Mit einer einzigen Bewegung fuhr sie herum und riss die Tür auf.
Sie hatte gewusst, was sie finden würde. Aber nicht, was sie erwartete.
Arthur saß, halb zur Seite gesunken und den Kopf gegen die ungepolsterte Wand gelehnt, auf der rückwärtigen Bank. Seine Augen waren weit aufgerissen und zeigten einen vielleicht sanft erschrockenen, zum allergrößten Teil aber einfach nur fassungslos-erstaunten Ausdruck. Sein schäbiger Mantel und das zerschlissene weiße Hemd, das er darunter trug, waren vom Hals bis eine halbe Handbreit unter den Bauchnabel aufgeschlitzt, genau wie das Fleisch darunter, sodass ihr Blick ungehindert in seine weit offen stehende, leere Bauchhöhle fiel. Nahezu alle inneren Organe waren entfernt worden. Nur seine Gedärme waren noch da, aber nicht mehr alle an Ort und Stelle, sondern in einem Gewirr feucht glänzender Schlingen in seinen Schoß gerutscht. Wie es aussah, hatte er sich kaum zur Wehr gesetzt, und in Anbetracht dessen, was man ihm angetan hatte, war nur sehr wenig Blut geflossen. Dennoch musste Bast im ersten Moment mit aller Macht gegen ein Gefühl heftiger Übelkeit ankämpfen, und ein jäh vorübergehendes, aber maßloses Entsetzen, als sie in sich hineinlauschte und begriff, dass man all das Arthur bei vollem Bewusstsein angetan hatte.
»Ich habe gesagt, Sie sollen vom Wagen zurücktreten!« Jemand packte sie brutal von hinten bei den Schultern und zerrte sie so derb zurück, dass ihr Kopf gegen die Türkante prallte und ein Feuerwerk aus bunten Schmerzblitzen vor ihren Augen explodierte, aber Bast war immer noch viel zu schockiert, um auch nur zu reagieren. Willenlos ließ sie sich von einem der beiden muskulösen Polizisten weiter zurückzerren und registrierte wie aus weiter Entfernung, wie Abberline und der zweite Bobby praktisch gleichzeitig in den Wagen sprangen. Abberline blieb verschwunden, während der Bobby nach kaum einer Sekunde wieder aus dem Wagen heraustaumelte, in die Knie brach und sich würgend übergab.
»Was ...?«, murmelte Maistowe verstört, trat ebenfalls an die offen stehende Tür heran und prallte so heftig zurück, dass er um ein Haar das Gleichgewicht verloren hätte. Er war kreidebleich, als er sich zu ihr herumdrehte.
Bast überwand endlich den lähmenden Schrecken und befreite sich aus dem Klammergriff des Polizisten, indem sie sich schlichtweg aufrichtete und die Schultern straffte. Allerdings hütete sie sich wohlweislich, auch nur die winzigste weitere Bewegung zu machen. Stattdessen schloss sie für eine Sekunde die Augen und zwang sich zur Ruhe.
Als sie die Lider hob, kletterte Abberline rückwärts und mit übertrieben präzise wirkenden Bewegungen aus dem Wagen und drehte sich herum. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos, aber totenbleich, und sein Blick flackerte. Als er versuchte, Bast zu fixieren, gelang es ihm im ersten Moment nicht.
Dann gab er sich einen sichtbaren Ruck, wandte sich jedoch nicht direkt an sie, sondern drehte sich zu dem knienden Polizisten herum und fuhr ihn an: »Reißen Sie sich zusammen, Jones! Stehen Sie auf, Mann! Machen Sie sich sauber, und dann laufen Sie zum Revier zurück und holen Sie Verstärkung! Jeden, den Sie kriegen können! Mindestens zwanzig Mann! Los!«
Der Beamte stemmte sich mühsam in die Höhe, versuchte sich gehorsam herumzudrehen und übergab sich dann noch einmal und ausgiebiger, als sein Blick dabei die offen stehende Tür der Kutsche streifte.
Abberline machte ein angeekeltes Gesicht, sparte sich diesmal aber jeden Kommentar und wandte sich wieder zu Bast um. »Was hat das zu bedeuten?«, fragte er. »Und ich will jetzt kein ich weiß es nicht oder keine Ahnung hören. Die Wahrheit! Auf der Stelle!«
»Frederick, du ...«, begann Maistowe.
»Schweigen Sie, Kapitän!«, fuhr ihm Abberline ins Wort. »Noch ein Laut, und ich lasse Sie ebenfalls verhaften!«
Maistowe sah ihn verdutzt an, schwieg aber gehorsam, und Abberline machte eine ärgerliche Geste zu dem Polizisten hinter Bast. »Gut, dann laufen Sie zum Revier, Barton! Und wenn es geht, heute noch!«
Der Bobby machte gehorsam einen Schritt zurück und drehte sich herum, blieb aber dann doch noch einmal stehen. »Sind Sie sicher, Sir, dass Sie ...?«
»Keine Sorge, Barton«, sagte Abberline und zog einen Revolver. »Ich komme hier schon zurecht. Gehen Sie.«
»Bist du ... bist du verrückt geworden, Frederick?«, keuchte Maistowe. »Was soll der Unsinn? Steck die Waffe ein!«
Abberline tat nichts dergleichen, sondern zog ganz im Gegenteil den Hahn zurück und zielte nun direkt auf Basts Gesicht. »Seien Sie vernünftig und versuchen Sie nicht zu fliehen, oder etwas noch Dümmeres zu tun, Ma'am«, sagte er kalt. »Ich würde nur äußerst ungern auf Sie schießen, aber ich werde nicht zögern, es zu tun, seien Sie versichert.«
»Du ... du musst den Verstand verloren haben!«, ächzte Maistowe. »Du kannst doch nicht wirklich glauben, dass ... dass sie das da war!«
»Wahrscheinlich nicht«, antwortete Abberline. »Aber ich bin sehr sicher, dass sie sehr viel mehr darüber weiß, als sie bisher zugegeben hat.« Seine Stimme wurde irgendwie ... offizieller. »Miss Bast, im Namen Ihrer Majestät verhafte Sie hiermit und fordere Sie auf, mir widerstandslos zu folgen.«
Bast reagierte gar nicht, aber das schien Abberline nicht zu genügen. Ohne sie auch nur einen Sekundenbruchteil aus den Augen zu lassen, machte er einen halben Schritt zur Seite und wedelte gleichzeitig mit der freien Hand. »Jones, haben Sie Ihre Handschellen dabei?«
Der Bobby würgte eine Antwort hervor, die keiner von ihnen verstand, kam aber gehorsam - wenn auch sichtbar schwankend - näher und grub dabei in seiner Jackentasche.
»Ich werde mir bestimmt keine Handschellen anlegen lassen«, sagte Bast ruhig.
»Dann zwingen Sie mich, Gewalt anzuwenden«, antwortete Abberline ...
... und nur ein kleines Stück neben ihnen teilte sich das Buschwerk und spie eine riesige, in fließendes Schwarz gehüllte Gestalt aus, die so schnell und lautlos wie ein Gespenst an Abberline und dem Bobby vorüberhuschte und auf der anderen Seite in der Dunkelheit verschwand, dass nicht einmal Bast mehr als einen verschwommenen Schemen erkannte. Aber nur einen halben Atemzug später stürmte eine zweite, kaum weniger große Gestalt aus dem Gebüsch heraus und jagte der ersten mit weit ausgreifenden Sätzen hinterher.
»Inspektor! Halten Sie ihn auf! Das ist der Kerl!«
Tatsächlich drehte sich Abberline herum und zielte nun mit seiner Pistole hilflos in die Richtung, in der die schwarze Gestalt verschwunden war - mit dem einzigen Ergebnis allerdings, dass er wahrscheinlich seinen eigenen Kollegen getroffen hätte, hätte er in diesem Moment abgedrückt. Gottlob war er viel zu perplex dazu. Selbst Bast starrte dem Schatten nur fassungslos nach.
Für die Dauer eines halben Atemzuges.
Dann erwachte sie nicht nur endlich aus ihrer Erstarrung, sondern war auch mit einem einzigen Schritt an Abberline und mit dem zweiten an Arthurs Wagen vorbei; gerade noch rechtzeitig, um einen riesigen finsteren Schatten zu sehen, der sich mit weit ausgebreiteten Schwingen abstieß und verschwand.
Nach unten, nicht nach oben.
Um ein Haar hätte Bast es ihm gleichgetan, wenn auch alles andere als freiwillig.
Es waren ihre Instinkte, die sie retteten, nicht ihr bewusstes Denken. Vor ihr war kein fester Boden mehr, sondern ein gut zwanzig Fuß tiefer Abgrund, unter dem die Themse dahinfloss wie ein Band aus gemauerter Schwärze. Bast warf sich hastig zurück und griff aus der gleichen Bewegung heraus auch noch nach dem Polizisten, der hinter ihr herangestürmt kam und vom Schwung seiner eigenen Bewegung unweigerlich über die Kante getragen worden wäre.