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»Jederzeit«, sagte Bast. Ihre Gedanken jagten sich noch immer. Es gab keinen Zweifel daran, auf wen Abberlines Beschreibung zutraf - aber sie verstand nicht, warum Isis ihr nichts davon erzählt hatte.

»Gut, dann ... werde ich Ihre Zeit nicht noch länger unnötig in Anspruch nehmen.« Abberline stand auf. »Es gibt da nur noch eines: Ich habe mit Mr Monro gesprochen.«

»Über mich?«

»Genau genommen war er es, der mich angesprochen hat«, antwortete Abberline. »Auch er kennt natürlich diese Zeugenaussagen, und er hat auch von Ihnen gehört. Selbstverständlich werden Sie nicht im Geringsten verdächtigt. Wie auch? Sie waren ja nicht einmal in diesem Land, als diese schreckliche Mordserie begonnen hat. Dennoch würde er gern mit Ihnen reden.«

»Warum?«, fragte Maistowe.

»Weil es gewisse ... Parallelen gibt, die nicht einmal ein stellvertretender Polizeidirektor übersehen kann, nicht wahr, Inspektor?«, fragte Bast, bevor Abberline antworten konnte.

Abberline zog es vor, auch dazu nichts zu sagen; zumindest nicht direkt. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, heute Nachmittag nach Whitehall zu kommen?«, fragte er. »Es ist ganz leicht zu finden. Jeder Droschkenfahrer kennt das neue Polizeipräsidium. Sagen wir, um vier ... oder vielleicht besser um fünf. Selbst ich brauche dann und wann etwas Schlaf.«

»Fünf ist gut«, sagte Bast. »Ich nehme an, dieses ... Whitehall liegt zentral?«

»Mitten in der City«, bestätigte Abberline. »Warum?«

»Weil ich ohnehin noch einmal in die Stadt wollte, um mir die Nadel der Kleopatra anzusehen«, antwortete Bast.

»Die Nadel der ...« Abberlines Gesicht hellte sich auf. »Oh, ich verstehe. Sie meinen den großen Obelisken auf dem Victoria Embankment. Das liegt direkt am Themseufer. Es ist sehr schön dort und lohnt auf jeden Fall einen Besuch. Und von dort aus brauchen Sie nicht einmal mehr einen Wagen nach Whitehall. Sie erreichen es zu Fuß bequem in fünf Minuten.«

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich zum Gehen und verließ das Haus, ohne sich auch nur verabschiedet zu haben. Maistowe blickte ihm kopfschüttelnd nach, wenngleich auch eher hilflos, während sich Mrs Walshs Miene zusehends verdüsterte.

»Das ist doch wieder einmal typisch!«, ereiferte sie sich. »Sie haben nicht die mindeste Ahnung und stürzen sich jetzt blindlings auf alles, was auch nur nach einer Spur aussieht! Geben Sie nur acht, meine Liebe, dass Sie sich am Ende nicht doch auf der Anklagebank wiederfinden.«

»Sie war nicht einmal auf diesem Kontinent, Gloria«, erinnerte sie Maistowe.

»Und?«, spöttelte Mrs Walsh. »So eine Kleinigkeit kann schon einmal in Vergessenheit geraten, wenn es darum geht, den Pöbel zu beruhigen.«

»Sie tun dem armen Frederick unrecht, Gloria«, sagte Maistowe.

»Ich kann nur hoffen, dass das so ist«, seufzte Mrs Walsh. »Aber sicher bin ich mir dessen leider nicht.« Sie wandte sich mit einem ebenso erschöpften wie besorgten Lächeln an Bast. »Sie wollen tatsächlich heute noch dorthin?«

»Was spricht dagegen?«, erwiderte Bast. »Ich habe eine Menge darüber gehört und will mir einen Besuch dort keineswegs entgehen lassen ... und wenn ich ohnehin in diese Richtung muss ...«

»Was schon einmal die erste Unverschämtheit ist.« Mrs Walsh gelang es, sich zu ereifern und dabei immer noch genauso matt und erschöpft zu klingen wie zuvor. »Wenn doch so außer Zweifel steht, dass Bast nichts mit dieser grässlichen Geschichte zu tun hat, wieso zitiert er sie dann zu sich?«

»Aber Sie haben Frederick doch gehört«, sagte Maistowe. »Es geht nur um ein paar Fragen.«

»Dann sollte er sich gefälligst hierher bequemen, statt eine unbescholtene Bürgerin wie einen Verbrecher zu sich zu zitieren!«

»Monro?«, fragte Maistowe. »Der im letzten Jahr das Attentat auf Königin Victoria vereitelt hat! Ich bitte Sie!«

»Und?«, fragte Mrs Walsh. »Ist er etwas Besseres als wir? Solange niemandem eine Schuld nachgewiesen ...«

»Es ist schon gut, Mrs Walsh«, unterbrach Bast sie. »Ich wollte tatsächlich den Obelisken sehen. Da macht ein so kleiner Umweg nichts aus. Und wer weiß? Vielleicht kann ich ja tatsächlich helfen.«

»Aber doch nicht heute!«, widersprach Mrs Walsh. »Sie müssen ebenso müde sein wie wir alle. Und was ist, wenn Cindy wach wird?«

»Das wird sie nicht«, beruhigte sie Bast. »Jedenfalls nicht vor dem späten Abend. Und bis dahin bin ich längst zurück, das verspreche ich.«

Sie hatte sich zu Fuß auf den Weg gemacht, obwohl Maistowe und Mrs Walsh sie davor gewarnt hatten. Selbst für jemanden, der wie sie lange Fußmärsche gewohnt war, war es ein Weg von mehr als einer Stunde, und die Temperaturen waren im Laufe des Tages zwar ein wenig gestiegen, aber nicht so weit, wie sie es eigentlich sollten. Allerdings hatte der geringe Anstieg im Gegenzug gereicht, den Nebel von der Themse heraufziehen zu lassen.

Sie bereute ihren Entschluss schon nach wenigen Minuten. Bast war in ihrem Leben schon an Orten gewesen, die weitaus kälter und unwirtlicher waren, aber sie hatte selten eine so unangenehme Mischung aus Kälte und feuchtem Nebel erlebt, der nicht nur alle Umrisse verwischte und den Lauten ihre Tiefe und Lebendigkeit nahm, sondern auch unaufhaltsam unter ihre Kleidung kroch und sich wie ein eisiger Film auf ihre Haut legte, um ihr langsam, aber auch ebenso unerbittlich jedes bisschen Wärme zu entziehen. Sie hatte wohlweislich ihr wärmstes Kleid angezogen, bevor sie das Haus verlassen hatte, aber es nutzte nichts. Sie fror noch nicht so sehr, dass es wirklich unerträglich gewesen wäre, und sie machte sich erst recht keine Sorgen um ihre Gesundheit, aber sie begann allmählich zu begreifen, warum Spukgeschichten und unheimliche Erzählungen in diesem Land so überaus beliebt waren. Dieser Nebel hatte etwas Unheimliches. Er narrte sogar ihre scharfen Sinne, und sie vielleicht sogar ganz besonders. Sie nahm kaum irgendetwas wirklich scharf wahr, das weiter als zehn oder zwölf Schritte entfernt war, und auf eine an den Nerven zerrende Art machte der Nebel es auch fast unmöglich, die Richtung zu bestimmen, aus der die Geräusche kamen. Auf der Straße bewegten sich nur sehr wenige Menschen, und schon bei denen, die auf dem gegenüber liegenden Trottoir gingen, hätte es sich ebenso gut um Gespenster handeln können, lautlos und blass und mit Umrissen, die genau dann wieder auseinandertrieben, wenn ihr Blick sie beinahe erfasst hatte.

Dann drang ein scharfer, sonderbar klarer Schrei an ihr Ohr, ein Geräusch, das so wenig in diesen Nebel passte wie sie selbst in diese Stadt, denn es schnitt so klar und scharf wie ein Messer durch das dichter werdende Meer aus grauer Watte, das sie durchwatete: der schrille Schrei eines Vogels.

Bast warf mit einem erschrockenen Ruck den Kopf in den Nacken, sah einen schwarzen, pfeilflügeligen Schatten auf sich herabstoßen und sprang im allerletzten Moment und halb geduckt zur Seite. Krallen, die härter waren als Stahl und schärfer als ein Barbiermesser, fuhren nur eine Handbreit neben ihrem Gesicht durch die Luft, und aus dem aggressiven Kreischen wurde ein fast enttäuschter Pfiff - und dann ein erschrockener Schrei, als sie instinktiv nach dem Falken schlug und ihn auch tatsächlich am Flügel erwischte; nicht einmal besonders fest, und schon gar nicht hart genug, um ihn zu verletzten, aber immerhin reichte es, um ihn aus der Bahn zu werfen und einen Moment wild mit den Flügeln schlagen zu lassen. Unverzüglich setzte Bast ihm nach, und einen normalen Vogel hätte sie auch zweifellos erwischt, aber ein normaler Vogel hätte wohl auch kaum mit einem Schnabel nach ihr gebissen, der ganz so aussah, als könnte er ihr nicht nur einen Finger, sondern mit der gleichen Leichtigkeit auch gleich die ganze Hand abbeißen, und seine Federn wären vermutlich auch nicht scharf genug gewesen, um wie ein Skalpell in ihr Fleisch zu schneiden und ihren Handballen bis zum Knochen hinab aufzureißen.