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Bast sah ihn im ersten Moment einfach nur verständnislos an, bis ihr klar wurde, dass sie sich immer wieder argwöhnisch umgeblickt hatte, seit sie Scotland Yard verlassen hatten. Jetzt war sie es, die sich in ein verunglücktes Lächeln rettete. »Ich habe keine Angst«, sagte sie und kam sich dabei ziemlich närrisch vor. »Ich hatte nur so ein Gefühl ...«

»... beobachtet zu werden?« Maistowe nickte grimmig. »Vielleicht ist es nicht einmal falsch. Mir geht es nämlich genauso.« Er wandte im Gehen den Kopf und sah sich demonstrativ um. »Es sollte mich nicht wundern, wenn Abberline uns trotz allem einen Begleiter mitgegeben hat. Wenn auch einen, der es vorzieht, unerkannt zu bleiben.«

Es dauerte einen Moment, bis Bast verstand, was er meinte. »Sie glauben, er lässt uns beobachten? Aber ich dachte, dieser Mann wäre Ihr Freund.«

»Er schon, aber Monro nicht«, sagte Maistowe grimmig. »Ich traue diesem Kerl nicht.«

»Ich auch nicht«, pflichtete ihm Bast bei. »Aber uns verfolgt niemand. Ich würde es merken, glauben Sie mir.«

Maistowe blieb skeptisch. »Nicht alle Polizisten tragen Rock und steifen Hut«, sagte er.

»Ich würde es merken«, beharrte Bast. Aber würde sie das wirklich? Sie war sich dessen nicht so sicher, wie sie es gerne gewesen wäre. Irgendetwas ... war da.

»Ja, vermutlich«, gestand Maistowe. »Ich kann mich nur noch einmal entschuldigen. Das alles ist mir so unendlich peinlich. Sie müssen einen ganz schrecklichen Eindruck von unserem Land bekommen haben.«

»Ganz und gar nicht«, widersprach Bast. »Im Gegenteil. Selbst Monro ...« Sie hob die Schultern. »Ich glaube nicht, dass ich ihn zu meinen Freunden zählen möchte, aber er scheint mir trotzdem ein Mann zu sein, der seine Pflichten ernst nimmt.«

»Zweifellos«, sagte Maistowe. Es klang fast widerwillig. »Aber er weiß anscheinend nicht, wer seine Feinde und wer seine Freunde sind!«

Vielleicht wusste er es sogar besser, als gut für ihn war, dachte Bast. Weder sein Orden noch sein Rang würden Monro schützen, wenn Horus und Sobek zu dem Schluss kamen, dass er ihnen auf der Spur war, und entschieden, etwas dagegen zu unternehmen.

»Machen Sie sich keine Sorgen, Kapitän«, antwortete sie. »Ich will nicht sagen, dass ich erfreut über diese Situation wäre, aber glauben Sie mir: Wäre es andersherum und ich wäre als Ausländerin in unserem Land in Verdacht geraten, wäre ich wohl kaum so glimpflich davongekommen.«

»Das sagen Sie nicht nur, um mich zu beruhigen?«, fragte Maistowe. Er maß sie mit einem sonderbaren Blick.

»Ich sage stets das, was ich denke, Kapitän«, antwortete Bast.

»Das freut mich.« Maistowe fuhr sich nervös mit der Zungenspitze über die Lippen. »Aber tun Sie mir doch den Gefallen und nennen mich Jacob. Kapitän klingt so ... distanziert!«

»Aber Sie sind doch Kapitän, oder?«

»Nur auf meinem Schiff«, widersprach Maistowe. Er wirkte plötzlich noch unsicherer, und Bast schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass er sich nicht ausgerechnet diesen Moment ausgesucht haben mochte, all seinen Mut zusammenzukratzen und ihr auch ganz offen den Hof zu machen. Aber sie wurde nicht erhört. »Hier an Land bin ich ... nun, was immer Sie wünschen, dass ich es für Sie bin, Bast.«

Nun war es heraus. Bast spürte Maistowes Erleichterung, die Worte endlich ausgesprochen zu haben, aber auch seine Unsicherheit, wie ihre Reaktion wohl ausfallen mochte. Für einen Moment wusste sie selbst nicht, wie sie reagieren sollte. Was Maistowe da im Sinn hatte, amüsierte sie zum einen - selbst wenn sie nicht gewesen wäre, was sie nun einmal war, hätten sie nun wirklich nicht zusammengepasst -, aber er tat ihr auch leid. Statt ihn auf anderem Wege von seiner albernen Idee abzubringen, versuchte sie es schlichtweg mit der Wahrheit. Sie blieb stehen, wandte sich Maistowe ganz zu und sah ihm fest in die Augen. Aber mehr auch nicht.

»Es reicht mir vollkommen, wenn Sie genau das bleiben, was Sie sind, Kapitän«, sagte sie. »Ein guter Freund.«

»Oh«, murmelte Maistowe.

»Das ist viel mehr, als ich in diesem Land zu finden gehofft habe«, fuhr sie fort. »Und es ist etwas sehr Kostbares, das Sie nicht unterschätzen sollten.« Sie hob die Hand, als er etwas sagen wollte. »Nein, widersprechen Sie mir bitte jetzt nicht aus Höflichkeit. Ich meine es ernst. Ich weiß, dass Sie sich vielleicht ... etwas anderes erhofft haben, aber das hätte keinen Sinn. Ich habe Ihnen erzählt, wer ich bin. Was ich bin. Ich würde Ihnen nur Unglück bringen. Aber ich schätze Sie als einen ebenso aufrechten wie ehrlichen Mann.«

»Ich verstehe.« Maistowe räusperte sich unecht. »Es tut mir leid. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich bitte um Verzeihung.«

»Da gibt es nichts, was ich Ihnen verzeihen müsste, Kapitän.« Bast lachte leise. »Welcher Frau schmeichelt es nicht, wenn ihr ein Mann den Hof macht? Die meisten geben es nur nicht zu, das ist alles.« Sie zwinkerte ihm zu. »Bleiben wir trotzdem Freunde?«

»Selbstverständlich.« Maistowe gab sich alle Mühe, sich zu beherrschen, aber Bast spürte trotzdem, dass er um seine Selbstbeherrschung kämpfte. Unendlich behutsam nahm sie ihm zumindest seine ärgste Enttäuschung - und den allergrößten Teil der Scham, die er plötzlich empfand. In Basts Augen gab es nicht den mindesten Grund dafür, aber es gab selbst nach all der Zeit noch immer Dinge, die sie bei diesen Sterblichen einfach nicht verstand.

Sie gingen weiter. Das Gefühl einer lautlosen Gefahr war noch immer da, wurde aber nun von dem Aufruhr an Empfindungen, den sie zu ihrer eigenen Verblüffung ebenfalls verspürte, nahezu überlagert, und wahrscheinlich war es ohnehin nur Einbildung gewesen. Maistowe schwieg auf den ersten zwei oder drei Dutzend Schritten, und Bast konnte ihm regelrecht ansehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete, und schließlich verlegte er sich auf den hoffnungslos unzulänglichen Versuch, Konversation zu machen. Er begann ihr die Gebäude, Denkmäler und Parks zu erklären, an denen sie vorüberkamen, und Bast versuchte immerhin, Interesse zu heucheln. Insgeheim war sie allerdings erleichtert, als sie sich endlich dem Victoria Embankment näherten und sich die Silhouette der kleinsten der drei Nadeln der Kleopatra wie ein mahnend ausgestreckter Zeigefinger vor ihnen in den Nachthimmel erhob. Unverzüglich wollte sie auf die Straße hinaustreten und den Weg auf diese Weise abkürzen, und Maistowe ergriff sie hastig am Arm und riss sie zurück.

Keinen Moment zu früh. Ein vierspänniges und ebenso großes wie bizarres Gefährt rumpelte auf schweren eisenbeschlagenen Rädern vorüber; so dicht, dass sie den sachten Luftzug spüren konnte, den die mannshohen Speichenräder verursachten.

»Vorsicht!«, mahnte Maistowe. »Sie wollen doch nicht unter die Räder kommen, oder?« Er lachte unecht, wirkte aber mindestens ebenso erschrocken wie sie, und nach einem weiteren Atemzug zog er die Hand hastig zurück und sah irgendwie so aus, als wollte er sich dafür entschuldigen, sie überhaupt angefasst zu haben.

»Was ... war das?« Bast sah dem sonderbaren Gefährt, das sie um ein Haar überrollt hätte, erschrocken nach. Es bot wirklich einen bizarren Anblick: Es war tatsächlich eine Art Droschke, wenngleich auch die größte, die sie jemals gesehen hatte. Obgleich von nur zwei Pferden gezogen, war sie mindestens fünfmal so lang und deutlich breiter als eine normale Kutsche und hatte zahlreiche Fenster, durch die man in ihr von Petroleumlampen erhelltes Inneres sehen konnte. Bast machte eine Anzahl unbequem aussehender, hölzerner Sitzbänke aus, auf denen sich vielleicht ein Dutzend Männer und Frauen befanden - und damit war das seltsame Gefährt noch nicht einmal annähernd besetzt.

»Die Tram«, antwortete Maistowe. Er zog eine Grimasse. »Die neueste Idee der Londoner Stadtverwaltung. So etwas wie eine Kutsche, die stets denselben Weg fährt und an bestimmten Punkten anhält, um Fahrgäste einzusammeln. Eine völlig verrückte Idee, wenn Sie mich fragen. Das wird niemals funktionieren.«