Bast prallte mit einem überraschten Schrei zurück, presste die verletzte Hand an den Leib und zog instinktiv den Kopf ein, als der Falke nicht nur in einer ganz und gar unmöglich erscheinenden Bewegung herumfuhr, sondern auch augenblicklich mit den Flügeln nach ihr schlug und versuchte, dasselbe mit ihrem Gesicht zu tun. Bast schleuderte ihn mit einem zweiten, noch heftigeren Hieb zurück, griff mit der unversehrten Hand unter ihren Mantel und zog das Schwert, das sie wider besseres Wissen mitgenommen hatte. Noch vor wenigen Atemzügen war sie ganz und gar nicht sicher gewesen, ob es eine gute Idee war, bewaffnet zu einem Treffen mit dem stellvertretenden Chef der Londoner Polizei zu gehen, aber nun war sie froh, die Klinge bei sich zu tragen - auch wenn es im Grunde nicht einmal ein richtiges Schwert war, sondern eher ein zu groß geratener Dolch mit doppelseitig geschliffener Klinge.
Immerhin reichte sie, um den Falken auf Abstand zu halten. Ihr erster Hieb verfehlte den schwarzen Riesenvogel, der zweite traf dafür umso besser. Federn stoben, ein jetzt eindeutig schmerzerfülltes Pfeifen erscholl, und das Blut auf dem Schwertgriff war plötzlich nicht mehr ihr eigenes.
Der Falke taumelte davon; verletzt, aber keineswegs tödlich getroffen. Bast setzte ihm mit einer entschlossenen Bewegung nach, doch ihr nächster Schwerthieb ging ins Leere. Nur eine einzelne, abgetrennte Schwanzfeder segelte mit hin und her schaukelnden Bewegungen zu Boden, dann stieß der Vogel ein letztes, wütendes Krächzen aus und verschmolz so lautlos und schnell mit dem Nebel, wie er daraus aufgetaucht war.
Bast schlug noch einmal ebenso sinnlos wie wütend in die ungefähre Richtung, dann ließ sie die Waffe sinken und sah sich wild um. Ihre Hand pochte, und allein bei der bloßen Vorstellung, was diese schrecklichen Flügel ihrem Gesicht hätten antun können, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Aber Flügel aus Stahl und ein Schnabel wie eine Bärenfalle hin oder her - es war letzten Endes nur ein Vogel, und er hatte sie beinahe erwischt! Sie mochte sich seit heute Morgen wieder einigermaßen in Form fühlen, aber sie war es nicht.
Sie registrierte aus den Augenwinkeln, wie zwei der schemenhaften Gestalten auf der anderen Straßenseite stehen blieben und neugierig die Köpfe in ihre Richtung drehten. Wenn sie genauso schlecht sahen wie sie, konnten sie nur eine hektische Bewegung wahrgenommen haben, wenn überhaupt irgendetwas, aber vielleicht war selbst das schon zu viel. Wenn es in ihrem Leben so etwas wie eine oberste Maxime gab, dann lautete sie, kein Aufsehen zu erregen ... und auf dieser war sie seit ihrer Ankunft hier herumgetrampelt wie der sprichwörtliche Elefant in der Porzellanmanufaktur. Hastig schlug sie den Mantel zurück, um das Schwert einzustecken ...
... und erstarrte mitten in der Bewegung.
Es war nicht der Falke, der zurückkam, sondern etwas ungleich Größeres und Gefährlicheres. Sie konnte nicht genau erkennen, was; ein riesiger, verzerrter Schemen mit unsagbar fremden und doch zugleich vertrauten Umrissen, der rasend schnell herankam, ohne sich indes wirklich zu nähern und immer gerade eine Winzigkeit tiefer in den Nebelschwaden verborgen zu sein schien, als ihr Blick die grauen Schlieren zu durchdringen vermochte. Aber sie hatte trotzdem einen vagen Eindruck von schnaubenden Nüstern, unheimlich glühenden Augen und trommelnden Hufen, die Funken auf dem nassen Kopfsteinpflaster schlugen und gewaltigen, klingenbesetzten Rädern, über denen eine riesige Gestalt aufragte, das Schwert in der Linken und den rechten Arm, der einen tödlichen Speer hielt, wurfbereit hoch über dem Kopf erhoben. Bast trat instinktiv einen halben Schritt zurück und zur Seite, suchte mit leicht gespreizten Beinen und geduckt nach festem Stand, um sich gegen den Anprall zu wappnen. Der Streitwagen raste heran. Die rotierenden Klingen an seinen Rädern blitzten vor mörderischer Schärfe. Flammender Dampf schoss aus den Nüstern der beiden riesigen Schlachtrösser, und ihre Augen loderten wie glühende Kohlen am Grund eines bodenlosen schwarzen Sees, und der riesige Krieger über ihnen riss den Arm zurück, um seinen Speer zu schleudern. Basts Gedanken rasten, und etwas wie Verzweiflung begann sich in ihr breitzumachen. Sie hatte keine Chance. Wenn der Speer sie nicht traf, dann würden sie die beiden Schlachtrösser zertrampeln, die gegen all ihre Instinkte ein Leben lang darauf trainiert worden waren, Hindernissen nicht auszuweichen, sondern sie im Gegenteil gezielt niederzurennen, und wenn nicht das, so würden sie die mörderischen Klingen an den fast mannshohen Rädern in Stücke schneiden; aber spätestens das Schwert des unheimlichen Wagenlenkers, oder ...
Die Illusion erlosch so abrupt wie das Bild einer Laterna magica, deren Kerzenflamme der Sturm ausgeblasen hatte, und aus dem heranrasenden Streitwagen wurde eine zweispännige, leicht schäbige Kutsche, von deren erhöhtem Bock aus sie ein faltiges, von schütterem grauem Haar und einem gewaltigen Backenbart beherrschtes Gesicht aus aufgerissenen Augen anstarrte. Eines der beiden Pferde stieß ein erschrockenes Wiehern aus, während das andere instinktiv zur Seite auszuweichen versuchte; mit dem Ergebnis, dass das gesamte Gefährt bedrohlich zu schwanken begann und der Mann auf dem Kutschbock plötzlich alle Hände voll damit zu tun hatte, die beiden scheuenden Tiere wieder in seine Gewalt zu bekommen.
Bast steckte hastig ihr Schwert weg, griff nach dem Zaumzeug des scheuenden Pferdes und brachte es mit einem harten Ruck zum Stehen, war mit einem einzigen Satz auf der anderen Seite und beruhigte auch das andere Tier, bevor sie sich dem Führer zuwandte. Erst jetzt erkannte sie ihn. Es war der Kutscher, der sie vom Hafen aus hierhergebracht hatte.
»Arthur?«, murmelte sie überrascht. Für einen Moment schien sich alles um sie zu drehen, und sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Plötzlich wurde ihr klar, dass der Nebel nicht annähernd so dicht war, wie sie bisher geglaubt hatte, kaum mehr als ein sachter Hauch, der in der Luft lag, und es gab auch keinen Streitwagen mit einem riesigen Krieger, der mit einem Speer auf sie zielte.
»Ma'am?« Arthur ließ die Zügel fahren und begann so hastig vom Wagen zu klettern, dass er beinahe den Halt verloren hätte und sich an einem der Räder festhalten musste, um nicht zu stürzen. »Ist Ihnen was passiert? O Gott, o Gott, das war alles meine Schuld! Ich hab Sie nicht gesehen und ...«
»Schon gut!« Bast brachte den alten Mann mit einer raschen Geste zum Verstummen, ein weiterer Fehler, denn Arthurs Augen wurden groß, als er das Blut an ihrer Hand sah. Nicht alles, was sie in den letzten Augenblicken erlebt hatte, war offensichtlich eine Illusion gewesen.
»Großer Gott, Sie sind ja verletzt!«, entfuhr es ihm. »Was ist passiert? Haben Sie ...?«
»Es ist nichts«, unterbrach ihn Bast abermals, während sie hastig den Arm sinken ließ und die Hand zur Faust ballte. Gleichzeitig sorgte sie dafür, dass er den Anblick vergaß. »Nur ein Kratzer. Machen Sie sich keine Sorgen.«
Vielleicht machte er das wirklich nicht - dank ihrer Mithilfe -, aber sie selbst wurde immer nervöser. Sie hatte noch immer das Gefühl, auf eine grässliche Weise den Halt in der Wirklichkeit zu verlieren, und ihr war, als wäre die nebelverhüllte Straße voller Menschen, die alle in ihre Richtung starrten.
»Es ist alles in Ordnung, Arthur«, wiederholte sie, indem sie sich mühsam wieder auf den greisen Kutschfahrer konzentrierte. »Ich habe mich nur erschrocken, das ist alles.«
»Ich ... ich versteh das nich'«, stammelte er. »Ich hab Sie einfach nich' gesehn, und ...«
»Das ist Unsinn, Arthur«, sagte sie mit etwas mehr Nachdruck. »Ich war es, die nicht achtgegeben hat. Ich bin einfach auf die Straße hinausgetreten, ohne mich umzusehen.« Sie machte eine entsprechende Geste mit beiden Händen. »Immerhin stehe ich mitten auf der Straße, und nicht Sie mit Ihrem Wagen auf dem Gehsteig, oder?«