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Bast sah sich weiter unverhohlen neugierig um, wobei sie sich der nicht minder neugierigen und verwunderten Blicke, mit denen die Anwesenden sie verstohlen musterten, in jeder Sekunde bewusst war, und wollte sich gerade mit einer belanglosen Frage an einen der Männer ringsum wenden, und sei es nur, um das immer betretener werdende Schweigen zu brechen, das sich in ihrer unmittelbaren Umgebung breitzumachen begann, als sie eine Bewegung am anderen Ende des Raumes wahrnahm. Etwas daran alarmierte sie, ohne dass sie sagen konnte, was. Verwundert wandte sie den Kopf - und hätte fast einen erschrockenen Schrei ausgestoßen.

Am gegenüber liegenden Ende des Raumes hatte sich eine Tür geöffnet, und drei Männer waren herausgetreten. Zwei von ihnen trugen dieselbe Art von schmuckloser schwarzer Uniform wie der Beamte, der sie hereingebracht hatte, nur mit etlichen Messingknöpfen und blitzenden Abzeichen mehr, der dritte einen eleganten schwarzen Cut samt Zylinder und Gehstöckchen. Noch auffälliger als seine geckenhafte Kleidung allerdings war der gezwirbelte Schnauzbart, der sein Gesicht zierte ... und der Umstand, dass selbiges auf einer Seite unförmig angeschwollen und zum Teil blauschwarz verfärbt war.

Bast erkannte ihn trotzdem auf Anhieb wieder, und das, obwohl er bei ihrem letzten Zusammentreffen nichts weiter als schwarze Socken getragen hatte ...

Sie war dennoch im allerersten Moment so verblüfft, dass es um ein Haar zu einem Unglück gekommen wäre. Die drei Männer kamen ohne Eile näher, und der Schnauzbärtige unterhielt sich gelassen mit seinen beiden Begleitern - die ihn überdies mit unübersehbarem Respekt behandelten - und schien dabei allerbester Laune zu sein; dann und wann ließ er eine offensichtlich scherzhafte Bemerkung fallen, auf die die beiden mit einem gehorsamen Lächeln reagierten, und einmal lachte er sogar laut; was ihm zweifellos nicht leicht fiel, denn seine Lippen waren geschwollen und seine Mundwinkel mit verschorftem Blut verkrustet. Bast starrte ihn so verblüfft an, dass sie beinahe zu spät reagiert hätte, als er näher kam und dabei beiläufig in ihre Richtung sah.

Im buchstäblich allerletzten Moment begriff sie die Gefahr, in der sie schwebte, machte einen halben Schritt zurück und verschmolz gleichzeitig mit den Schatten, und für einen winzigen Moment erschien ein Ausdruck von Verwirrung in den blutunterlaufenen Augen des Schnauzbärtigen. Er stockte, runzelte die Stirn und schien sich selbst in Gedanken eine Frage zu stellen, auf die er aber ganz offensichtlich keine Antwort fand.

»Mylord?« Einer der beiden Beamten in seiner Begleitung sah ebenfalls - besorgt - in ihre Richtung, erblickte aber ganz offensichtlich nichts Außergewöhnliches. Trotzdem fuhr er fort: »Stimmt irgendetwas nicht?«

Bast hielt instinktiv den Atem an. Sie war vollkommen sicher, sich seinen Blicken entzogen zu haben, und trotzdem starrte der Schnauzbärtige verunsichert und ganz eindeutig zu lange in ihre Richtung. Dann aber schüttelte er fast hastig den Kopf und zwang ein ebenso übertriebenes wie unechtes Lächeln auf seine verunstalteten Lippen. »Es ist alles in Ordnung«, sagte er hastig und ging weiter; so dicht an Bast vorbei, dass sie ihn mühelos mit der ausgestreckten Hand hätte berühren können. »Bitte verzeihen Sie mir. Wie es scheint, fange ich schon an, Gespenster zu sehen.«

»Was ja auch kein Wunder ist, Mylord«, versicherte der Beamte hastig. »Ein solches Erlebnis hinterlässt seine Spuren, selbst bei unseren Männern, und die sind ... äh ... solcherlei Zwischenfälle gewohnt.«

»Was schlimm genug ist«, antwortete der Schnauzbärtige. »Wir müssen etwas gegen die Gewalttätigkeit in diesen Vierteln unternehmen, Superintendent. Wo kommen wir hin, wenn ein unbescholtener Bürger nicht einmal mehr über die Straße gehen kann, ohne grundlos überfallen zu werden.«

Die drei verließen das Gebäude, und Bast trat ihrerseits wieder in die Wirklichkeit zurück und begegnete dem vollkommen fassungslosen Blick ihres Führers, der gerade im richtigen Moment zurückgekommen war, um zu sehen, wie sie wortwörtlich aus dem Nichts heraus erschien. Rasch sorgte sie dafür, dass er die letzten Sekunden schlichtweg vergaß und schenkte ihm das freundlichste Lächeln, das sie im Moment nur zustande brachte.

»Das ging ja schnell.«

Der Beamte starrte sie noch eine halbe Sekunde lang verwirrt an, bedeutete ihr dann aber mit einer Geste, ihr zu folgen. »Bitte entschuldigen Sie die Umstände, aber im Moment geht hier alles noch ein wenig drunter und drüber.« Er klang leicht verstört.

»Weil alles noch neu ist.«

»Ein neues Gebäude, neue Vorschriften und Regeln ... und jeder nimmt alles furchtbar ernst.« Der Mann lächelte flüchtig - und immer noch irgendwie verwirrt, als frage er sich insgeheim, was gerade eigentlich passiert war -, während er sie vorbei an seinen Kollegen und einen langen Flur hinabführte, von dem zahlreiche Türen abzweigten. Die allermeisten Zimmer dahinter waren leer, wie Bast spürte, aber trotzdem brannte in jedem einzelnen Licht. »Aber das gibt sich, wenn hier erst einmal so etwas wie Alltag eingekehrt ist.«

Da Bast spürte, was er von ihr erwartete, tat sie ihm den Gefallen und sagte: »Ein wirklich beeindruckendes Gebäude. Die Polizeistationen in meiner Heimat sehen ein wenig anders aus.«

»London ist auch die größte Stadt der Welt«, antwortete ihr Führer stolz. »Und wir sind hier fast für die gesamte Stadt zuständig. Natürlich nicht für die kleinen Ganoven - mit Taschendieben und kleinen Betrügern werden die anderen Reviere schon ganz gut allein fertig -, sondern nur für Kapitalverbrechen, aber London hat leider auch davon mehr als genug.«

Bast fragte sich amüsiert, was die Belegschaften der anderen Reviere wohl von dieser wenig schmeichelhaften Meinung halten würden. »Wieso nennt man es Scotland Yard?«, fragte sie. »Ich finde, es sieht hier nicht besonders schottisch aus.« Mittlerweile gingen sie eine lange, mit einem dicken Läufer bedeckte Treppe hinauf, die eher in ein königliches Schloss zu gehören schien als in ein Polizeihauptquartier. Auch hier hingen kostbare Gemälde an den Wänden. Die darauf abgebildeten Personen schienen ausnahmslos auf die Besucher hinabzusehen, wodurch sich jeder, der diese Treppe hinaufging, ganz unwillkürlich klein und unbedeutend vorkam, und ganz zweifellos war dieser Effekt auch durchaus beabsichtigt. Bast vermutete sogar, dass diese Bilder zu keinem anderen Zweck gemalt worden waren.

»Das hier ist New Scotland Yard«, antwortete ihr uniformierter Begleiter. »Bisher lag es am anderen Ende von Whitehall. Great Scotland Yard - der schottische Hof - war vor der Vereinigung von England Residenz der schottischen Könige, wenn sie in London waren, oder ihrer Botschafter. Aber das ist schon über zweihundert Jahre her. Eine lange Zeit. Heute arbeiten wir hier mit den modernsten Methoden der Welt. Wussten Sie, dass Scotland Yard bisher jeden Fall gelöst hat?« Er nickte heftig, obwohl es Bast nicht einmal in den Sinn gekommen war, seine kühne Behauptung zu hinterfragen. »Bisher haben wir noch jedes Verbrechen aufgeklärt.«