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Bast konnte sich nicht erinnern, irgendetwas in dieser Art gesagt zu haben und starrte Monro nur verblüfft an, was diesem als Antwort aber vollkommen zu genügen schien. »Und Sie informieren den Inspektor auch, falls Sie vorhaben, die Stadt zu verlassen.«

Bast schluckte ihren Ärger zwar mühsam herunter, konnte sich aber nicht verkneifen, in scharfem Ton zu sagen: »Und auch, wenn mir zwei Hobby-Einbalsamierer über den Weg laufen sollten, die sich um ein paar tausend Jahre in der Zeit geirrt haben. Selbstverständlich.«

Abberline sog hörbar die Luft zwischen den Zähnen ein, und auch Maistowe wurde deutlich blasser. Monro sagte eisig: »Das ist nicht im Geringsten komisch, Gnädigste. Wir haben es hier mit einem Irren zu tun, der offenbar wahllos Frauen abschlachtet, und es ist meine Aufgabe, die nationale Sicherheit zu bewahren. Ich weiß nicht, wie es dort ist, wo Sie herkommen, aber von mir erwartet man, dass ich diese Aufgabe ernst nehme. Und genau das werde ich tun. Ich werde jeder Spur in diesem Fall nachgehen, und sei sie noch so abwegig oder absurd.«

»Bin ich denn eine Spur?«, fragte Bast kühl.

Monro blieb vollkommen unbeeindruckt. »Das weiß ich nicht«, antwortete er. »Ganz offensichtlich haben Sie zumindest für die ersten Morde ein Alibi. Aber irgendetwas sagt mir, dass Sie etwas mit dieser Geschichte zu tun haben, und sei es nur, dass Sie mir etwas verschweigen. Und solange ich dieses Gefühl habe, werde ich Sie im Auge behalten. Ich kann nur hoffen, dass Sie Verständnis dafür haben.«

Das hatte Bast sogar. So sehr sie seine überhebliche Art auch ärgerte, spürte sie zugleich auch die Entschlossenheit dahinter: Er wollte diesen Fall zu einem Abschluss bringen, und er war nicht zu unterschätzen. Ein Mann mit einem klaren Ziel vor Augen, der notfalls über Leichen ging.

»Sicher«, sagte sie. »Bitte verzeihen Sie, wenn ich mich im Ton vergriffen hatte. Sollte ich irgendetwas herausfinden oder mir noch etwas einfallen, gebe ich Inspektor Abberline Bescheid.« Sie stand auf. »War das dann alles?«

»Für den Moment, ja.« Monro machte sich auch jetzt nicht die Mühe, sich zu erheben oder auch nur ein freundliches Gesicht aufzusetzen, sondern griff - Bast war sicher, vollkommen wahllos - nach einer Akte und begann darin zu lesen. Bast ließ noch eine Sekunde verstreichen, aber dann wandte sie sich mit einem Ruck um und ging nach draußen.

Der Beamte, der sie hergeführt hatte, wartete noch immer auf sie, trollte sich aber gehorsam, als Maistowe und Abberline ihr folgten und Letzterer ihn mit einer unwilligen Geste davonscheuchte. Deutlich langsamer als er machten sie sich ebenfalls auf den Rückweg, aber Abberline wartete, bis der Mann auch sicher außer Hörweite war, dann sagte er mit besorgtem Gesicht und in noch weit besorgterem Ton:

»Sie sollten Mr Monro nicht so reizen, Miss Bast. Wenn Sie mir die Bemerkung gestatten: Das war nicht sehr klug.«

»Er war auch nicht gerade höflich«, sagte Maistowe, bevor Bast antworten konnte. »Hätten Sie mich nicht vorher gebeten, mich zurückzuhalten, hätte ich diesen Burschen in seine Schranken verwiesen! So spricht man nicht mit einer Lady! Großer Gott, und so etwas ist Mitglied des Badeordens.«

»Des was?«, fragte Bast entgeistert.

»Des Höchst Ehrenvollen Ordens vom Bade. Das ist der viertwichtigste Orden der britischen Krone.«

»Ihr Engländer seid schon ein merkwürdiges Volk«, meinte Bast. »Ich wusste gar nicht, dass englische Männer überhaupt baden, aber auch noch einen Orden dafür zu verleihen ...«

»Ich kann mich für Mr Monros Verhalten nur entschuldigen«, ging Abberline über das Geplänkel hinweg. »Ich kenne ihn als einen recht kompetenten Mann. Erst im letzten Jahr hat er beim goldenen Thronjubiläum ein Attentat der irischen Nationalisten vereitelt. Er steht unter einem enormen Erfolgsdruck, müssen Sie wissen!«

»Trotzdem kein Grund, seine guten Manieren zu vergessen!«, knurrte Maistowe. »Schon gar nicht einer Lady gegenüber!«

»Bitte!«, mischte sich Bast ein. »Niemandem ist gedient, wenn Sie sich jetzt auch noch streiten, meine Herren. Ich kann Monro ja sogar verstehen.« Vor allem, wo er gar nicht einmal so weit von der Wahrheit entfernt ist. »Ich an seiner Stelle hätte vielleicht ganz ähnlich reagiert.«

»Ich auch«, räumte Maistowe ein. »Aber ich hätte es anders ausgedrückt.«

Abberline lächelte, aber er gab sich nicht einmal die Mühe, den Ausdruck tiefer Sorge zu verhehlen, die sich hinter diesem Lächeln verbarg.

Wortlos legten sie den restlichen Weg nach unten zurück. Obwohl sie diesmal in Begleitung eines Kriminalinspektors war, musste Abberline sie penibel aus demselben Buch austragen lassen, in das der Konstabler sie bei ihrem Kommen eingetragen hatte, bevor sie das Gebäude endgültig verlassen durfte. Maistowe runzelte missbilligend die Stirn, hielt sich aber zu Basts Erleichterung mit jeglichem Kommentar zurück, und schließlich waren sie wieder im Freien.

»Soll Ihnen der Konstabler einen Wagen holen?«, fragte Abberline.

»Das ist nicht nötig«, antwortete Bast. »Arthur hat mich hergefahren. Er wartet mit dem Wagen unten beim Obelisken auf mich.«

»Victoria Embankment.« Abberline nickte. »Das ist nicht besonders weit. Trotzdem sollten Sie nicht allein gehen. Nicht bei Dunkelheit. Ich würde Sie gern begleiten, aber leider habe ich noch zu tun. Einer der Konstabler kann Sie ...«

Maistowe räusperte sich übertrieben, und Abberline sah ihn eine Sekunde lang verwirrt an. »Also gut«, sagte er. »Dann verlasse ich mich darauf, dass Sie Miss Bast sicher zurück in die Pension bringen.«

»Ich werde mich bemühen«, sagte Maistowe beleidigt.

FÜNFTES Kapitel

Obwohl es inzwischen vollkommen dunkel geworden war, herrschte auf der Straße noch ein reges Treiben. Vielleicht lag es am Wochentag - es war Sonntag, ein Tag, der den Menschen in diesem Land heilig war, soweit Bast wusste, den sie aber auch für ihr persönliches Amüsement nutzten -, vielleicht besaß Whitehall mit seinen Prachtbauten und Denkmälern auch einfach selbst für die Einwohner Londons eine ganz besondere Anziehungskraft; so oder so kam es ihr vor, als wären jetzt eindeutig mehr Menschen auf der Straße als vorhin, als sie gekommen war. Dann und wann waren die Gehsteige so überfüllt, dass sie auf die Fahrbahn ausweichen mussten.

Seltsamerweise fühlte sie sich kein bisschen sicherer. Im Gegenteil. Der Abend war klar und wolkenlos, und es war sogar wärmer als heute Mittag, als sie aufgebrochen war. Auch der anheimliche Nebel hatte sich inzwischen gänzlich verflüchtigt, und dennoch hatte sie ein Gefühl von Unwirklichkeit, das sich jedem Versuch hartnäckig widersetzte, es zu verscheuchen oder ihm gar mit etwas so Profanem wie Logik beizukommen. Wie zuvor am Mittag verspürte sie plötzlich etwas wie eine Bedrohung, ein Gefühl, als würde sich etwas ebenso Unsichtbares wie Erstickendes ganz langsam, aber auch unerbittlich um sie zusammenziehen. »Sie brauchen sich nicht zu sorgen«, sagte Maistowe plötzlich. »Zum einen ist das hier nicht das East End, sondern die City of London, und zum anderen bin ich ja bei Ihnen.« Er grinste schief. »Was immer das heißen mag.«