Arthurs Blick folgte ihrer Bewegung, aber er wirke kein bisschen überzeugt, oder auch nur beruhigt. »Trotzdem«, stammelte er. »Ich ... ich hätte Sie um ein Haar umgebracht!«
»Es ist ja nichts passiert.« Bast zwang sich zu einem Lächeln. »Aber sagen Sie mir doch, wo Sie so plötzlich herkommen, Arthur. Das ist doch bestimmt kein Zufall, oder?«
»Sie haben mich bestellt, Ma'am«, antwortete Arthur unsicher. »Sie haben doch gesagt, ich soll auf Sie warten.«
»Das stimmt«, antwortete Bast überrascht. »Aber das war gestern.«
»Ich weiß«, sagte Arthur. Er klang ein wenig verlegen. »Ich habe auf Sie gewartet, und als Sie nicht gekommen sind ...«
»Haben Sie die ganze Zeit auf mich gewartet?«, fragte Bast ungläubig.
»So schlimm war es nicht«, antwortete Arthur verlegen. »Ich meine: Eigentlich ist es doch egal, wo ich stehe, oder?«
Bast sparte es sich, darauf zu antworten. Sie wollte Arthur nicht noch mehr in Verlegenheit bringen. »Und als Sie gerade gesehen haben, dass ich losgegangen bin ...?«
»Ich war wohl einen Moment unaufmerksam«, gestand Arthur. »Muss wohl für eine Sekunde weggedöst sein. Ich hab versucht, Sie einzuholen, und ... es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe.«
»Jetzt sind Sie ja hier«, sagte Bast leichthin. »Und Sie kommen wie gerufen, wenn ich ehrlich sein soll.« Jetzt war sie es, die verlegen die Schultern hob. »Eigentlich wollte ich zu Fuß gehen, aber ich habe das Londoner Wetter wohl unterschätzt. Ich bin diese Temperaturen nicht gewohnt, fürchte ich.«
»Da sind Sie nicht die Einzige«, pflichtete ihr Arthur bei. »Sogar ich spüre diesen verdammten Nebel in allen Knochen. Wohin wollen Sie denn?«
»Whitehall«, antwortete Bast. »Genauer gesagt wollte ich mir Kleopatras Nadel ansehen. Sie wissen, wo das ist?«
»Kleopatras Nadel?« Arthurs Blick spiegelte völliges Unverständnis.
»Der Obelisk.«
»Oh, sicher.« Arthur nickte heftig. »Das ist gleich bei Whitehall, an der Themse. Und Sie wollten das ganze Stück zu Fuß gehen?«
Bast sah demonstrativ in den niedrig hängenden grauen Himmel hinauf. »Nicht wirklich«, gestand sie mit einem schiefen Lächeln.
»Dann steigen Sie ein, Ma'am«, sagte Arthur. »Natürlich fahre ich Sie umsonst. Das ist das Mindeste, was ich tun kann.«
»Kommt überhaupt nicht in Frage«, sagte Bast entschieden. Sie blinzelte ihm zu. »Aber ich habe nichts dagegen, wenn Sie mir einen Freundschaftspreis machen.«
Arthur beeilte sich, ihr den Wagenschlag aufzureißen, aber Bast machte nur einen einzelnen Schritt, bevor sie wieder stehen blieb und nachdenklich den Kopf schüttelte. »Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich oben bei Ihnen mitfahre?«
»Auf dem Kutschbock?«, fragte Arthur überrascht. »Nein, natürlich nicht. Aber es ist kalt und unbequem und ...«
»Nicht annähernd so kalt und unbequem, wie zu Fuß zu gehen«, beharrte Bast. »Außerdem möchte ich etwas von der Stadt sehen, nicht nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Fenster. Wer weiß, wann ich wieder einmal nach London komme.« Sie wartete Arthurs Antwort gar nicht erst ab, sondern stieg mit einer raschen Bewegung auf den Kutschbock hinauf, wobei sie peinlich darauf achtete, nichts zu berühren, was sie mit ihrem Blut verschmieren konnte. Sie verstand immer noch nicht genau, was passiert war. Die Wunde hatte längst aufgehört zu bluten und tat kaum noch weh, und in spätestens einer Stunde würde sie vollkommen verschwunden sein - aber wie hatte sie sie sich überhaupt zugezogen?
»Sie können gerne oben mitfahren, Ma'am«, sagte Arthur, während er ihr ächzend und deutlich weniger elegant als sie gerade hinterherkletterte. »Aber es ist sehr unbequem und reichlich kalt.«
Das eine war so wahr wie das andere, stellte Bast fest. Die Bank war ungepolstert und hart, nicht mehr als ein schmales Brett, das nicht viel Platz für zwei Personen bot, und es war empfindlich kalt. Zugleich fühlte sie sich aber neben dem Kutscher deutlich sicherer; eine vollkommen grundlose Illusion, die aber ihren Dienst tat.
»Wie lange brauchen wir bis Whitehall?«, fragte sie.
»Mit dem Wagen?« Arthur nahm ächzend auf der ungepolsterten Bank Platz und griff nach den Zügeln. Die Pferde waren noch immer unruhig und schüttelten schnaubend die Köpfe, als sie den Zug der Trense spürten. »Nicht sehr lang. Keine halbe Stunde, Kommt drauf an, wie schnell ich fahre.«
»Und zu Fuß?«
»Lange.« Arthur überlegte einen Moment. »Bestimmt zwei Stunden. Vielleicht mehr. Warum?«
»Dann habe ich gerade eine Menge Zeit gewonnen«, sagte Bast »Was halten Sie davon, wenn wir sie für eine kleine Stadtrundfahrt nutzen?«
Arthur hielt nicht nur, was er versprochen hatte, er übertraf es bei weitem. Letzten Endes brauchten sie gute zwei Stunden, um den von Bäumen und sorgsam gestutzten Büschen und zu kleinen Kunstwerken geschnittenen Heckengewächsen umsäumten Platz am Ufer der Themse zu erreichen, aber Bast wurde die Zeit wahrlich nicht lang. Wie durch ein Wunder hatte sich der Nebel etwas gelichtet, oder vielleicht war er auch oben auf dem Kutschbock nicht ganz so deutlich spürbar wie auf der Straße. Arthur zeigte ihr in diesen zwei Stunden mehr von der Stadt, als so manch anderer es in zwei Tagen gekonnt hätte: den Buckingham-Palast, Trafalgar Square und das Parlament, aber auch andere, düsterere und obskurere Plätze, wie den berüchtigten Galgenhügel, auf dem Tausende von Schuldigen - und vermutlich ebenso viele Unschuldige - ihr Leben ausgehaucht hatten, und Speaker's Corner im Hyde Park, wo jedermann ungestraft seine Meinung kundtun - oder auch nur Unsinn reden - konnte. Er wusste auch eine Menge interessanter Anekdoten über die Stadt und ihre Geschichte zu erzählen, von denen vermutlich die Hälfte pure Erfindung waren - was sie nicht minder interessant machte -, und Bast schwirrte schon bald der Kopf von allem, was sie gehört und gesehen hatte; das aber auf eine durchaus angenehme Weise.
Vielleicht lag es schlichtweg an Arthurs Gesellschaft. Nachdem er seine anfängliche Befangenheit und den Schrecken über den Beinahe-Unfall überwunden hatte, begann er nicht nur zu reden, sondern gewann auch sichtlich an Freude an der ungewohnten Aufgabe, und Bast ihrerseits begann seine Gesellschaft in zunehmendem Maße zu genießen. Vor allem, nachdem sie ihre eigenen Hemmungen überwunden und vorsichtig in ihn hineingelauscht hatte. Arthur war genau das, als was sie ihn von Anfang an eingeschätzt hatte: ein einfacher, aber aufrechter Mann, der ein langes und mühsames Leben voller Arbeit und ohne jegliche Chance hinter sich hatte und doch zu Recht stolz darauf war, es in Ehren bewältigt zu haben, ohne vom rechten Weg abgekommen zu sein oder auch nur mit dem Schicksal zu hadern.
Die wenigen Jahre, die noch vor ihm lagen, würden schlimmer werden. Bast hatte tief genug in ihn hineingeschaut, um zu wissen, wie es weitergehen würde. Seine Knochen waren verschlissen, sein Herz schwach, und jeder weitere Tag, den er auf dem zugigen Bock verbrachte, verkürzte seine verbleibende Lebenserwartung. Außerdem war eines seiner beiden betagten Pferde krank und allerhöchstens noch drei Monate von der Schlachtbank entfernt, und seine bescheidenen Ersparnisse reichten nicht einmal annähernd aus, um ein neues Tier zu kaufen. Bast nahm sich vor, etwas für ihn zu tun, bevor sie wieder an Bord der Lady ging und dieses Land verließ.
Trotz dieses Wermutstropfens genoss sie die Fahrt in vollen Zügen. Es tat einfach gut, eine Weile in der Gesellschaft eines Menschen zu verbringen, der ihr nicht nach dem Leben trachtete, eine Intrige gegen sie spann oder sonst irgendetwas anderes im Schilde führte. Sie empfand ein deutliches Bedauern, als Arthur schließlich erklärte, dass sie ihr Ziel jetzt beinahe erreicht hatten.