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»Du kommst spät«, sagte Horus, nachdem er in ihren Augen gelesen hatte, dass sie ihn nicht angreifen würde. »Ich warte schon eine ganze Weile auf dich. Was hat dich aufgehalten?«

Bast sah ihn fragend an.

»Ich habe dich gerufen«, sagte Horus. »Oder glaubst du wirklich, du bist ganz allein plötzlich auf die Idee gekommen, den Obelisken zu besichtigen?« Er schüttelte seufzend den Kopf. »Sollte ich anfangen, mir ernsthafte Sorgen um dich zu machen, Bastet? Anscheinend verbringst du zu viel Zeit mit deinen menschlichen Freunden.«

»Ich dachte, wir wären auch menschlich«, antwortete Bast. »Wenigstens ein paar von uns.«

»Du weißt genau, was ich meine«, erwiderte Horus leicht verärgert.

»Ja«, gestand Bast. »Aber was ich nicht weiß ist, was du hier willst. Du hast mich gerufen? Warum?«

»Aus demselben Grund, aus dem du nach Isis gesucht hast, aber hoffentlich mit mehr Erfolg«, antwortete Horus. »Um noch einmal mit dir zu reden.« Er zuckte die Achseln. »Ich kenne dich ja wirklich gut genug, um zu wissen, dass es wahrscheinlich sinnlos ist, aber ich appelliere trotzdem noch einmal an deine Vernunft: Komm zurück zu uns, Bastet. Du gehörst nicht hierher. Weder in dieses Land noch zu diesen Menschen. Du weißt das.«

»Und wenn nicht?«, fragte Bast. »Fährst du dann fort, sie umzubringen?« Sie machte eine zornige Geste, als er antworten wollte. »Warum hast du das getan, Horus? Nur weil ich sie zufällig gekannt habe?«

»Was getan?«, fragte Horus. Er spielte perfekt den Ahnungslosen.

»Kate und Liz«, antwortete Bast zornig. »Du hast sie getötet - und versuch erst gar nicht, es zu leugnen. Ich habe dich gesehen. Dich oder Sobek, aber wahrscheinlich wart ihr es ohnehin gemeinsam. Habt ihr auch die beiden anderen umgebracht?«

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, behauptete Horus. »Und es interessiert mich auch nicht. Ich bin gekommen, um dich ein letztes Mal zu warnen. Du begehst einen schlimmen Fehler, wenn du dich zu sehr mit diesen Sterblichen einlässt. Du gehörst nicht zu ihnen. Du kannst so wenig unter ihnen leben wie einer von ihnen unter uns.«

»Und dann?«, fragte Bast. »Was genau habt ihr vor?«

»Wir werden uns zurückziehen und warten, bis all das hier vorbei ist und wir unseren angestammten Platz wieder einnehmen können«, antwortete Horus ernst. »Auch dieses Reich wird fallen, so wie alle anderen zuvor.«

Bast lachte nur. »Du irrst dich, Horus«, sagte sie. »Die Zeit der Götter ist vorbei. Endgültig. Vielleicht hat es sie nie gegeben.«

Horus setzte zu einer sichtlich scharfen Antwort an, beließ es aber dann bei einem Seufzen und einem langsamen Kopfschütteln und drehte sich halb herum, um zu Arthurs Wagen zu blicken. »Ich sehe, du hast dir ein neues Haustier zugelegt«, sagte er. »Dein Geschmack war auch schon einmal besser. Wie ich es sage: Du verbringst zu viel Zeit mit diesen Sterblichen.«

»Wenn das alles ist, was du mir mitteilen wolltest, kann ich ja jetzt gehen«, erwiderte Bast kühl. »Ich habe noch eine Verabredung.«

Horus bedachte sie mit einem sonderbaren Blick, in dem sie Herablassung und Verachtung las, aber auch noch etwas anderes, das sie nicht genau einordnen konnte. »Sobek und ich reisen in einer Woche ab«, sagte er. »Wir hoffen, dass du mit uns kommst.«

»Und wenn nicht?«, fragte Bast. »Tötet ihr mich dann? Oder bringt ihr nur jeden um, der das Pech hat, mich zu kennen?«

»Das ist vielleicht gar keine so schlechte Idee«, sagte Horus kalt. »Ich werde darüber nachdenken ... auch wenn es gar nicht nötig ist.«

»Was soll das heißen?«, fragte Bast.

Aber sie bekam keine Antwort. Horus lächelte nur geheimnisvoll, nickte ihr noch einmal zu und ging dann mit langsamen Schritten davon. Diesmal ersparte er ihr den billigen Effekt, einfach zu verschwinden, sondern ging einfach gemessenen Schrittes davon, aber Bast ärgerte sich über den Anblick mindestens ebenso sehr. Niemand nahm von der riesigen, vollkommen schwarzen Gestalt mit Turban und Mantel auch nur Notiz, weil außer ihr niemand hier Horus so sah wie sie, sondern vermutlich nur einen ganz normalen Passanten wahrnahm, der sich in nichts von irgendeinem der anderen hier unterschied; eine vielleicht subtilere, zugleich aber noch plattere Zurschaustellung seiner Macht, über die der Unsterbliche gebot. Bast war nicht sicher, ob sie dazu imstande gewesen wäre; nicht einmal im Vollbesitz ihrer Kräfte.

Sie verscheuchte den Gedanken und ging.

Scotland Yard hatte nichts mit einem Hof zu tun und wirkte zumindest auf Bast nicht im Geringsten schottisch oder gar irgendwie beeindruckend, sondern einfach nur groß, klobig und ziemlich planlos. In ihren Augen bestand der Komplex aus nichts anderem als einer Anhäufung monströser steinerner Würfel, die jemand ohne den mindesten Sinn für Ästhetik über- und nebeneinandergestapelt und mit einem in den Augen schmerzenden Konglomerat erbeuteter, nachgemachter oder auch schlecht neu geschaffener Kunstwerke verziert hatte.

Darüber hinaus hatte Arthur recht: Die offizielle Eröffnung des Gebäudes mochte kurz bevorstehen, aber es war trotzdem noch immer eine einzige große Baustelle. Trotz der schon fortgeschrittenen Stunde wimmelte die Straße vor dem Gebäude von Fuhrwerken, die Arbeiter und die verschiedensten Baumaterialien ankarrten. Die Fenster in den oberen Stockwerken hatten noch kein Glas, und aus allen Richtungen drang hektisches Hämmern und Sägen, Hantieren und Rufen und Werkeln an ihr Ohr. Ein durchdringender Geruch nach Kalk und frischer Farbe schlug ihr entgegen, als sie sich dem weit offen stehenden schmiedeeisernen Tor näherte, und obwohl die Sonne noch nicht untergegangen war, brannte bereits hinter jedem einzelnen Fenster in den unteren Stockwerken Licht.

Bast steuerte einen der beiden Bobbys an, die frierend, aber nichtsdestotrotz sehr aufmerksam rechts und links des Tores standen und misstrauisch jeden beäugten, der sich dem Gebäude näherte oder auch nur mehr als einen flüchtigen Blick in seine Richtung warf. Sie kam jedoch nicht einmal dazu, etwas zu sagen, denn der Mann trat ihr auf dem letzten Stück seinerseits entgegen und sprach sie an.

»Sie müssen Miss Bast sein«, sagte er. »Man erwartet Sie bereits.«

Bast konnte ihn im ersten Moment nur verwirrt ansehen. Sie hatte deutlich länger für den Weg hierher gebraucht als erwartet und war nun zu spät - wenn auch nur wenige Minuten -, was den leisen Tadel in seiner Stimme erklären mochte, aber woher wusste er, wer sie war?

»Sie kennen mich?«, fragte sie überrascht.

»Inspektor Abberline hat Sie avisiert, Ma'am«, antwortete er. »Und nichts für ungut, aber ...«

»Ich verstehe schon«, seufzte Bast. »So leicht bin ich nicht zu verwechseln.« Vielleicht hatte Isis ja gar nicht so unrecht mit ihrem Entschluss gehabt, nicht in ihrer eigenen Gestalt aufzutreten. »Dann bringen Sie mich jetzt freundlicherweise zu ihm.«

»Selbstverständlich, Ma'am. Wenn Sie mir bitte folgen würden.« Der Beamte wandte sich gehorsam um, blieb aber schon nach zwei Schritten wieder stehen und maß sie mit einem unsicheren Blick von Kopf bis Fuß. »Es ist mir zwar unangenehm, Ma'am, aber wir haben neue Vorschriften, nach denen ich Sie eigentlich nach Waffen durchsuchen müsste.«

»Das ist nicht nötig«, sagte Bast sanft.

»Natürlich nicht, Ma'am«, antwortete er automatisch. »Bitte verzeihen Sie. Wenn Sie mir bitte folgen.«

Vorbei an zwei weiteren Polizisten, die eine im Vergleich zu dem protzigen Gebäude geradezu bescheiden wirkende Treppe flankierten, gingen sie zu einer zweiflügeligen Tür, die in einen ebenso bescheidenen Eingangsbereich führte. Auf einen knappen Wink ihres Führers hin blieb Bast stehen und sah sich unverhohlen neugierig um, während der Bobby zu einem seiner Kollegen eilte, der hinter einem vergitterten Schalter saß und eifrig Eintragungen in einen überdimensionalen aufgeschlagenen Folianten machte. Weitere Beamte saßen an einer Anzahl scheinbar wahllos im Raum verteilter Plätze, und neben der großen Tür am anderen Ende des Raumes stand ein weiterer Posten, der sie weit weniger freundlich beäugte als sein Kollege, der sie hereingeführt hatte. Eine Anzahl moderner Gaslampen an den Wänden und unter der Decke verbreitete nahezu schattenloses Licht, und auch hier drinnen roch alles neu und frisch. Kostbares Holz und goldgerahmte Bilder, die ausnahmslos irgendwelche Würdenträger oder Adelige zeigten - welche Bast ausnahmslos nicht kannte -, beherrschten die Wände, und auch das Mobiliar war neu und noch so gut wie unbenutzt. Alles wirkte ... steril, obwohl die Beamten eine Atmosphäre stiller Hektik verbreiteten. Dieses Gebäude war noch nicht lange genug bewohnt, um eigenes Leben entwickelt zu haben.