Выбрать главу

»Ich fürchte, jetzt muss ich mich doch bei Ihnen entschuldigen, Ma'am«, fügte er hinzu. »Wir waren länger unterwegs, als ich vorher gesagt habe. So ist das nun mal, wenn man ins Reden kommt.«

»Ich habe jede Sekunde genossen, Arthur«, versicherte Bast. »Sie sind ein ausgezeichneter Fremdenführer, wissen Sie das eigentlich?«

Arthur lächelte zwar geschmeichelt, blickte aber trotzdem leicht schuldbewusst. »Ich hoffe doch, Sie kommen jetzt nicht zu spät zu Ihrer Verabredung.«

»Das kommt ganz darauf an, wie spät es ist.« Bast konnte sich nicht erinnern, irgendetwas von einer Verabredung gesagt zu haben, aber sie nahm an, dass Arthur das einfach voraussetzte, da sie zu einer bestimmten Stunde an einem bestimmten Ort sein wollte. »Und selbst wenn, ist es auch nicht schlimm. Es war nicht besonders wichtig.«

Sie drehte sich dennoch auf dem Kutschbock herum, um einen Blick auf den Zeiger von Big Ben zu werfen, den sie vor einer Weile passiert hatten.

Stattdessen blieb ihr Blick an der kantigen Silhouette des Tower hängen, der sich wie eine drohend emporgereckte Faust über die Dächer der umliegenden Gebäude erhob.

»Was haben Sie, Ma'am?«, fragte Arthur. Seine Stimme klang leicht alarmiert und Bast begriff, dass sich der Schrecken, den sie empfand, deutlich auf ihrem Gesicht widerspiegelte.

»Nichts«, antwortete sie. »Es war nur ...« Sie hob die Hand und deutete auf drei winzige Punkte, die die Spitze des düsteren Wahrzeichens Londons umkreisten. Bedachte man die Entfernung, dann waren sie vermutlich alles andere als winzig. »Was ist das?«

Arthur ließ die Pferde in gemütlichem Trab weiterlaufen, während er sich ebenfalls herumdrehte und mit den kurzsichtigen alten Augen knibbelte. »Oh, das«, sagte er. »Das müssen die Tower-Raben sein.«

»Die Tower-Raben?«

»Hab ich vergessen zu erzählen«, antwortete Arthur. Er konzentrierte sich wieder auf die Straße. »Das Königshaus hält seit Jahrhunderten drei Raben im Tower. Immer nur drei. Nicht mehr und nicht weniger.«

Raben! »Und warum?«

»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht«, antwortete er. »Aber es heißt, dass das Königshaus so lange Bestand hat, wie diese drei Raben im Tower leben. Sie haben eigenes Personal, das sich um sie kümmert, und sogar eine eigene Wache vor der Tür.«

»Und dann lassen sie sie einfach so herumfliegen?«, wunderte sich Bast. »Wo doch die Existenz des Königshauses von ihnen abhängt?«

»Wenn Sie mich fragen, ist das sowieso nur Unsinn. Eine alte Geschichte eben. Und die Raben fliegen nie sehr weit. Es sind kluge Tiere. Sie wissen genau, wo es ihnen gut geht, und wo sie immer etwas zu fressen finden. So, da wären wir.«

Der Wagen kam mit einem letzten Zügelknallen am Rande eines weitläufigen, sauber mit präzise geschnittenen Granitplatten gepflasterten Platzes zum Stehen, in dessen Mitte sich ein steinerner Sockel mit einem gewaltigen, beeindruckende siebzig Fuß hohen Obelisken erhob.

»Der Obelisk«, erklärte Arthur, mit einem Stolz in der Stimme, als wäre es ganz allein seine Entdeckung. Seine Hand wanderte weiter und wies auf einen Komplex aus klobigen weißen Gebäuden, die sich über die Wipfel der sorgsam gestutzten Bäume erhoben, die den Platz säumten. »Und das da ist Whitehall.«

»Beeindruckend«, sagte Bast.

»Ich find's scheußlich«, antwortete Arthur. »Es ist groß, aber nicht alles was groß ist, muss deswegen auch schön sein.« Er seufzte tief, wartete einen Moment lang vergebens auf eine Reaktion und ließ seinen Blick dann demonstrativ über den Bereich vor dem Obelisken schweifen. Sie waren nicht die Einzigen, die gekommen waren, um das gestohlene Heiligtum zu besichtigen, aber keiner von ihnen sah auch nur in ihre Richtung.

»Sieht so aus, als hätten Sie Ihre Verabredung nun doch verpasst«, sagte er.

»Ich bin nicht hier verabredet«, sagte Bast, »sondern drüben in Whitehall. Ich wollte die Gelegenheit nur ausnutzen, um das hier zu besichtigen.«

»Ist wirklich beeindruckend«, sagte Arthur, wenngleich in einem Tonfall, der es ihr unmöglich machte zu entscheiden, ob er diese Worte ernst meinte oder ihr nur schmeicheln wollte.

»Ja, das ist es«, bestätigte Bast. Ihr Stolz war echt. »Wissen Sie, woher er kommt?«

»Aus Arabien, glaub ich«, antwortete Arthur. »War schon ein paar Mal hier, aber ehrlich gesagt weiß ich nicht viel darüber. Ich hab nur gehört, dass sie extra ein Schiff umgebaut haben, um das Ding hierher zu bringen. Und dass es ein paar Tote dabei gegeben haben soll.«

»Interessiert Sie seine Geschichte, Arthur?«, fragte Bast. »Wenn Sie wollen, erzähle ich sie Ihnen. Auf diese Weise kann ich mich wenigstens ein bisschen bei Ihnen revanchieren.«

Das Thema interessierte Arthur nicht wirklich, das spürte sie, aber er nickte schon aus reiner Höflichkeit, und Bast kletterte rasch vom Wagen hinab, bevor er es sich anders überlegen konnte. Der alte Droschkenfahrer folgte ihr gehorsam, wenn auch erst nach spürbarem Zögern, und Bast beruhigte ihr schlechtes Gewissen damit, dass sie ihm auf diese Weise vielleicht tatsächlich etwas gab, womit er später bei seinen Fahrgästen angeben konnte.

Immerhin legte sie das kurze Stück bis zum Sockel der gewaltigen steinernen Nadel langsam genug zurück, dass er bequem mit ihr Schritt halten konnte und nicht etwa in die Verlegenheit kam, außer Atem zu geraten - auch wenn sie spürte, dass er nicht mehr allzu weit entfernt davon war. Auf seinem Kutschbock hatte er die Strecke um den gesamten Erdball vermutlich bereits mehrmals zurückgelegt, aber zu Fuß gehen war ganz offensichtlich nicht gerade seine Stärke.

»Das ist ... wirklich beeindruckend«, sagte er leicht kurzatmig, als sie am Sockel des gewaltigen steinernen Pfeilers angekommen waren. Er legte den Kopf in den Nacken und blinzelte in den niedrig hängenden Abendhimmel hinauf. »Aus dieser Perspektive habe ich ihn noch gar nicht gesehen. Jetzt verstehe ich auch, warum man ihn so nennt. Sieht tatsächlich ein bisschen aus wie eine Nadel, von hier aus betrachtet.«

»Früher war der Anblick noch viel beeindruckender«, sagte Bast. »Ihre Spitze war vergoldet, und wenn sich zur Mittagszeit das Sonnenlicht darauf gespiegelt hat, dann war es so grell, dass es unmöglich war, sie anzusehen.«

»Damit die Leute glauben, sie kämen direkt von ihren Göttern?«

Bast sah den alten Mann erstaunt an. »Sie haben also doch schon von den Obelisken gehört?«

»Nein«, antwortete Arthur. »Hab ich mir so gedacht. Ist aber eigentlich das Einzige, was Sinn macht.«

Bast nickte anerkennend. »Eine kluge Überlegung«, sagte sie. »Ganz so war es nicht. Jedenfalls war es von ihrem Erbauer nicht so geplant ... aber es hat tatsächlich nicht allzu lange gedauert, bis viele geglaubt haben, der Sonnengott selbst hätte sie aufgestellt, um die Menschen mit seinem Licht zu erhellen.«

»Kann man fast glauben, wenn man das Ding so sieht«, sagte Arthur. »Aber wieso sagen Sie immer sie?«

»Weil es zwei Obelisken sind«, antwortete Bast. »Sehen Sie die Hieroglyphen? Das ist die alte ägyptische Bildschrift. So ähnlich wie Ihre Buchstabenschrift, nur dass man damals eben keine einzelnen Buchstaben benutzt hat, sondern jedes Wort ein eigenes Zeichen hatte.«

»Muss eine Menge Zeichen gewesen sein«, sagte Arthur.

»Ziemlich viele«, bestätigte Bast. »Und die meisten davon hatten mehrere Bedeutungen, manchmal zwei oder drei, manchmal aber auch ein Dutzend oder mehr, je nachdem, in welchem Zusammenhang man es gerade benutzt hat.«

»Das klingt kompliziert«, sagte Arthur.

»Auch nicht komplizierter als so manche Schrift, die es heute noch gibt«, antwortete Bast. »Sie wissen doch, wie es heißt: Nichts ist wirklich kompliziert, wenn man es kann.«

»Und Sie können das lesen?« Arthurs Stimme klang geradezu ehrfürchtig, und Bast hätte um ein Haar geschmeichelt genickt, besann sich dann aber im letzten Moment eines Besseren.