»Einer Bekannten«, verbesserte ihn Bast betont. »Genauer gesagt, meiner Schwester. Und ich kann Ihnen versichern, dass sie bestimmt nicht herumläuft und Menschen aufschlitzt.«
»Das glaube ich Ihnen gern«, antwortete Monro. »Ich würde Sie trotzdem bitten, Inspektor Abberline die Adresse dieser Dame zu geben.«
»Sobald ich sie herausgefunden habe«, antwortete Bast. »Ich bin hierhergekommen, um sie zu suchen.«
»Das heißt, Sie haben sie noch nicht ausfindig gemacht«, seufzte Monro. Und wissen also auch nicht, wo sie zu den fraglichen Zeitpunkten war. »Das ist bedauerlich. Dennoch ...« Sein Blick wurde nachdenklich. »Lassen Sie mich noch einmal auf Ihre Kleidung zurückkommen, Miss Bast. Sie ist recht ... ungewöhnlich. Symbolisiert sie möglicherweise die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Kaste?«
Bast sah ihn fragend an.
»Vielleicht einer religiösen Gruppierung?«
»Einer Sekte, meinen Sie?«
Monro wedelte unwillig mit seiner Zigarettenspitze. »Ich wollte damit keinerlei Wertung abgeben«, sagte er. »Nur sind diese Morde ... recht bizarr. Sie könnten durchaus religiös motiviert sein. Sie wissen, dass dieser Wahnsinnige seine Opfer regelrecht ausgeweidet hat?«
»Er hat ihnen die inneren Organe entfernt, ja.« Bast nickte. »Inspektor Abberline hat so etwas erwähnt.«
Monros Blick wurde durchdringend. »Gab es diese Sitte in Ihrem Land nicht ebenfalls?«
»Vor langer Zeit, ja«, bestätigte Bast. »Zur Zeit der Pharaonen. Tatsächlich hat man den toten Pharaonen die inneren Organe entnommen, bevor sie einbalsamiert wurden ... aber das ist dann doch ein kleiner Unterschied.«
»Das sehen Sie so, gnädige Frau, und ich, weil wir beide vernünftige und logisch denkende Menschen sind«, antwortete Monro. »Wenn man es mit, sagen wir, religiösen Fanatikern zu tun hat, verliert das Wort Logik leider Gottes manchmal nur zu schnell seine Bedeutung.«
»Religiöse Fanatiker?«
»Vielleicht auch einfach nur Verrückte«, sagte Monro. »Ich muss gestehen, dass wir im Moment ziemlich im Dunkeln tappen, aber wir gehen allen Hinweisen nach. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie werden in keiner Weise verdächtigt. Doch im Augenblick sind wir für jede Hilfe dankbar. Ganz gleich von welcher Seite.«
Das war es, was er sagte. Was er dachte, war etwas vollkommen anderes. Bast musste seine Gedanken nicht einmal lesen, um das zu begreifen. Dass dieser Mr Monro, obwohl er angeblich für das Innenministerium arbeitete, hier als Berater in Scotland Yard residierte, war schon suspekt genug. Es ging ihm gar nicht wirklich um die Aufklärung der Morde, es war alles nur ein Teil eines Machtspiels. Monro brauchte einfach einen Schuldigen, den er der Öffentlichkeit präsentieren konnte, um sich selbst zu profilieren und womöglich dem amtieren Polizeichef, der in diesem ganzen Fall bislang keine sehr glückliche Figur abgegeben hatte, eins auszuwischen und sich selbst als Nachfolger ins Gespräch zu bringen. Wahrscheinlich dachte er insgeheim schon über einen Weg nach, sie trotz ihrer Alibis auf die Liste der möglichen Verdächtigen zu setzen.
»Wo immer ich Ihnen helfen kann, tue ich es gern«, antwortete sie. »Aber ich fürchte, ich weiß noch sehr viel weniger über die schreckliche Angelegenheit als Sie.«
»Und einen Photographen namens Saperstein kennen Sie auch nicht«, vermutete Monro.
Bast schüttelte wahrheitsgemäß den Kopf. »Wer soll das sein?«
»Ein Journalist, der mir dann und wann einen Gefallen tut«, antwortete Abberline an Monros Stelle. »Sie müssten ihn eigentlich gesehen haben. Er hat heute Morgen Photographien gemacht, in der Goulsten Street.«
»Und?«
»Er hatte mir zugesagt, die Abzüge bis spätestens Mittag in meinem Büro abzugeben«, sagte Abberline. »Seither hat niemand mehr etwas von ihm gesehen oder gehört.«
»Was nichts bedeuten muss«, fügte Monro düster hinzu. »Diese Presseleute zählen nicht unbedingt zu den Menschen, die ich kenne.«
Und nicht unbedingt zu denen, die er am meisten mochte, fügte Bast in Gedanken hinzu. »Sie mögen die Presse nicht besonders.«
»Nein«, gestand Monro unumwunden. »Und seit heute sogar noch ein bisschen weniger.«
Bast runzelte fragend die Stirn, und Monro warf Abberline einen ebenso missmutigen wie auffordernden Blick zu, woraufhin dieser unter seine Jacke griff und einen zusammengefalteten Zettel herauszog, den er Bast reichte. »Das wurde heute der Central News Agency zugestellt«, sagte er. »Eine Postkarte, angeblich vom Ripper persönlich abgeschickt.«
Bast faltete das Blatt auseinander. Es war keine Postkarte, sondern eine in einer fast unleserlichen Handschrift ausgeführte Abschrift derselben, die selbst Bast in dem schwachen Licht nur mühsam entziffern konnte.
Abberline nahm ihr die Arbeit ab. »Das meiste sind die üblichen Beschimpfungen und Angebereien«, sagte er. »Der Kerl verhöhnt die Polizei, wie üblich ...« Er hob die Schultern. »Wortwahl und Diktion ähneln den anderen Briefen, aber leider liegt uns die originale Postkarte nicht vor, sondern nur diese Kopie, die mir zugespielt wurde, sodass ich die Handschrift nicht vergleichen kann, aber ich bin dennoch sicher, dass der Verfasser dieser Karte und der der vorherigen Ripper-Briefe identisch sind.«
Er hatte nicht gesagt »der Ripper«, dachte Bast, sondern »der Verfasser der Ripper-Briefe«. »Sie glauben nicht, dass diese Briefe von dem wirklichen Mörder stammen?«, fragte sie.
»Vielleicht ja, vielleicht will sich auch nur einer dieser Schmieranten wichtig machen«, antwortete Monro. »Das Ergebnis bleibt sich gleich.« Er nahm Bast das Blatt aus der Hand, legte es mit der Schrift nach unten vor sich auf den Tisch und warf Abberline einen zornigen Blick zu.
»Und welches wäre das?«
»Panik«, sagte Monro finster. »Allmählich beginne ich mich zu fragen, ob der wahre Grund für diese Morde nicht darin besteht, Unruhe und Panik unter der Bevölkerung Londons zu schüren.«
»Vier Tote sind schlimm«, sagte Bast ernst, »aber doch kaum schlimm genug, um gleich einen Aufruhr zu verursachen, oder?«
»Es sind vermutlich weit mehr als vier«, sagte Abberline. »Das ist unser Problem. Es gibt vier Bekennerbriefe, dieses ... Pamphlet von heute mitgerechnet, und die Unruhe unter der Bevölkerung wächst mit jedem einzelnen, aber wir haben eine ganze Anzahl weiterer Toter, von denen wir ... vermuten, dass sie demselben Täter zuzuschreiben sind. Sollte das bekannt werden ... nun ... Whitechapel ist ein Pulverfass, Miss Bast. Und die Zündschnur wird mit jedem Mord kürzer, den wir nicht aufklären. Die Presse macht es uns nicht unbedingt leichter, fürchte ich.« Er deutete mit einem tiefen Seufzen auf den Brief vor Monro. »Mein Vertrauensmann bei der Presse riskiert seine Anstellung, indem er mir diese Abschrift zukommen ließ. Die Presse ist in diesem Fall leider nicht besonders kooperativ. Normalerweise hätten wir aus der Zeitung von morgen Kenntnis von dieser Postkarte erhalten.«
»Aber warum?«
»Das ist möglicherweise meine Schuld«, sagte Monro. »Ich war und bin der Meinung, dass diese Bekennerbriefe nichts als Fälschungen sind, geschrieben von einem sensationslüsternen Journalisten, der auf diese Weise die Auflage seiner Gazette in die Höhe zu treiben versucht. Und ich habe aus dieser Einstellung nie einen Hehl gemacht.«
»Der Verfasser dieser Karte weiß immerhin, dass es in der vergangenen Nacht zwei Morde gegeben hat«, gab Abberline zu bedenken. »Und er wusste auch von der Kreideschrift an der Wand.«
»Wie jeder, der dort war«, sagte Monro.
»Aber die Karte wurde vor den beiden Morden abgeschickt«, sagte Abberline. »Sie muss bereits gestern Abend aufgegeben worden sein, denn sie kam bereits heute Mittag in der Redaktion an.«
»Das behaupten Ihre Freunde von der Presse«, schnaubte Monro. »Sie können diese Karte ebenso selbst geschrieben haben ... wer weiß - vielleicht war es am Ende sogar dieser Saperstein selbst, auf den Sie ja so große Stücke halten?« Abberline wollte etwas dazu sagen, aber Monro brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Verstummen, noch bevor er überhaupt den Mund aufmachen konnte, und fuhr stirnrunzelnd und weiter direkt an Bast gewandt fort: »Also gut. Leider ist meine Zeit begrenzt. So sehr ich es auch genieße, mit Ihnen zu plaudern, rufen mich doch leider auch andere, weitaus unerfreulichere Pflichten. Ich kann mich also darauf verlassen, dass Sie Inspektor Abberline auf dem Laufenden halten, was die Suche nach Ihrer Freundin angeht?«