraft, diesen Ripper zu fassen«, vermutete Bast.

»Ich versuche jeden Mörder zu fassen«, erwiderte Abberline, hörbar kühler. »Aber in gewissem Sinne haben Sie auch wieder recht. Man legt an höherer Stelle ganz besonderen Wert darauf, dass dieser Ripper umgehend gefasst wird. Die Bevölkerung wird allmählich unruhig. Die Menschen haben Angst, nicht nur im East End. Letzte Woche kam es beinahe zu einem Lynchmord, als der Mob auf einen jüdischen Fleischer losgegangen ist.« Er nippte an seinem Tee. »Deshalb habe ich Konstabler Stowe heute Morgen auch befohlen, diese Worte abzuwaschen.«

»Aber das war doch nur ... Unsinn«, sagte Bast fragend.

»Vielleicht«, antwortete Abberline. »Was mir Sorgen bereitet, ist das Wort Juwes. Stowe ist vielleicht nicht der Einzige, der es mit Juden übersetzen würde.«

»Und Sie haben ein Problem mit Juden?«

»Ich persönlich gewiss nicht«, antwortete Abberline. »Aber in gewissen Kreisen der Bevölkerung gibt es leider immer noch große Vorurteile gegen die Juden. So ist das leider immer schon gewesen - wenn irgendetwas geschieht, wofür man einen Schuldigen braucht, dann bieten sich die Juden geradezu dafür an. Hier ist es nicht anders. Die Menschen haben Angst, und sie suchen einen Schuldigen. Und das Allerletzte, was wir jetzt noch bräuchten, wäre ein Pogrom.«

»So etwas kann leicht außer Kontrolle geraten«, sagte Mrs Walsh.

Bast sparte sich die Frage, wie es eigentlich zu einem Pogrom kommen konnte, wenn nicht schon längst alles außer Kontrolle war, aber sie sah, dass Abberline dieselbe Frage auf der Zunge lag. Bevor er sie jedoch möglicherweise aussprechen konnte, fuhr Mrs Walsh fort: »Das alles mag ja ganz unzweifelhaft schrecklich sein, Inspektor, aber es ist nicht der Grund für Ihren Besuch hier, habe ich recht?«

»Sie haben mich durchschaut, Gnädigste«, seufzte Abberline. Er sah Bast an und schwieg.

»Wenn Sie vielleicht allein mit Miss Bast reden möchten ...«, begann Mrs Walsh.

»Das wird nicht nötig sein«, sagte Bast rasch. »Ich habe keine Geheimnisse vor Mrs Walsh und Kapitän Maistowe.«

»Wie Sie wünschen.« Abberline hob die Schultern. »Es ist auch nichts Schlimmes. Ich hätte nur gerne ein paar Auskünfte von Ihnen. Sie kommen aus Ägypten, hat mir Jacob erzählt?«

»Ja.«

»Und Sie sind seit ... zwei Tagen in England?«

»Drei«, korrigierte ihn Bast mit einem demonstrativen Blick auf die Uhr. »Und bevor Sie fragen, Inspektor: Ich war schon einmal in London, aber das ist lange her. Viele Jahre.«

»So ... ähm ... war das nicht gemeint«, sagte Abberline hastig. Natürlich war es so gemeint. Die Verlegenheit troff ihm geradezu aus allen Poren.

»Doch, das war es«, sagte Bast sanft. »Es muss Ihnen nicht peinlich sein, Inspektor. Sie tun nur Ihre Pflicht, und ich bin sicher, Sie tun sie gut. Und da ich mir nichts vorzuwerfen habe, nehme ich es Ihnen auch nicht übel. Aber seien Sie ehrlich zu mir: Was genau interessiert Sie an mir?«

Diesmal zögerte Abberline eindeutig zu lange, um noch irgendetwas anderes als die Wahrheit sagen zu können. »Nun, wie ich bereits angedeutet habe«, begann er, »steht in der Zeitung nicht die volle Wahrheit. Es gibt da gewisse Details, die wir der Öffentlichkeit wohlweislich verschwiegen haben.«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel die Aussage zweier Zeugen, die eine ... sonderbare Gestalt in der Nähe der Tatorte gesehen haben wollen. Schon damals, als die ersten beiden Morde geschahen. Sie haben von einem dunkelhäutigen Riesen mit sonderbarer Kleidung erzählt. Ein Riese mit einem Turban und einem Schwert.«

»Und natürlich kam Ihnen diese Beschreibung ... bekannt vor, als Sie mich das erste Mal gesehen habe«, sagte Bast lächelnd. Aber es war ein Lächeln, hinter dem sich ein tiefer Schrecken verbarg - und auch eine kalte, allmählich aufkeimende Wut. Die Zeugen, von denen Abberline sprach, hatten sich nicht geirrt. Aber sie hatten nicht sie gesehen.

»Ich kann mich nur noch einmal entschuldigen, Miss Bast«, sagte Abberline, nachdem sich das Schweigen eine geraume Weile lang dahingezogen hatte. »Aber Sie müssen verstehen, dass ...«

»Das verstehe ich nur zu gut«, unterbrach ihn Bast. »Aber ich kann Ihnen nicht helfen, fürchte ich - wenn Sie das erwartet haben. Ich weiß nicht, wer dieser andere Schwarze sein könnte.«

»Ich hatte es in der Tat gehofft«, gestand Abberline. Sie las in seinem Gesicht, dass er ihr kein Wort glaubte. »Aber vielleicht gibt es trotzdem den einen oder anderen Punkt, in dem Sie mir behilflich sein könnten. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Ihnen gern ein paar Fragen stellen ... aber nicht jetzt. Vielleicht sollten wir alle erst einmal ein wenig zur Ruhe kommen und unsere Gedanken ordnen.«