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Bast vermutete eher, dass sie für jedes Verbrechen einen Schuldigen gefunden hatten, was ganz und gar nicht dasselbe war, aber der Stolz in seiner Stimme war zu groß, dass sie ihm lieber nicht widersprach. Wahrscheinlich war das bisschen Ruhm, das von diesem Gebäude und seinem Ruf auf ihn abstrahlte das Einzige, was sein tristes Dasein als Wachtposten aufhellte. Sie sagte nichts mehr, während sie eine zweite, von mindestens genauso beeindruckenden Gemälden flankierte Treppe hinauf und dann einen langen Korridor entlanggingen, was ihn allerdings nicht davon abhielt, fröhlich weiterzuplappern und sie mit historischen Details, Daten und Fakten zu überschütten, von denen die Hälfte vermutlich nicht stimmte und die andere Hälfte sie nicht interessierte. Sie war dennoch mehr als erleichtert, als sie endlich eine zweiflügelige Tür mit kunstvoll geschnitzter Füllung erreichten. Ihr Führer klopfte, wartete einen höflichen Augenblick ab und drückte dann die Klinke herunter, ohne dass irgendeine Reaktion erfolgt wäre.

»Ich warte hier auf Sie, Ma'am«, sagte er.

Bast bedankte sich mit einem artigen Nicken, trat an ihm vorbei und gelangte in einen weitläufigen, anders als der Rest des Gebäudes nur schwach erhellten Raum, der von einem überdimensionalen Kamin und einem nicht minder riesigen Schreibtisch beherrscht wurde. Ein durchdringender Geruch nach Tabakqualm lag in der Luft, und die Wände wurden fast zur Gänze von - allerdings nahezu leeren - Bücherregalen beherrscht. An dem wuchtigen Schreibtisch saßen drei Männer, von denen zwei bei ihrem Eintreten höflich aufstanden - Abberline und zu Basts nicht geringer Überraschung kein anderer als Jacob Maistowe -, während der dritte, ein Herr mittleren Alters mit einem Schopf dunklen Haares und weißem Schnauz- und Backenbart, gekleidet in einen hoch geknöpften Anzug mit Stehkragen, ungerührt sitzen blieb und sie kühl, aber sehr aufmerksam musterte, während er an einer silbernen Zigarettenspitze sog.

»Miss Bast!« Abberline trat ihr entgegen. »Sie sind ...«

»... zu spät, ich weiß«, unterbrach ihn Bast. »Es tut mir leid. Ich fürchte, ich habe den Weg wohl doch ein wenig unterschätzt.«

»Ich bin es, der sich entschuldigen muss«, widersprach Abberline. »Ich habe Sie nach Whitehall bestellt und zu spät begriffen, dass das nur für mich dasselbe ist wie Scotland Yard. Das war unverzeihlich. Ich bin zurückgekommen, um dieses Missverständnis aufzuklären, aber da waren Sie leider Gottes schon unterwegs.«

»Ich habe die Gelegenheit genutzt, um mir London anzusehen«, antwortete Bast. »Was man an einem halben Tag davon sehen kann, heißt das.«

»Es gibt Menschen, die ihr halbes Leben in London verbringen und es noch nicht kennen«, sagte Abberline lächelnd. Er zog einen Stuhl zurück und deutete auf den Weißhaarigen hinter dem Schreibtisch, dessen Blick Bast die ganze Zeit über nicht losgelassen hatte. »Wenn ich vorstellen darf: Mr James Monro, Leiter der Spezialabteilung. Mr Monro - Miss Bast.«

Monro? Bast hatte das Gefühl, dass ihr dieser Name etwas sagen sollte, aber der Gedanke entschlüpfte ihr, bevor sie ihn richtig zu fassen bekam. Monro nickte, immer noch schweigend, legte aber zumindest seine Zigarettenspitze aus der Hand und bedeutete Bast mit einer wortlosen Geste, Platz zu nehmen. Sein scharfer Blick war ihr auf Anhieb unsympathisch.

»Ich bin überrascht, Sie hier zu sehen, Kapitän«, wandte sich Bast an Maistowe, nachdem sie Platz genommen und sich auch Abberline und Maistowe wieder gesetzt hatten. »Was genau haben Sie mit dieser Angelegenheit zu tun?«

»Dasselbe wie Sie, Verehrteste«, antwortete Maistowe. »Nichts. Aber nachdem Frederick zurückkam und mir gebeichtet hat, Sie versehentlich auf eine kleine Odyssee geschickt zu haben, habe ich darauf bestanden, ihn zu begleiten und Sie nötigenfalls zu suchen.«

»So schnell gehe ich nicht verloren, keine Sorge«, antwortete Bast lächelnd. Sie spürte, dass er log. Oder ihr zumindest etwas verschwieg.

»Ich habe Inspektor Abberline gebeten, Kapitän Maistowe zu diesem Gespräch mitzubringen«, sagte Monro ruhig. Er hatte eine überraschend kraftvolle und zugleich sanfte Stimme, fand Bast. Aber auch sie machte ihr diesen Mann nicht wirklich sympathischer. Nun ja, zumindest schien er nicht viel von Smalltalk zu halten.

»Darf ich fragen, warum?«, gab sie ebenso offen zurück.

»Aus dem gleichen Grund, aus dem ich Sie hierher gebeten habe, gnädige Frau«, antwortete er. »Ich habe mir vom Hafenmeister die Papiere der Lady of the Mist kommen lassen und seine Angaben überprüft. Das Schiff ist tatsächlich erst vor drei Tagen in England angekommen, und die Papiere bestätigen seine Abfuhr in Kairo acht Tage zuvor. Sie sind dort an Bord gegangen?«

»Wie Sie zweifellos ebenfalls überprüft haben«, antwortete Bast kühl. »Darf ich fragen, warum Sie mein Alibi überprüfen, Mr Monro?«

»Das geht nicht gegen Sie persönlich«, versicherte Abberline hastig. Die Situation war ihm sichtlich peinlich. »Es ist reine Routine. Mr Monros Abteilung berät uns im Fall der so genannten Ripper-Morde.«

»Nachdem Sie mit Ihren Ermittlungen nicht weitergekommen sind, vermute ich«, meinte Bast.

Abberline wurde blass, und Monro machte sich nun nicht einmal mehr die Mühe, Freundlichkeit zu heucheln. Er griff wieder nach seiner Zigarettenspitze und nahm einen tiefen Zug, atmete den Rauch aber nicht wirklich ein. »Es besteht kein Grund zur Beunruhigung für Sie, Miss Bast«, sagte er. »Es ist so, wie Inspektor Abberline sagt: Ein solches Vorgehen ist reine Routine, in einem Fall wie diesem. Und wer ein gutes Gewissen hat, der hat schließlich auch nichts zu befürchten. Ich gehe im Moment nicht davon aus, dass Sie irgendetwas mit diesen schrecklichen Verbrechen zu tun haben.«

Bast ignorierte das »im Moment«. »Und warum bin ich dann hier?«, fragte sie.

»Ich habe Mr Monro von Ihnen erzählt, Bast«, sagte Abberline rasch, »und er ist genau wie ich der Meinung, dass Sie uns vielleicht bei der Aufklärung dieser Morde behilflich sein könnten.«

Auch das war zumindest nicht die ganze Wahrheit, wie Bast spürte, aber sie runzelte trotzdem nur die Stirn und fragte: »Wieso ich?«

»Sie stammen aus Ägypten, gnädige Frau?«, fragte Monro, bevor Abberline antworten konnte. Er wartete ihre Antwort auch gar nicht ab, sondern fuhr unmittelbar fort. »Nun, wie Sie vielleicht gehört haben, gnädige Frau, ist Scotland Yard für seine modernen Ermittlungsmethoden bekannt. Kluge Männer wie zum Beispiel Inspektor Abberline hier sind dafür bekannt, auch mit unkonventionellen Mitteln an einen Fall heranzugehen, und die Fakten aus ... sagen wir: ungewöhnlichen Blickwinkeln zu hinterfragen.« Er warf Abberline einen Blick zu, der Bast beinahe drohend vorkam. »Inspektor Abberline hat Ihnen berichtet, dass es da gewisse Fakten gibt, über die wir die Presse und die Öffentlichkeit bisher nicht informiert haben?«

Bast unterdrückte den Impuls, Abberline einen fragenden Blick zuzuwerfen. Sie konnte spüren, wie unwohl er sich fühlte. »Sie meinen die Männer in Schwarz?«, fragte sie. »Die so aussehen wie ich?« Sie schüttelte den Kopf. »Nicht mehr, als dass sie gesehen wurden ... angeblich. Ich wüsste nicht, inwiefern ...«

»Nicht angeblich«, unterbrach Monro sie kühl. »Sie wurden gesehen, von mehreren Zeugen. Man könnte sich nun durchaus fragen, ob es tatsächlich ein Zufall ist, dass Sie ausgerechnet jetzt hier auftauchen, gnädige Frau. Wie es der Zufall will, war ich früher in Indien und bin auf dem Rückweg durch Ihr Heimatland gereist; die Menschen dort sind mir also nicht gänzlich unbekannt. Eine Erscheinung wie die Ihre ist auch dort zumindest ungewöhnlich, stimmen Sie mir da zu?«

»Worauf wollen Sie hinaus?«, fragte Bast.

»Inspektor Abberline hat mir erzählt, dass Sie nach England gekommen sind, um nach einem Bekannten zu suchen?«, fragte Monro.