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Bast fand den Einfall gar nicht einmal so schlecht, aber sie sagte nichts dazu. So bizarr ihr das davonrumpelnde Gefährt auch vorkam, viel mehr erschreckte sie die bloße Tatsache, dass es Maistowe gewesen war, der sie gerettet hatte. Sie hatte das heranrollende Fahrzeug nicht einmal gehört! Und das hätte einfach nicht passieren dürfen!

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Maistowe besorgt.

»Ja, sicher«, antwortete Bast. »Ich war nur ... erschrocken.«

»Die Segnungen der modernen Zeiten«, philosophierte Maistowe. »Nicht alles was modern ist, ist deswegen auch automatisch gut.« Sein Blick wurde ehrlich besorgt. »Können Sie weitergehen?«

Bast beantwortete seine Frage, indem sie ganz genau das tat: Sie ging weiter, und plötzlich war es Maistowe, der sich sputen musste, um nicht zurückzufallen. Das sonderbare Gefährt rumpelte davon und verschwand schließlich im Grau der Nacht ... aber nicht völlig.

Etwas ... blieb. Es war, als weigere sich die Nacht, den Schatten vollkommen in sich aufzunehmen. Irgendetwas ... bewegte sich weiter, verborgen in der Dunkelheit, aber nicht gänzlich. Etwas wie eine Gestalt, düster und verschwommen und mit sonderbar wabernden Umrissen, wie ein riesiger schwarzer Vogel, der träge die Flügel bewegte, und ...

»Ist auch wirklich alles in Ordnung?«, fragte Maistowe.

Bast blinzelte, und der Schatten war verschwunden. »Nein«, sagte sie. »Ich meine: Nein, es ist nichts. Ich dachte, ich ... hätte etwas gesehen, aber ich muss mich getäuscht haben.«

Maistowes Blick machte ihr klar, wie wenig überzeugend diese Antwort klang, aber sie gab ihm erst gar keine Gelegenheit, eine entsprechende Frage zu stellen, sondern ging schon beinahe überhastet schnell weiter - diesmal allerdings erst, nachdem sie einen raschen Blick in beide Richtungen geworfen hatte. Niemand versuchte, sie zu überfahren, und auch der Schatten tauchte nicht wieder auf.

»Ist auch tatsächlich alles in Ordnung mit Ihnen?«, beharrte Maistowe zum dritten Mal. Bevor sie antworten konnte, fuhr er kopfschüttelnd fort: »Großer Gott, Sie sehen aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen!«

Bast lächelte flüchtig, wenn auch aus keinem anderen Grund als dem, dass Arthur heute Mittag fast wortwörtlich dasselbe zu ihr gesagt hatte. Einen Moment später verschwand das Lächeln wieder von ihren Zügen, und sie wünschte sich fast, sich nicht erinnert zu haben. Das zweite Mal binnen kürzester Zeit, dass sie wortwörtlich Gespenster sah. Vielleicht sollte sie allmählich anfangen, sich über andere Dinge Gedanken zu machen als einen Möchtegern-Polizeipräsidenten und zwei psychopathische Killer, die in schwarzen Betttüchern herumliefen. Dieses Land bekam ihr anscheinend nicht.

Diesmal unbehelligt überquerten sie die Straße und traten nur einen Augenblick später zwischen zwei sorgsam gestutzten Ahornbäumen auf das Viktoria Embankment hinaus und damit nicht nur in den Schatten des riesigen Obelisken, sondern auch dorthin, wo Arthur mit der Kutsche auf sie wartete.

Oder eigentlich warten sollte.

Der Wagen war nicht da, und im allerersten Moment drohte Bast ob dieser Kleinigkeit beinahe in Panik zu geraten. Sie erinnerte sich genau, wie Arthur vor ihren Augen in den Wagen gestiegen war und sich auf der Sitzbank zu einem unerwarteten Schläfchen zusammengerollt hatte, aber der betagte Zweispänner war verschwunden.

Stattdessen trat Abberline vor ihnen aus den Schatten, gefolgt von zwei uniformierten Bobbys, die beide - selbst ohne ihre albernen Helme - mindestens so groß waren wie sie und ein gutes Stück breitschultriger. Einer von ihnen hatte seinen Knüppel griffbereit in der Hand, der andere war zwar unbewaffnet, beäugte sie aber so unverhohlen misstrauisch, dass jedes weitere Wort der Erklärung überflüssig wurde. Abberline war ihnen nicht aus purer Höflichkeit gefolgt.

»Was ist los?«, fragte Bast. Sie spürte, wie Maistowe hinter ihr scharf die Luft zwischen den Zähnen einsog.

»Sie kommen gleich zur Sache.« Abberline nickte. Sein Gesicht war sehr ernst. »Das gefällt mir.«

»Was soll der Unsinn, Frederick?«, polterte Maistowe hinter ihr los. »Wenn du ...«

Abberline brachte den Kapitän mit einer für ihn vollkommen ungewohnt rüden Geste zum Verstummen, und sein Blick wurde noch einmal um mehrere Nuancen ernster. »Wenn Sie mich schon so direkt fragen, dann will ich Ihnen auch direkt antworten«, sagte er. »Unmittelbar, nachdem Jacob und Sie gegangen sind, habe ich eine Meldung bekommen.«.

»Eine Meldung?« Bast war mehr als leicht beunruhigt. Die Art, wie Abberline dieses Wort ausgesprochen hatte, gefiel ihr nicht.

»Sie haben Ihren Wagen und Ihren Fahrer zurückgelassen?«, fragte Abberline, statt ihre Frage zu beantworten. »Darf ich fragen, wo?«

»Dort drüben!« Maistowe trat mit einem Schritt neben sie und deutete mit dem ausgestreckten Arm zur anderen Seite des Platzes. Vielleicht noch beunruhigender als die Tatsache, dass sie gerade um ein Haar von einer größenwahnsinnig gewordenen Kutsche überrollt worden wäre und es Maistowe gewesen war, der sie im letzten Moment zurückgerissen hatte, war der Umstand, dass auch jetzt wieder er es war, der Arthurs Fuhrwerk zuerst entdeckte und nicht sie. Seine ausgestreckte Hand wies zum Themseufer hinab. »Er hat sich anscheinend einen ruhigeren Parkplatz gesucht. Was, zum Teufel, soll das?«

Die letzten scharf hervorgestoßenen Worte galten Abberline, der aber gar nicht darauf reagierte, sondern sich herumdrehte und ebenfalls in die angegebene Richtung sah. Sehr nachdenklich und deutlich zu lange für Basts Geschmack.

»Frederick, was soll das?«, fuhr Maistowe fort, jetzt aber nicht in scharfem, sondern in eher erstauntem und an Abberlines Freundschaft appellierendem Ton. »Was ist passiert?«

»Kommt mit!« Abberline drehte sich auf dem Absatz herum und ging mit schnellen Schritten los. Seine beiden Begleiter folgten ihm und nach einem fast unmerklichen Zögern auch Bast und Maistowe. Bast verspürte einen kurzen, heftigen Ärger über sich selbst. Die Dinge begannen ihr zu entgleiten. Aber statt noch mehr zu sagen, schritt sie schneller aus und überholte Abberline und die beiden Bobbys. Eines der beiden Pferde hob mit einem unruhigen Schnauben den Kopf und blickte in ihre Richtung, als würde er sie wiedererkennen, das andere starrte teilnahmslos auf den Fluss hinab, der schwarz und sonderbarerweise ohne einen einzigen Stern oder irgendein Licht widerzuspiegeln, hinter dem Wagen lag und die Stadt wie eine bodenlose Schlucht teilte.

Abberline sagte irgendetwas, von dem sie spürte, dass es ihr galt, aber sie ignorierte die Worte, erreichte als Erste den Wagen und schlug mit der flachen Hand gegen die Tür, um den Kutscher zu wecken und ihm eine womöglich peinliche Situation zu ersparen und rief zusätzlich seinen Namen, aber sie bekam keine Antwort.

Jedenfalls nicht von ihm.

»Bitte treten Sie vom Wagen zurück, Ma'am«, sagte Abberline hinter ihr. »Auf der Stelle.«

Unter normalen Umständen hätte Bast ihn nicht einmal einer Antwort gewürdigt, aber irgendetwas war hier so falsch, wie es überhaupt nur ging. Und da war etwas in seiner Stimme, das sie über die Maßen alarmierte. Fast gegen ihren Willen drehte sie sich zu ihm herum und las denselben, beunruhigenden Ausdruck in seinem Gesicht. Er war in drei oder vier Schritten Abstand stehen geblieben und hatte sein Jackett geöffnet, und obwohl er noch nicht einmal die Hände gehoben hatte, war doch klar, dass er eine Waffe darunter trug. Die beiden Bobbys waren ein gutes Stück näher gekommen und zugleich auseinandergewichen. Jetzt hielten beide ihre Schlagstöcke in den Händen.

»Frederick, was ist hier los?«, fragte Maistowe scharf. »Was bedeutet das?«

Abberline ignorierte ihn. »Bitte treten Sie vom Wagen zurück«, sagte er noch einmal. »Auf der Stelle!«

Und möglicherweise hätte Bast ihm sogar gehorcht, hätte sich in diesem Moment nicht der Wind gedreht und einen sachten, aber vollkommen unverkennbaren Geruch mit sich gebracht; ein schweres, süßlich-warmes Aroma, das etwas tief in ihr berührte und eine uralte, längst vergessen geglaubte Gier weckte. Blut.